So., 19.05.13

Pfand-Wirrwarr Der schwere Weg zum Mehrweg

Franziska Gerstenberg (Foto)
News.de-Kolumnistin Franziska Gerstenberg. Bild: news.de

Von Franziska Gerstenberg
Ist das nun Mehrweg, weil Pfand drauf ist? Ist die Dose vielleicht besser als man denkt? Und welche Rolle spielen die Discounter dabei? News.de-Kolumnistin Franziska Gerstenberg trifft im Supermarkt auf viele Fragen - und ganz viel Getränkechaos.

Der Junge stampft mit den Füßen auf und ballt die Fäuste, danach zieht er an der Bluse seiner Mutter, bis sie fast zerreißt. Gleich, denke ich, wird er sich auf den Boden werfen. Man ist nie zu alt, um sich auf den Boden zu werfen, auch ich möchte das manchmal.

«Mama», schreit der Junge, «ich hab Durst.» Dann muss er plötzlich über sich selbst lachen. Er imitiert einen durch die Wüste wankenden Cowboy. «Wasser», stöhnt er mit bebender Stimme, «Wasser.»

Es ist Sommer, es ist heiß, es ist ein Supermarkt, und zu allem Überfluss ist auch noch Samstag. Der Supermarkt ist supervoll und die Dame mit der Bluse, ihr Sohn und ich stehen am Pfandflaschenautomaten an. «Gleich», sagt die Dame mit der Bluse. «Schau mal, wir bringen noch die alten Flaschen hier weg, da kommt dann neues Wasser rein und auch neue Zitronenlimo. Und wenn wir das nächste Mal einkaufen gehen, können wir die Flaschen wieder mitnehmen.»

«Na ja», sagt der Junge, «ich habe aber jetzt Durst.»

«Na ja», sage ich und deute auf den Einkaufswagen der Dame, «das stimmt aber nicht. Das sind keine Mehrwegflaschen.»

Die Dame dreht sich zu mir um. «Wieso», fragt sie erstaunt, «natürlich sind das Mehrwegflaschen, es ist doch Pfand drauf? Sogar sehr viel!»

«Für Dosen», sage ich, «muss man auch Pfand zahlen. Glauben Sie deshalb wirklich, dass alte Bierdosen wieder mit Bier gefüllt werden?» Sie denkt ernsthaft darüber nach, während die Schlange einen Meter nach vorn rückt. Dann sagt sie: «Aber das hier sind schließlich keine Dosen.»

«Genau!» Der Junge schüttelt den Kopf über meine Blödheit. «Das sind Flaschen!»
Ich deute auf den Pfandautomaten. «Horch doch mal», sage ich zu dem Jungen, «wie klingt das?» Er geht nach vorn und lauscht angestrengt. «Schrapp, schrapp, schrapp», verkündet er endlich. «Genau», sage ich, «schrapp, schrapp, schrapp.» Die Dame dreht sich wieder zu mir um. «Sie meinen», fragt sie ungläubig, «die machen die Flaschen da drin kaputt?»

Das sogenannte Dosenpfand gibt es in Deutschland seit 2003. Seitdem wird mehr sortenreines Plastik gesammelt und recycelt als vorher. Aber den Trend vom Mehrweg zum Einweg hat das Pfand nicht aufhalten können. Nach Erhebungen der Gesellschaft für Konsumforschung ist die Mehrwegquote bei alkoholfreien Getränken bis 2008 auf 31 Prozent heruntergegangen.

Und leider sorgt das Dosenpfand auch für Verwirrung. Studien zeigen, dass fast die Hälfte der Deutschen Probleme hat, Einweg- und Mehrwegflaschen auseinanderzuhalten. Noch gibt es keine gesetzlich verbindlichen Vorschriften zur Kennzeichnung. Frühestens im Sommer 2011 soll sie endlich kommen, die Kennzeichnungsverordnung für Getränkeverpackungen.

Aber wird sie überhaupt etwas nutzen? In fast allen Discountern hat man mittlerweile gar keine Wahl mehr, dort werden ausschließlich Getränke in Einwegverpackungen angeboten. Die Ketten drücken die Preise, bis die regionalen Anbieter Konkurs anmelden müssen. Dabei sind es gerade diese regionalen Betriebe, die vorwiegend in Mehrwegflaschen abfüllen.

Man weiß, wohin der eingeschlagene Weg führt. In Ländern, in denen es gar kein Mehrwegsystem mehr gibt – etwa in Großbritannien – kostet das ehemals spottbillige Mineralwasser nun wieder das Doppelte und Dreifache.

Nur beim Bier ist der Trend gegenläufig, da sind wiederbefüllbare Glasflaschen in Deutschland gefragter denn je. Doch arbeiten Handel und Hersteller an einem Comeback der Dose. Seit Jahren behauptet die Industrie, moderne Dosen und Einwegflaschen seien genauso umweltfreundlich wie Mehrwegflaschen. Um das zu beweisen, gibt sie sogar eigene Ökobilanzen in Auftrag, in denen sie das Mehrwegsystem durch nachweislich falsche Annahmen schlechtrechnen lässt. Da wird etwa die Umlaufzahl, das heißt die Wiederbefüllung von Bier-Mehrwegflaschen viel zu niedrig angesetzt, dafür sind die Transportentfernungen plötzlich unrealistisch hoch …

Wir rücken vor. «Aber woraus», fragt mich die Dame mit der Bluse und dem kleinen Cowboy verunsichert, «woraus trinken Sie denn ihr Wasser?»

«Aus dem Hahn. Ich trinke Leitungswasser.»

«Echt?» Der Junge sieht mit großen Augen zu mir auf. «Cool!»

«Ich habe sogar», sage ich, «welches dabei. Willst du mal?»

«Das schmeckt ihm bestimmt nicht», erklärt die Dame mit der Bluse schnell.

Aber der Junge schaut bittend. «Wasser …» Der sterbende Cowboy ist schon lange vom Pferd gefallen, mühsam setzt er im glühenden Sand einen Fuß vor den anderen. «Wasser, Wasser …»

Franziska Gerstenberg ist news.de-Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Edit und hat mehrere Literaturpreise gewonnen, unter anderem für ihren Erzählband Solche Geschenke. Die gebürtige Dresdnerin lebt derzeit in Stuttgart, wo sie mit einem Stipendium der Akademie Schloss Solitude arbeitet.

mik/sck/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • John Rambo
  • Kommentar 1
  • 10.08.2010 07:45
 

Ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen das es Menschen gibt die Mehrweg nicht von Einweg unterscheiden können,ich selbst habe 15 Jahre in einer der Größten Brauerrei Deutschlands gearbeitet und trinke seid dem nur noch aus Einweg Dosen und Flaschen bei uns wurden die Flaschen nach spätestens 4 Wiederbefüllungen aussortiert weil sie unansehnlich wurden,Getränkedosen und Pet Flaschen sind immer Klinisch rein deshalb hat eine Dose auch ein Mindesthaltbarkeitsdatum von einem Jahr.

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