Auf der Suche nach der Ossi-Seele
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Von news.de-Redakteur Jan Grundmann, Leipzig
Artikel vom 17.08.2010
Laut Umfragen ist der Graben durch Deutschland stabil und tief: Zwei Drittel der Ostdeutschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. News.de hat sich deshalb auf die Suche nach der Ossi-Seele begeben.
Jochen Wolff steht geduldig vor der Bühne. Heute ist sein Tag, weil sein Werk 20. Geburtstag feiert. Die Super Illu ist die erfolgreichste Zeitschrift in Ostdeutschland, erreicht hier mehr Leser als Spiegel, Stern, Focus und Bunte zusammen. Der 61-jährige Wolff stammt aus Bayern und ist als Chefredakteur auch der Ossi-Motivator. «Die Ostdeutschen müssen mehr Selbstbewusstsein entwickeln», sagt er im news.de-Interview.
Auf der Bühne im Freizeitpark Belantis bei Leipzig, wo die Zeitschrift Geburtstag feiert, treten all jene Promis auf, deren Namen der bayerische Chefredakteur erst lernen musste. Petra Zieger, Herbert Köfer, Carmen Hatschi. «Andere Medien feiern mit der immergleichen Politik-Prominenz und verköstigen die kostenlos mit Scampis und Champagner. Wir wollten die Leser einladen», sagt Wolff. 5000 Tickets verloste die Zeitschrift für den Geburtstag.
Chefredakteur Wolff ist an diesem Tag ganz nah an den Menschen dran, so wie die Illu. Im roten Poloshirt, der beigen Stoffhose lässt er sich fotografieren und befragen, heute, wo der Osten sich selbst feiert, 20 Jahre nach der Wende.
Solidarität hüben, Ellenbogen drüben
Am Eingangsschloss des Belantis-Parks erzählt Helga Dittrich, wie sie «noch immer an der Grenze» spazieren geht, auch 20 Jahre nach der Wende. Geografisch, denn mit Ehemann Ulli lebt sie im Thüringer Wald, im ehemaligen Grenzstreifen. «Unsere 30-jährige Tochter regt sich auf, wenn ich den Wall noch als Grenze bezeichne», sagt die Mitfünfzigerin. Die Tochter lebt in Erfurt. «Für sie spielen diese ostdeutschen Befindlichkeiten keine Rolle mehr.» Mehr Solidarität im Osten, mehr Ellenbogen im Westen: Das sei der Hauptunterschied, sagt Helga Dittrich, die gemeinsam mit ihrem Mann, wie sie sagt, ein Glück teilt. «Wir haben Arbeit im Ort.»
Und was ist mit den geringeren Job-Chancen, den geringeren Gehältern als im Westen? «Ohne wirtschaftliche Angleichung wird es nie eine wirkliche Einheit geben», sagt Mirko Kretschmar, 47, der in Halle an der Saale lebt und arbeitet. «Wissen Sie, was mich aufregt?», stürmt er los und gibt gleich die Antwort: «West-Kollegen, die mir im Büro gegenübersitzen und mehr Geld für die gleiche Arbeit bekommen.»
Ein Riss durchzieht Deutschland auch 20 Jahre nach der Wende. 17 Prozent verdienen Ostdeutsche im Schnitt weniger. Und laut einer Umfrage fühlen sich fast zwei Drittel als Bürger zweiter Klasse. Sogar drei Viertel fühlen sich auch heute noch gegenüber den Westdeutschen benachteiligt.
«Wenn unsere Generation weg ist, gibt es keine Unterschiede mehr»
Die Jammerer, für die das Ostdeutsch-Sein nur im West-Beschimpfen liegt, gibt es zahlreich beim Super-Illu-Geburtstag. Doch was ist denn der – gehaltvolle – Kern der Ossi-Seele? Viele scheinen sie zu kennen, Detail-Nachfragen enden allerdings oft im Schlagwort-Stakkato.
Gemeinschaftsgefühl. Ehrlichkeit. Genauigkeit. Vielleicht auch die verlorene Sicherheit, weil der DDR-Staat einem das Leben geplant hatte: Kindergarten, Schule, Ausbildung, Job, sagt Heiko Dietrich, 23, Lehrling in Dresden.
Geduldigkeit, ergänzt ein 69-Jähriger aus Riesa, nachdem er sich über zwei junge Mädchen aufgeregt hat, die die Achterbahn-Warteschlange zum wiederholten Mal abkürzen.
Zusammenhalt, sagt der 53-jährige Jens Dietrich aus Riesa. Mehr Kameradschaft, mehr Hilfe habe es im Osten gegeben.
Genügsamkeit, weniger Konsum-Orientierung, findet Mirko Kretschmar, 47, aus Halle.
Flexibilität, so Christiane Schmidt, 50, aus dem brandenburgischen Rathenow. «Wir mussten öfter improvisieren, weil es vieles selten gab.» Sohn René (27) lacht: «Mutti, du bist der pure Ossi!» Natürlich kaufe sie Ostprodukte, die kommen eben «von hier».
Aber Bürger zweiter Klasse, nein, so sieht sich die Familie, die unter der Woche im Westen arbeitet, nicht. «Dafür muss man sich schon selbst degradieren», sagt die 50-Jährige, und fügt hinterher: «Wenn unsere Generation weg ist, dann gibt es keine Unterschiede mehr.»
Super-Illu-Chef Jochen Wolff hätte wohl seine wahre Freude an den Schmidts.
kas/ivb/news.de
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