Mo., 13.02.12
Integration

Juden in Deutschland Jubelschrei der Integration

Von den news.de-Redakteuren Denise Peikert und Jan Grundmann

Artikel vom 30.08.2010

Während in Berlin Thilo Sarrazin gegen Juden wettert, wird in Leipzigs Synagoge die Integration gefeiert. CDU-Tillich, Linken-Gysi und ein riesiges Medienaufgebot stehen  Spalier bei der Amtseinführung zweier Rabbiner. Doch das grelle Scheinwerferlicht für die Orthodoxen missfällt den liberaleren Juden.

In Berlin redet Thilo Sarrazin über Integration, in Leipzig tut es Moshe Baumel. Der junge Mann feiert heute seine Ordination, eine Zeremonie, nach der er offiziell Rabbiner ist. Baumel, der aus Litauen stammt und den für seine Branche typischen schwarzen Hut ein bisschen schief trägt, hält seine Rede auf deutsch. Die Sprache sei für die vor allem aus der Sowjetunion nach dem Krieg aus Deutschland gekommenen Juden ein Weg gewesen, hier heimisch zu werden. «Das hier ist nicht nur eine Ordinations-, sondern auch eine Integrationsfeier», sagt Baumel.

Im Buch, dass Thilo Sarrazin heute in Berlin vorstellt, geht es um dasselbe, um Integration. Und eigentlich liegt die Annahme nahe, dass der SPD-Politiker auch in Leipzig Thema ist. Hat doch Sarrazin erst am Wochenende die kulturelle Eigenart der Völker als faktisch gegeben dargestellt und den Satz gesagt: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen». Waren seine Aussagen auch schon vorher umstritten, so hat er seine Provokation damit auf die Spitze getrieben – zumindest gemessen an den Entrüstungen.

Aber in den Reden, die unter anderem Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden und der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich anlässlich der Ordination in Leipzig halten, kommt Sarrazin nicht vor. Es geht um Antisemitismus, ja. So verurteilt Tillich die kürzliche Verwüstung des jüdischen Friedhofs in Dresden und Knobloch spricht davon, dass die Juden in Deutschland «anhaltender Agitation und Bedrohung» ausgesetzt sind. Beim Versuch aber, ein Gespräch in der Leipziger Synagoge auf Thilo Sarrazin zu lenken, verstummt selbiges. Das ist kein gutes Thema, wo es heute vor allem um das Positive, das «wiedererstarkende jüdische Leben» gehen soll, wie es der Zentralrat formuliert.

Orthodoxer Ritus: Frauen und Männer getrennt, hebräische Liturgie

Moshe Baumel und Shlomo Afanasev, der heute ebenfalls sein Rabbiner-Zertifikat erhält, sollen die leuchtenden Beispiele dafür sein. Erst zum zweiten Mal werden Juden, die in Deutschland ausgebildet worden sind, in das Amt eines orthodoxen Rabbiners eingeführt. Baumel und Afanasev sind Nummer drei und vier, am Rabbinerseminar zu Berlin haben sie drei Jahre lang studiert. Dort beschäftigten sie sich mit der heiligen Schrift der Juden, der Tora und besuchten jüdische Gemeinden in Deutschland für Praktika. «Wir brauchen Rabbiner, die auf deutschem Boden gewachsen sind», sagt Shlomo Afanasev, der ab sofort in Potsdam arbeiten wird.

Im 40 Kilometer entfernten Halle an der Saale hält Karl Sommer nicht viel von der Art, wie Baumel und Afanasev künftig den Gottesdienst leiten werden: nach dem orthodoxen Ritus werden sie Frauen und Männer getrennt halten und die Liturgie auf hebräisch vortragen. Sommer steht der enzigen ostdeutschen liberalen Synagogengemeinde in Halle vor und hat die Einladung zur Ordination nach Leipzig ausgeschlagen. «Wir verzichten auf irdischen Ruhm, wir wollen uns öffentlich nicht zur Schau stellen», sagt er.

Streit zwischen orthodoxen und liberalen Juden

Die meisten liberalen jüdischen Gemeinden sind nicht Mitglied im Zentralrat, sie werden vertreten durch die Union progressiver Juden in Deutschland. Beide Organisation hatten stets Differenzen, 2004 brach offener Streit aus. Jan Mühlstein, Vorsitzender der Union progressiver Juden, forderte eine finanzielle Gleichberechtigung bei der Verteilung staatlicher Fördermittel. Jährlich erhält der Zentralrat etwa drei Millionen Euro vom Bund.

Inzwischen ist dieser Streit fast überall beigelegt – nur in Sachsen-Anhalt nicht. Die Landesregierung weigere sich weiterhin, trotz eines Grundatzurteils des Bundesverwaltungsgerichts, den einzelnen Strömungen der Konfessionen Geld zu überweisen, klagt Karl Sommer. So würden die Orthodoxen über die Geld-Weitergabe an die liberale Synagogengemeinde befinden. «Das ist, als wenn der Papst über die Finanzmittel der evangelischen Kirche entscheidet.»

Dabei seien es doch weltweit die liberalen Juden, die den israelischen Staat finanzierten, so Sommer, der den Prozess vorm Bundesverwaltungsgericht angestrengt hatte. So wünscht Sommer beiden Leipziger Rabbinern «den Segen des Allmächtigen» - und holt dann zum verbalen Schlag gegen die Orthodoxen aus. Das klingt, als wenn sich ein evangelischer Pfarrer über das katholische Rom auslässt. «Wir leben doch im 21. Jahrhundert», so der liberale Jude, «bei uns sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Eine Frau, die aus der Tora liest, das wäre den Orthodoxen doch ein Greuel.»

sck/news.de
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Juden in Deutschland: Jubelschrei der Integration » Gesellschaft » Nachrichten

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Leserkommentare (5)
  • Kommentar: 5
  • 15.09.2010 23:05
von
sinni
Antwort auf Kommentar 1

Oder eher den Krieg den die Araber gegen Israel führen...denn wenn ich mich nicht irre wurdes sie bisher immer angegriffen

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  • Kommentar: 4
  • 14.09.2010 17:27
von
debema

Als Nachtrag zu meinem Beitrag Nr.3 empfehle ich, das die USA als Schutzmacht Israel's gut daran tut, einen neuen Bundesstaat zu kreieren, weil Israel als Staat eigentlich ohne die USA gar nicht handlungsfähig ist. Die EU hätte eine Sorge weniger.

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  • Kommentar: 3
  • 13.09.2010 11:08
von
debema

Ich hätte gerne gewußt, warum Israel ein europäischer Staat ist? Warum darf Israel an europäischen Sportereignissen als europäischer Staat teilnehmen? Seit wann führt ein europäischer Staat Krieg gegen die Araber? Also rann an die Beantwortung meiner Fragen!

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  • Kommentar: 2
  • 11.09.2010 14:45
von
wega

Warum werden christliche deutsche Steuergelder für jüdische Gemeinden ausgegeben? Warum wird eine Frau Steinbach angegriffen, wenn Sie die Warheit über die polnische Mobilmachung spricht? Deutsche Politiker sollten sich mal mit der deutschen Geschichte befassen. Warum werden Unterlagen in den Archiven in England,USA,Russland,usw. nicht frei gegeben? Leute fangt an die richtigen Fragen zu stellen!

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  • Kommentar: 1
  • 10.09.2010 18:05
von
debema

Wer ist denn nun für den Nah-Ostkonflikt verantwortlich, die orthodoxen oder die liberalen Juden ? Diese Unterscheidung macht doch keinen Sinn im Hinblick auf die seit 1950 andauernden Kriege Israels gegen die Araber, um das tausendjährige sogenannte jüdische Land zurück zu erobern. Es ist schlicht und ergreifend verantwortungslos, wie die israelische politische Elite zur Wahrung jüdischer Wertevorstellungen den Rest der Welt an der Nase herum führt. Es keine gut Referenz für jüdisches Kulturgut. Wer kümmert sich denn um die Millionen vertriebenen Palästinenser?

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