Mo., 13.02.12

Unglücks-Reaktionen Wie Chile mit seinen Kumpels fühlt

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Artikel vom 01.09.2010

Das Land lebt in den 33 Kumpeln, 700 Meter tief unter der Erde. «Wären wir genauso tapfer?», fragen sich Kolumnisten der Zeitungen. Das zweite Gefühl neben der Empathie ist die Wut. Auf die Betreiber der Mine und die laschen Aufsichtsbehörden. Ein Blick in die Presse.

Grubenunglück in Chile

«Nachdem wir das Video dieser 33 Kumpel in der Mine San José gesehen haben, können wir nur schweigen: um ihre Stimme zu hören, die uns bewegt, und um zu schauen, ob wir auch ein Stück von ihrer Tapferkeit, ihrer Kameradschaft, ihrem Stolz in uns finden.» Große Worte, die der Kolumnist Eugenio Tironi da im Blog der chilenischen Tageszeitung El Mercurio schreibt. Keine Frage, die 33 eingeschlossenen Kumpel bewegen Chile. Zutiefst. Die Herzen, die Gemüter - und es gibt viel Zorn auf die Verantwortlichen.

Seit 26 Tagen vergeht kein Tag, an dem die 33 nicht auf den Titelseiten der Tageszeitungen stehen. Heute ist im staatlichen Fernsehen das zweite Video der Verschütteten zu sehen - in neuen roten T-Shirts, einige sogar rasiert, halten sie die Daumen nach oben, grüßen gut gelaunt ihre Familien und schwenken die Nationalflagge.

Eine Aufmerksamkeit, die dem Sicherheitszustand ihrer Minen zuvor offenbar nicht entgegengebracht wurde. Diese Minen sind ein großes Stück chilenischer Geschichte und Gegenwart. Nicht umsonst arbeitete sich der Großvater in Isabel Allendes Geisterhaus, dem chilenischen Welt-Bestseller, vom Minenarbeiter zum Patriarch hoch. In Chile liegen 40 Prozent der weltweiten Kupfervorkommen, das Metall ist eines der wichtigsten Exportgüter des Landes, der Staatsbetrieb Codelco der größte Kupferkonzern der Welt.

Genauso Teil der chilenischen Geschichte sind aber auch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter. Victor Jara hat sie besungen, der Liedermacher der chilenischen Seele, der nach dem Putsch gegen den Sozialisten Allende 1973 ermordet wurde. «Diese Landsmänner in 700 Meter Tiefe waren nötig, damit wir uns bewusst werden, worauf Chile aufbaut», schreibt Tironi. «Unser Wohlstand basiert auf der Entsagung dieser Gesichter. Es war nötig, sie in dieser beängstigenden Dunkelheit zu sehen, damit dieses Chile ans Licht kommt, von dem wir alle abhängen.»

Eine lange Kette von Fahrlässigkeiten

Auch bei der deutschen Wochenzeitung Condor, die jeden Freitag in Santiago de Chile erscheint, steht das Grubenunglück auf der Titelseite. «Das Wunder von Chile» überschreibt Arne Dettmann seinen Artikel. Als Wunder empfindet man das Überleben der 33 Kumpel tatsächlich - doch was wir hier als bemerkenswerte Leistung der chilenischen Regierung wahrnehmen, die komplexe Rettungsaktion mit teurem deutschen Gerät, die psychologische Versorgung und die Unterstützung durch die Nasa, nennt Autor Arne Dettmann eine «selbst gemachte Tragödie». Das Unglück sei einer langen Kette von Fahrlässigkeiten des Minenbetreibers und unterlassener Sicherheitskontrollen des Staates geschuldet, schreibt er.

Dettmann erzählt von Schichtführer Luis Urzúa, der großen Anteil daran hat, dass die 33 Bergleute nicht psychisch und körperlich verfallen im Schutzraum vegetieren, sondern ihre Vorräte rationierten und die wenigen Quadratmeter in Schlaf-, Toiletten- und Bewegungszonen unterteilten. Für den Bergbauminister wurde sogar die Nationalhymne angestimmt.

In Anbetracht ihrer Situation klingt das allerdings fast zynisch, genauso zynisch wie der Satz, mit dem die Tageszeitung La Tercera heute den Unternehmer der Mine, Alejandro Bohn zitiert: «Wir wollten unseren Arbeitern nicht wehtun.» Denn der Schlamperei von Betreiber und Aufsichtsbehörde wird die Schuld an dem Unglück zugeschrieben. Dettmann berichtet auch, wie die 33 unter der Leitung von Urzúa versuchten, über den Ventilationsschacht ins Freie zu gelangen - um dann 265 Meter vor dem Tageslicht enttäuscht umzukehren: Die Rettungsleiter, die 2007 von der Behörde vorgeschrieben worden sei, hörte plötzlich auf.

Vorwürfe auch gegen den Präsidenten

Warum konnte das Unglück geschehen? Warum wurde die Mine am 28. Juli wieder eröffnet, nachdem am 3. Juli ein Bergarbeiter bei einem Unfall sein Bein verloren hatte? Bohn sitzt derzeit vor dem Untersuchungsausschuss, der Regionalpolitiker, der die Wiedereröffnung der Mine vollzog, ist zurückgetreten, nicht ohne den Zentralismus der Staatsbehörden zu kritisieren, die die regionalen Fachleute übergingen.

Der Unfall am 3. Juli ist nur der bisher letzte in einer Kette von Vorfällen, die derzeit in der chilenischen Presse diskutiert werden. Sie reichen von dem Dammbruch, bei dem 1992 die Abwässer der Mine einen Fluss vergifteten, über den Tod eines Lastwagenfahrers im November 2006 bis zu der Wand, die im Januar 2007 einen Minenarbeiter unter sich begrub.

Chiles konservativer Präsident muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass ihm das Wirtschaftswachstum stärker am Herzen liegt als die Sicherheit der Kumpel und zieht nun die Schrauben an. Seit dem 5. August habe die Behörde ein Dutzend weiterer Minen gesperrt. Im Kreuzfeuer stehen jedoch Alejandro Bohn und sein Kampagnon Marcelo Kemeny.

Staatsanwalt Héctor Mella will noch in dieser Woche Untersuchungshaft für die beiden Unternehmer beantragen, wie El Mercurio berichtet. Die Wut der Chilenen ist ihnen sicher. Sie könnten die Gehälter der Bergleute nur noch bis August garantieren, haben sie verlauten lassen, weil die Gesellschaft vor dem Bankrott stehe. «Unglaublich», kommentierte Bergbauminister Laurence Golborne. Doch auch die Behörden bekommen es jetzt mit Mella zu tun. Die Akten der Bergbaubehörde Sernageomin werden bereits untersucht.

Für Danae Castro Aranda ist diese Untersuchung vorerst zweitrangig. Die 19-Jährige ist die Hauptdarstellerin in Dettmanns Bericht, der Vater ihres ungeborenen Babys sitzt in 700 Metern Tiefe. «Er wird abgemagert sein, aber das macht mir nichts aus. Die Zeit und meine Liebe werden die Wunden heilen», zitiert der deutsche Journalist die junge Frau.

mac/bjm/ivb/news.de
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