Die Hochwasser-Lage in Brandenburg hat sich entspannt. Die Flutwelle ist an den meisten Orten ohne größere Schäden vorbeigezogen. Nun in Cottbus steht sie noch bevor. Dort herrscht weiterhin Katastrophenalarm.
Entspannung an Spree und Neiße: Das Hochwasser in Südbrandenburg erreichte heute den Höchststand und ging stellenweise schon langsam zurück. Für eine Entwarnung war es nach Einschätzung von Experten allerdings noch zu früh. So brach an der Neiße in Grießen ein Deich. Der kleine Ort blieb aber verschont. Auch in Guben blieb die Situation ernst. In Cottbus herrschte weiter Katastrophenalarm. Andernorts konnten Bewohner wieder in ihre Häuser zurück. Landesweit kämpfen nach Angaben des Innenministeriums rund 700 Helfer gegen die Wassermassen.
Anders als Sachsen verfügt Brandenburg über Möglichkeiten, das Hochwasser teilweise zurückzuhalten und zu kanalisieren. Eine Schlüsselrolle fällt dabei der bis zum Hochwasser fast leeren Talsperre bei Spremberg zu, die große Mengen Spreewasser aufnehmen kann. Umweltministerin Anita Tack (Linke) hat am Morgen gemeinsam mit dem Präsidenten des Landesumweltamtes, Matthias Freude, das sogenannte Auslaufbauwerk geöffnet, über das nun dosiert Wasser in Richtung Cottbus, Spreewald und Berlin abgegeben wird.
Die Menschen im zur Stadt Forst gehörenden Klein Bademeusel, die am Montagabend evakuiert worden waren, dürfen wegen der sinkenden Pegel auf eine baldige Rückkehr in ihre Häuser hoffen.
Anspannung in Cottbus und Guben
«Für die Spree hat sich das ganz große Problem, denke ich, heute geklärt», sagte Freude. Auf diese Weise hoffen die Experten, die Überflutung des 25 Kilometer nördlich gelegenen Cottbus verhindern zu können. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) betonte allerdings: «Wir dürfen die Talsperre nicht volllaufen lassen, weil Regen angesagt ist.» In Brandenburgs zweitgrößter Stadt herrscht darum weiter Alarm. Die Stadt rechnet damit, dass der Hochwasserscheitel der Spree am Nachmittag durchzieht. Deichbrüche könnten nicht ausgeschlossen werden, daher sind Deichläufer im Einsatz. Die Lage an der Elbe ist laut Regierungschef Platzeck derzeit entspannt und wird voraussichtlich ungefährlich bleiben.
Auch in der Neiße-Stadt Guben bleibt die Lage weiter angespannt, der Pegel stieg bis zum Mittag stetig an, stagnierte dann aber. Einzelne Straßen wurden überschwemmt, Keller liefen voll Wasser. Glück hatten die Bewohner von Grießen südlich von Guben: Der Deich dort hielt den Fluten der Neiße zwar nicht stand, das Städtchen wurde aber nicht überflutet. Das Wasser, das den Deich auf einer Länge von etwa 150 Metern durchbrochen hatte, lief in einen Kanal zu einem kleinen Wasserkraftwerk, das abgeschaltet wurde.
Es wird erwartet, dass das Hochwasser der Neiße am Abend oder am Mittwoch bei Ratzdorf in die Oder fließt. Da die Oder derzeit kein Hochwasser führt, kann der Fluss nach Einschätzung von Platzeck das zusätzliche Wasser gut aufnehmen.
Sofortprogramm für Sachsen
Während die Betroffenen in Sachsen aufräumen und den Schaden sichten, hat das Kabinett ein Sofortprogramm im Umfang von 100 Millionen Euro auf den Weg gebracht. Bundesinnenminister Thomas de Maizière stellte im ZDF-Morgenmagazin auch finanzielle Hilfe des Bundes zur Beseitigung der Hochwasserschäden in Aussicht.
Gemeinsam mit Ministerpräsident Tillich werde man prüfen, wer von den Flutopfern versichert gewesen sei und wer nicht. Nach der Hochwasserkatastrophe von 2002 seien alle angehalten worden, eine Versicherung abzuschließen. Etwas anderes sei es indessen, wenn dies die Versicherung abgelehnt habe. «Aber wir werden über Geld sprechen», fügte de Maizière hinzu. Zur Kritik von Anwohnern über die verspäteten Flutwarnungen der Behörden sehen Sie auch den Videokommentar von news.de-Redakteur Jan Grundmann.
30 Tiere im Zittauer Zoo gestorben
Mehr als 30 Zootiere sind im sächsischen Zittau den Hochwasserfluten zum Opfer gefallen. Nun erhält der Tierpark Hilfsangebote aus ganz Deutschland. Nach Angaben von Geschäftsführer Bernd Großer hat von elf Lamas nur eines überlebt. Auch Pferde, Schweine, Vögel und das Gürteltier des Parks ertranken. «Wir haben noch Tiere aus den besonders gefährdeten Bereichen retten können. Aber nicht alle», sagte Großer am Dienstag. Andere Zoos wollen nun aushelfen.
Im Landkreis Görlitz wurde der Katastrophenalarm inzwischen aufgehoben. Allerdings habe die Polizei in Ostsachsen ihre Präsenz wegen befürchteter Plünderungen vorbeugend erhöht. «Anwohner haben Angst vor Einbrüchen und Diebstählen», sagte die Sprecherin, da viele Häuser «zum Trocknen offenstehen».
In der zweiten Wochenhälfte muss nach Meldung des Landeshochwasserzentrums erneut mit einem Anstieg in den Oberläufen gerechnet werden, sollten wie vorhergesagt weitere kräftige Niederschläge fallen. Da die Böden stark durchfeuchtet seien, könnte dies rasch geschehen. «Die erneute Ausbildung einer Hochwassersituation ist dann nicht auszuschließen.»
Kritik regte sich unter anderem an der Arbeit der polnischen Umweltbehörden. Tillich, der die Flutschäden in Sachsen auf einen dreistelligen Millionenbetrag schätzt, kündigte eine umfassende Untersuchung der Informationsketten nach dem Dammbruch am Witka-Stausee in Polen an. Die Wassermassen hatten die Neiße am Samstag innerhalb kürzester Zeit massiv und quasi ohne Vorwarnung anschwellen lassen. Die Behörden in Sachsen seien zunächst nur über eine erhöhte Abflussmenge aus der Talsperre, nicht aber über einen Dammbruch informiert worden, sagte der Regierungschef. Das habe Zeit gekostet.
cvd/iwi/news.de/dpa