Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier, Leipzig
August. Das klingt nach Sommer, Hitze, Badesee. Der Kulkwitzer See in Leipzig ist so einer. Doch wenn es Bindfäden regnet, fühlt sich August an wie November. News.de ist nass geworden und hat mal nach den Campern am «Kulki» geschaut.
Der Grillanzünder ist in die Pfütze gefallen - eigentlich ist sie eher ein kleiner See. Gleich daneben liegt der große breit und silbern da. Es trifft ihn keine Schuld, dass er nicht blau in der Sonne glitzert und keine Kinder an seinem frisch aufgeschütteten Sandstrand kreischend hin und her rennen. Jens Huster weiß das. Mit einem Eimer voll feiner Steinchen und einer Kehrschaufel ist er der einzige, den man treffen kann, während Regenwasser auf Campingwagen und Zelte platscht.
Seine Augen blitzen gut gelaunt hinter der Brille. «Man muss aus jedem Tag das beste machen», sagt Huster und bleibt bereitwillig mitten im Regen stehen, um zu quatschen. Kleine Hausmeistertätigkeiten an dem blau-weiß-gestreiften Pavillon vor seinem Wohnwagen will er verrichten, den Schlamm mit Kies binden, während seine Frau im Silbersee schwimmt. Ihr zierliche Uhr hat sie auf dem Campingtisch liegen lassen, hier unter dem Plastikdach ist es ja trocken. Kein Grund weit und breit, nicht in zwei Stunden wie geplant den Grill anzuwerfen.
Unter Wasser ist es sowieso nass
Der Silbersee heißt eigentlich Kulkwitzer See und liegt in Leipzigs Südwesten, gleich neben der Plattenbausiedlung. An einem Regentag auf dem Campingplatz kann jeder erfahren, ob die Zeit sein Freund oder Feind ist. Ob er es schafft, sie sich zum Freund zu machen. Wer trotz des Mistwetters noch hier ist, beweist zumindest Moral. «Man muss etwas mit sich anzufangen wissen», ist Jens Husters Taktik, ihm scheint das leicht zu fallen.
Sanfte, aber dauerhafte Beschäftigung, das hat etwas Meditatives und lässt dem Frust keine Nische. Am Vormittag gehen Husters tauchen, unter Wasser ist es ja sowieso nass. Anschließend kann man schon mit den Mittagsvorbereitungen beginnen, und am Nachmittag laufen sie mit Regenschirmen um den See. Ganz in Ruhe, ist ja kaum einer unterwegs. Trotzdem freut sich Jens Huster über die unverhoffte Gesellschaft und schiebt bereitwillig fürs Foto das Schlauchboot über die Neoprenanzüge.
Ein breites braunes Wasserband trennt seinen schnuckeligen blauen Ost-Wohnwagen von dem modernen Camper, den Jürgen Arnsberger gemächlich mit Regenwasser poliert. «Uns macht das Wetter nichts», behauptet er und lädt ein, seiner Frau im Wagen Gesellschaft zu leisten. Sie sei ein bisschen sauer, dass sie nicht rauchen könne, schmunzelt er. Im Trockenen blättert sie in der Fernsehzeitung. «Klar stört mich das», ist ihre Antwort auf die Wetterfrage, als man sich in der Sitzecke gegenüberhockt. Hier drinnen erscheint der Campingwagen wie aufgepumpt, so geräumig, mit Badezimmer, Schlafzimmer, Kochecke, Flachbildfernseher, Fußbodenheizung. Alles picobello, doch Hannelore Arnsberger ist nicht entspannt. Sie nerven die Schuhe im Wagen, der klebrige Dreck. Aber dann kommt sie doch mit vor die Tür, um eine zu rauchen. Es tröpfelt nur noch, und die Anspannung fällt ab.
«Kochen, essen, Schokolädchen»
William ist in die Pfütze gefallen. «Die Camper lassen sich nicht unterkriegen», sagt seine Mama, während sie langsam hinübergeht und ihn aufhebt. Aber es ist das erste Mal in diesem Gespräch, dass Katja Mainzer richtig lächelt, zwei Wochen Sommerurlaub mit Schmuddelwetter und kleinem Kind im Wohnwagen haben offensichtlich an ihrem guten Willen gezerrt. «Man muss die Ruhe bewahren», ist ihre Erkenntnis.
«Kartenspielen, lesen, kochen, essen, Schokolädchen.» Christa Hourani wird sich lachend des Tagewerks bewusst, das sie mit ihrer Schwester, der Nichte und Hund Luna in dem winzigen Eriba-Wohnwagen verrichtet hat. Reiner Zufall, dass sie am sonnigen Montag ihr Lager auf einer leicht erhöhten Stelle aufgebaut haben, denn gleich nebenan breitet sich ihr privates Feuchtgebiet aus, das die Campingplatzleitung inzwischen mit Flatterband abgesperrt hat - wohl, damit niemand in Versuchung kommt, unter Wasser zu zelten.
Ob es in ihren billigen, silberfarbenen Igluzelten trocken bleibt, wollen die jungen Männer nebenan lieber nicht wirklich mitbekommen. Sie sind vor einer Stunde angereist, bevor steht ihnen ein langes Wochenende mit alten Kollegen, neben ihnen stehen ein paar Kästen Bier. Die Frau an der Rezeption hat mehrmals nachgefragt, ob sie wirklich schon alles zahlen wollen - Geld zurück gibt es nicht. Aber gezielte Vernebelung ist auch eine Taktik, um sich die leere Zeit zum Freund zu machen. Gleich wollen sie anbaden. Es ist 18 Uhr, und der erste Grillduft zieht über den Platz. Wie war das noch? «Die Camper lassen sich nicht unterkriegen.» Das beruhigt.
sck/reu/news.de