So., 12.02.12

Mainzer Uni-Klinik Drittes Baby wird obduziert

Artikel vom 24.08.2010

An der Mainzer Universitätsklinik ist ein drittes Baby möglicherweise durch verschmutzte Infusionen gestorben. Das Frühgeborene wird jetzt obduziert. Der Zustand vier weiterer Kinder, die Infektionszeichen aufwiesen, hat sich unterdessen gebessert.

Wie Klinikchef Norbert Pfeiffer sagte, handelte es sich bei dem jetzt gestorbenen Säugling um ein sehr kleines Frühgeborenes mit sehr niedrigem Geburtsgewicht, das durch seine körperliche Unreife extrem gefährdet war und intensivmedizinisch betreut werden musste. Laut dem Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, Fred Zepp, war die organische Unreife des Frühgeborenen das «wesentliche Element, das die Probleme erzeugt hat». Sein Immunsystem sei noch nicht vollständig ausgebildet gewesen und habe damit keine Barriere gegen Keime bilden können. Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen.

 Der tote Säugling wurde für weitere Untersuchungen zur genauen Todesursache in die Gerichtsmedizin gebracht, die Obduktion sollte im Laufe des Dienstags stattfinden. «Auch zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht, wie die Todesursache lautet», sagte Pfeiffer. Er betonte, dass man dem Recht der Familie und des Kindes auf einen würdigen Abschied in Ruhe Vorrang vor der Informierung der Öffentlichkeit gegeben habe, weswegen der Tod des Säuglings erst am Dienstag mitgeteilt worden sei. Die Kriminalpolizei sei aber natürlich bereits am Montagabend informiert worden.

«Furchtbar, wenn Patienten sterben»

«Dieser weitere Todesfall löst bei allen Beteiligten große Trauer und Betroffenheit aus. In Gedanken sind wir bei den Eltern und Angehörigen des Kindes», fügte der Vorstandsvorsitzende der Universitätsmedizin hinzu. Auch für die Mitarbeiter der Klinik sei dies eine «ganz schwere Zeit». Es sei «furchtbar, wenn überhaupt Patienten versterben, wenn es kleine Kinder sind, ist es noch schlimmer». Wenn dann noch die Vermutung im Raum stehe, dass die Klinik zur Verschlechterung des Zustands beigetragen habe, «dann ist das ganz schwer auszuhalten». Den Eltern der Kinder und den Mitarbeitern sei psychologische Beratung angeboten worden.

Bei den anderen vier Kindern, die ebenfalls nach Erhalt der verunreinigten Infusion Entzündungs- und Infektionszeichen gehabt hätten, sei in der Nacht eine Besserung eingetreten und ihr Zustand habe sich stabilisiert, sagte Pfeiffer. Sie seien natürlich weiter sehr krank, da sie ja wegen ihrer Grunderkrankung auf der Intensivstation seien, aber aus jetziger Sicht sei nicht damit zu rechnen, dass es bei ihnen wegen der Keime zu weiteren Todesfällen kommen werde.

Der Weg der Verkeimung ist laut Pfeiffer weiter unklar: «Es ist immer noch die gesamte Kette vom Bezug der Infusionslösung über die Mischung im Verdacht.» Die Untersuchungen liefen noch, man erwarte keine schnellen Ergebnisse. Klarheit gebe es aber beim zweiten Keim, der inzwischen identifiziert sei. Es handele sich um Escherichia hermannii, einen normalerweise harmlosen Keim, den jeder im Darm trage. «Aber wenn er an die falsche Stelle im Körper gerät, dann kann er krank machen.» Bei dem anderen Keim handelt es sich um Enterobacter cloacae.

Untersuchungs-Ergebnisse frühestens Dienstagnachmittag

Die Klinik hält es selbst für möglich, dass es in der hauseigenen Apotheke zur Verschmutzung gekommen ist. Die beiden Mitarbeiter, die am Freitag die Flüssignahrung hergestellt hatten, werden psychologisch betreut. Dieses Angebot gibt es auch für die Eltern der betroffenen Kinder.

Die Untersuchung der Schläuche, die bei der Herstellung einer mit Bakterien verseuchten Infusion in der Uniklinik Mainz verwendet wurden, dauern bis mindestens Donnerstag an. Erst dann sei frühestens mit Ergebnissen der mikrobiologischen Analyse zu rechnen, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei mit. Die endgültigen Ergebnisse der Obduktion der drei Säuglinge, die nach Gabe der verschmutzten Nährlösung starben, dürften frühestens in einigen Wochen vorliegen.

FDP fordert neue Hygiene-Regeln für Krankenhäuser

In einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte FDP-Bundestagfraktionsvize Ulrike Flach: «Wir haben auf dem Gebiet der Krankenhaus-Hygiene ein großes Problem, auf das der Gesetzgeber dringend reagieren muss.» Bis zu 600.000 Menschen würden sich in deutschen Kliniken jährlich mit Krankheitserregern infizieren. «Bis zu 40.000 Patienten sterben jedes Jahr an diesen Infektionen.»

Die FDP-Fraktion werde deshalb nach der Sommerpause die Initiative für eine bundesweite Regelung ergreifen, kündigte die gesundheitspolitische Sprecherin der Liberalen an. Flach kritisierte, die eigentlich für diesen Bereich zuständigen Länder hätten bisher bis auf wenige Ausnahmen keine Hygiene-Verordnungen für Krankenhäuser erlassen.

Ähnlich äußerte sich der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU), in der Zeitung: «Es ist höchst unbefriedigend, dass trotz lange bekannter Defizite bei der Hygiene in Krankenhäusern bisher wenig passiert ist.» Sowohl die zuständigen Länder als auch die Kliniken hätten ihre Hausaufgaben nicht ausreichend gemacht.

jag/news.de/dpa/ap
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