Freisee oder Badebad
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Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 21.08.2010
Wenn es heiß wird, stellt sich die sommerliche Gretchenfrage: Badesee oder Freibad? Doch für die meisten liegt die Antwort auf der Hand, denn es gibt klare Fraktionen. Nur gelegentlich sind Überläufer ins andere Bade-Lager zu beobachten.
Eigentlich sagt eine einzige Vokabel alles: «Badeanstalt». Ersetzt man dadurch den irreführenden Begriff «Freibad», beantwortet sich die Frage, was den Seebader vom Schwimmbadgast abhebt, wie von allein. Aber auch nur eigentlich. Denn auch, wer sich selbst gern zum Freiheitsliebhaber stilisiert, kennt doch insgeheim die Anziehungskraft der chemisch dünstenden, rechteckigen blauen Wasserkästen. Weil sie der Inbegriff von Irgendetwas sind. Kindheit, Jugend, Sommer?
Auf den ersten Blick allerdings sind seine klaren Grenzen das herausragende Merkmal eines Freibades - weit vor Chlorwasser oder Bademeister. Ein Zaun schließt es ein, Babybecken, Nichtschwimmer- und Schwimmerbereich sind klar abgezirkelt, manchmal gibt es sogar ein spezielles Becken für Springer und Bahnenschrubber. Liegewiesen sind für Faulenzer und der Beachballplatz für unersättliche Aktivisten.
Denn wer ins Freibad geht, weiß, was er will. Im Badeanzug mit Sportrücken steht Ausdauer auf dem Programm, Eltern mit Kinderhorde suchen ihre Ruhe im Glück der Blagen und lärmende Halbstarke den Machtkampf mit dem Bademeister, weil die spontanen Arschbomben vom Beckenrand die besten sind. Wer Aktion und Reibung sucht, fühlt die Anziehung der Anstalt besonders stark.
Weil der See keinen Beckenrand hat
Seebader haben Diffuseres im Sinn. Es dreht sich um postmoderne Begriffe wie Wohlfühlen und Entspannung. Selbst, wenn an heißen Tagen die Hölle los ist, entsteht nie dieser freibadspezifische Lärmteppich aus Kreischen und Platschen. Sicher liegt das auch daran, dass der See keinen Beckenrand hat. Die Entspannung schafft Vertrauen, hier gibt es keine Schließfächer, und nur ehemalige Anstaltsbader oder wirklich Leidgeprüfte sorgen sich um ihre Besitztümer, wenn sie zum Schwimmen das Handtuch verlassen.
Doch steht das Wasserbad für die Seefraktion gar nicht zwingend im Vordergrund. Manchen genügt schon die Nähe des Wassers, um ihre Mitte zu finden und beruhigt im Buch zu versinken. Selbst die Sonne brennt am grasbewachsenen Seeufer sanfter, zumal gern ein leichtes Lüftchen die baumelnde Seele wiegt. Vielleicht gibt sie sich hier deshalb so freundschaftlich, weil der Mensch ihr eine größere Angriffsfläche bietet. Mehr Haut zeigt. Wo, wenn nicht in der anonymen Vertrautheit der Seebader-Kommune, fühlt man sich frei genug, die Hüllen fallen zu lassen, ohne sich nackt zu fühlen? Nur der Sonnenbrand kennt kein Erbarmen.
Die Sehnsucht nach dem blauen Rechteck
Braten am Badesee also die Feingeister, während in der Badeanstalt das Proletariat rockt? Leider hat das Klischee Risse. Die gehen quer durch die sandigen Abschnitte am Seeufer, wo Eltern ihren Kindern zuliebe den buddelfreundlichen Kompromiss eingehen, während nebenan die Pommes- und Ghettoblaster-Fraktion prollt und ihr bestes gibt, ein bisschen Stimmung in den lahmen Haufen zu bringen.
Im Gegenzug kann den sanften Naturfreund ganz plötzlich der Sog nach den klaren Linien des blauen Beckens packen. Dann wühlt er in den Untiefen des Kleiderschrankes, wo noch irgendwo ein ausgeleiertes Bade-Textil schlummern muss, schiebt das abgezählte Geld für Eintritt und Eis in die Hosentasche und freut sich wie ein Kind, während er sich durch das Drehkreuz am Eingang schiebt. Tief durchatmen – ja, das ist es. Die Illusion von ewiger Jugend. Jetzt erstmal eine Arschbombe vom Beckenrand!
sck/news.de
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