Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wie sich die Sexualität der Jugend verändert hat? Keine Frage, die Martin Goldstein uns beantworten möchte. Der Mann, der als erster «Dr. Sommer» vor 40 Jahren die Jugend in Sachen Liebe und Sex beraten hat, sieht das Problem ganz woanders: bei den Erwachsenen.
«Er berührte mich. Er war 25 und ich 17. Er küsste mich. Ich zog ihn aus. Ich wusste nicht was ich tat. Warum tue ich das wohl?» Lydia war zehn, als sie dieses Gedicht geschrieben hat. Auch für Zehnjährige ist Sexualität ein Thema: Martin Goldstein ist das klar, vielen Eltern und Lehrern allerdings nicht. Und gerade hat ja auch erst die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in ihrer Studie festgestellt: Die Jugend ist nicht so «frühreif und hypersexualisiert», wie die Gesellschaft ihr gerne vorwirft. «Deutsche Mädchen und Jungen haben heute weniger Sex als noch vor fünf Jahren», wissen wir jetzt. Ein positives Ergebnis? Und wie passt das mit Lydias Vorstellungen zusammen?
Ein Mann muss es wissen. Martin Goldstein war von 1969 bis 1984 Dr. Sommer bei der Bravo, der allererste in Deutschland, der ganz offen über sprießende Schamhaare und erigierte Geschlechtsteile gesprochen hat. Ein «Briefkastenonkel», wie er heute sagt. Denn hunderttausende hilfesuchender Anfragen mit den Antworten einer anonymen Gestalt abzuspeisen, kann er inzwischen nur noch als Übergangslösung sehen. «Ich sage das halb verschämt, weil ich auch so viel Geld verdient habe als anonymer Guru», gibt «Dr. Sommer» zu. Halb, weil er es immerhin für permanente Weiterbildung verbraucht habe.
Doch eine Antwort auf die Frage nach der Jugend und ihrer Sexualität will uns Goldstein so leicht nicht geben. Wer mit dem 83-Jährigen sprechen möchte, soll sich erst mit dem beschäftigen, was ihn beschäftigt. Es seien nur einige Din-A4-Flyer, schreibt der 83-Jährige - und schickt eine E-Mail mit langem Anhang. Nicht Sexualität oder Frühreife der Jugend sind da das Problem: «In Wirklichkeit ist Pubertät als wirkliche Lebenskrise ein Problem für Erwachsene.» Wer sich einliest in seine Theorie, stößt immer wieder auf bestimmte Grundforderungen: «Respektiert ihre Scheu und ihre Neugier.» Und vor allem: «Antwortet mit dem, was ihr selbst erlebt habt.» Denn sexuelle Probleme seien immer Kommunikationsprobleme.
Befreiung: aus dem KZ, aus der Isolation, aus dem Schweigen
Es klingt alles so liebevoll, was er über die pubertierenden Monster schreibt, die Eltern und Lehrer zum Wahnsinn bringen. Kinder und Jugendliche schreiben Gedichte wie Lydia - aber mit wem sprechen sie darüber? «Sie erzählen nichts, weil es dann heißen könnte, mach doch erst mal deine Schularbeiten.» Deshalb sei diese Kluft zwischen Jugendlichen und Erwachsenen bis heute nicht überwunden. Deshalb, und weil sich auch sonst nichts geändert habe. Am Kapitalismus nicht, an der Schere zwischen Arm und Reich nicht. «Das ist politisch so festgefahren, dass sich an der privaten Sexualität auch nichts ändern könnte.»
Aber eigentlich möchte Martin Goldstein gar nicht über Politik reden. Doch Befreiung ist sein Lebensthema. «Da ich selbst im KZ gewesen bin, hat es mein Leben geprägt», erklärt er, jetzt, wo er doch mit uns telefoniert, möchte er alles erklären, um richtig verstanden zu werden. «Es ist der Eifer meiner Erfahrungen», entschuldigt er sich. Und aus seinen 50-jährigen Erfahrungen heraus fordert er: «Statt neuen Wein in alte Schläuche: Neue Schläuche!»
Wer Goldsteins Flyer liest, lernt die «Liebesschule» kennen. Er selbst war glücklich, als er sie vor zwei Jahren gefunden hat: «das Modell, das ich lebenslang gesucht habe». Dabei existierte es schon seit ein paar Jahren. Väter waren es, die damals in Potsdam die Möglichkeit gesucht haben, ihren Jungs auf dem Weg in die Sexualität die Hilfe zu geben, die sie selbst nicht leisten konnten. Denn die Initiation junger Teenager könne nicht in der Familie und schon gar nicht in der Schule stattfinden, betont Goldstein - sei aber doch Aufgabe der Erwachsenen.
Sexualkunde-Unterricht macht Asche aus Sexualität
Schließlich solle die Aufklärung dazu ermutigen, eigene Wege zu gehen, und das gehe nur über den Konflikt mit sich selbst und den Eltern. Da seien andere Bezugspersonen, etwa nahestehende Erwachsene besser. Und die Schule? Der Sexualkunde-Unterricht macht Asche aus den ersten sexuellen Gedanken und Erlebnissen, findet «Dr. Sommer». Asche, weil es in der Enge des Klassenzimmers nur um Wissen und Unfallverhütung gehe und zu wenig um Gefühle und erlebte Lust-Erfahrungen. Sexualität ist der Feind, von Anfang an. «Obwohl alle Kinder von Geburt an sexuelle Wesen sind.»
In der «Liebesschule» hingegen geht es ein Vierteljahr lang einmal in der Woche raus in die Wildnis, Mädchen und Jungen zwischen 11 und 14 erproben das selbstständige Überleben, beim Zelten und am Lagerfeuer. Hier können sie reden, fragen, und es wird ihnen zugehört. «Gedanken austauschen, damit sie lernen, dass Sexualität nicht auf Vögeln, sondern auf Selbstliebe basiert.» Auch, damit sie lernen, Sätze wie «Ich sehe scheiße aus» aus dem Leben zu streichen. Es geht ums Kennenlernen mit allen Sinnen des Körpers, erklärt Goldstein. So ähnlich wie bei den Initiationsritualen der Indianer. Aber weil Kinder heute in isolierten Familien aufwachsen, brauche es ein Modell wie die «Liebesschule». Dort entstehen Gedichte wie das von Lydia.
Er hat sie und andere Kinder später wiedergetroffen, als junge Erwachsene. «Ich war berührt, wie frei und ungezwungen sie miteinander redeten und mit mir. Die so Initiierten hätten sich nicht missbrauchen lassen auf dem Internat», sagt Goldstein. Und stößt damit einen Aspekt an, den jeder gleich mitdenkt bei dem Gedanken, seine Kinder von anderen Erwachsenen zur Sexualität ermutigen zu lassen. Bestimmte Charakterstrukturen könnten wir nicht ändern, meint Goldstein beim Stichwort Pädophilie. Gerade weil diese Menschen in ihrer Jugend nicht bekommen haben, was sie gebraucht hätten. «Es ist besser, die Kinder zuzurüsten, ihnen zu sagen: ‹Es gibt etwas, was gar nicht gut für dich ist.› Man muss auch die Schattenseiten erklären, aber nicht damit anfangen.»
Deshalb hält der Mann, der nicht mehr «Dr. Sommer» sein will, auch nicht viel von den Studien. Weil sie Normen verbreiten, die weder den Jugendlichen noch den Erwachsenen helfen. «Das beste ist, wenn es von Angesicht zu Angesicht besprochen wird. Kinder sind nie zu jung, um darüber zu sprechen, sobald es sie bewegt.»
«Ich weiß es. Ich weiß es. Ich bin eine Frau», schreibt Lydia, 10 Jahre alt, am Ende ihres Gedichtes.
jag/reu/news.de
@Sabrina: Die Bravo hat überhaupt nix zerstört. Lieber ein klinischer Dr.Sommer, der wenigstens die Dinge beim Namen nennt und die Jugendlichen ernst nimmt, als das, was damals an unserer Schule im Biologieunterricht unter Sexualkunde lief – _der_ war ein Lehrstück dafür, wie man Kinder zu möglichst verklemmten Erwachsenen erzieht, für die Sex irgenwas ist, aber kein Quell für Forscherdrang und Lebensfreude.
Kommentar meldensabrina, dieses miese Bravo, hat 100.000 kleinen Menschen geholfen mit Ihren Fragen rund um die Sexualität u. Freundschaften klarzukommen . mein Tipp , lies wieder Brava , aber lass dich nicht von Mamma erwischen .
Kommentar meldenAbraham , geh Beten , ansonsten sei sitill.
Kommentar meldenLiebesschule. Sehr schöne Idee. Schade, dass es soetwas früher nicht gab.
Kommentar meldenSCHLEIHWERBUNG!!!!!!!!!!!!!AB-SCHAFFEN!!!!!!!!!!!!!!
Kommentar meldenso war es..., und dieses miese BRAVO die sie in ihren Hände hlten hat dieses natürliche zerstört, ich kann mich gut erinnern, lange her, aber man wurde verdorben und verführte auf ganz gemeine weise die Jugend zum frühen angeblich normalen! sex, diese jetzige generation ist es sattttttttt.
Kommentar meldenso war es..., und dieses miese BRAVO die sie in ihren Hände hlten hat dieses natürliche zerstört, ich kann mich gut erinnern, lange her, aber man wurde verdorben und verführte auf ganz gemeine weise die Jugend zum frühen angeblich normalen! sex, diese jetzige generation ist es sattttttttt.
Kommentar meldenStimmt ,Felix Kroll. Ein Kind ist eine Persönlichkeit genau wie ein Erwachsener. Hat auch schon kleine Probleme . Dies muß ein Erwachsener ernst nehmen .An die Kindheit sollte sich jeder erinnern ,dies war ja eine sehr schöne umsorgte Zeit .Ich wuchs in einer Kleinstadt auf . Wenn ich meine Oma besuchte ,da habe ich sehr viel Kontakt zu den Tieren gehabt .Dies möchte ich absolut nicht missen ,denn ich sah ,wie ein Pfohlen geboren wurde gab es einen Namen und wie Kücken aus dem Ei schlüpften, .Durch den Besuch zu meiner Omi bekam ich Einblick in die Landarbeit ,die sehr hart ist
Kommentar meldenEin Kind fühlt, denkt und empfindet schon wie ein Erwachsener. Alle müssten sich normaler Weise an ihre Kinderzeit erinnern können. Wer auf dem Lande grossgeworden ist, war wahrscheinlich etwas besser dran, als ein Grossstadtkind. "Dr.Sommer" sprach von den Initial-Ritualen der Indianer, die fanden bei uns im Kornfeld statt. :-)
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