Von news.de-Redakteurin Denise Peikert, Görlitz
Sebastian Wenger ist leidensfähig. Schon zum dritten Mal schwimmt dem Gastronom in Görlitz sein Geschäft weg. Zwischen seiner Pension und der Neiße liegt nur eine Straße, er kennt die Launen des Flusses. Trotzdem wird er auch dieses Mal bleiben.
Nach dem Hochwasser kommen die Plünderer. Das ist gerade hier im Grenzgebiet immer so, Sebastian Wenger kennt das. Er betreibt eine Pension und ein Kellerrestaurant in Görlitz. Am Wochenende stand die Neiße schon zum dritten Mal in seinen Geschäften. Jetzt redet Wenger auf den Mann von der Kommune ein. «Wir brauchen dieses Mal Bundespolizisten, ich kann nicht die ganze Zeit hier aufpassen. Mir schwinden langsam die Kräfte.» Sein Gegenüber verspricht, sein Bestes zu geben und schlittert über den Schlamm im Hof davon. Wenger winkt ab. «Angeblich gibt es genug Bundespolizei hier, aber die bewachen bestimmt wieder irgendeinen Flughafen.»
Das Erdgeschoss der Pension Picobello sieht aus, als hätte es statt einer Flut in Görlitz ein Erdbeben gegeben. Der Fußboden wölbt sich nach oben bis knapp unter die Fenster, die Betten stehen schief in den Zimmerecken. «Das war nicht die Flut, sondern das Grundwasser, das von unten gedrückt hat», sagt Pensionschef Wenger. Er muss den kompletten Boden renovieren, der neue Beton muss trocknen. In frühestens zwei Monaten kann Wenger wieder Gäste empfangen. «August und September fallen komplett aus, das sind unsere beiden besten Monate», sagt Wenger und dreht gedankenverloren seine Kaffeetasse in der Hand. Es ist 12 Uhr, zum ersten Mal an diesem Montag nach der Flut hat der Pensionschef Zeit, über das Ausmaß der Katastrophe nachzudenken.
Als die begann, war seine Pension voll belegt. Die Leute kamen zum Internationalen Straßentheaterfestival nach Görlitz, ein Highlight des Jahres. Inzwischen sind alle abgereist, am längsten ausgehalten hat am Samstagabend der Rezeptionist, «tapfer und mit guten Nerven», sagt Wenger. Vor seinem Fenster konnte er die Neiße zentimeterweise steigen sehen, gegen halb zehn ist er geflüchtet. «Das ging nur noch hinten raus, da liegt der Ausgang etwas höher.»
«Vielleicht ist das eine Jahrtausendflut»
Im Dezember 1990 kam Wenger aus München nach Görlitz, eröffnete seine Pension. Er liebt die Stadt, die Zittauer Berge. Er sagt das so dahin, dabei ist diese Zuneigung bemerkenswert. 1996 wurde er zum ersten Mal Opfer der Neiße, 2002, bei der «angeblichen Jahrhundertflut», wie Wenger sie nennt, zum zweiten Mal. Jetzt sitzt er im ersten Stock seiner Pension, schlägt ein hartgekochtes Ei auf und sucht nach einem neuen Begriff für 2010. «Vielleicht ist das eine Jahrtausendflut», sagt er leise.
Dass der Grenzfluss vor seiner Tür wütend wird, über die Ufer tritt - das Risiko ist zu hoch, als dass Wenger sich eine Versicherung dagegen leisten könnte. Weit mehr als 100.000 Euro wird die Renovierung ihn kosten, schätzt er. Zusätzlich rechnet er mit 20.000 Euro Geschäftsausfall – zumindest, wenn seine Prognose stimmt und er in zwei Monaten auch die Zimmer im Erdgeschoss wieder vermieten kann.
Ob es Hilfe vom Freistaat Sachsen geben wird, wie von Ministerpräsident Stanislaw Tillich angekündigt? Wenger reibt sich die Augen, kämpft mit den Tränen. 1996 stand er ganz allein da, 2002 habe er finanzielle Hilfe bekommen, wenn auch nicht so unbürokratisch wie angekündigt. Wie es dieses Mal wird, darüber hat er sich noch nicht informiert. Das Wichtigste für ihn jetzt: Die Stromversorgung muss wieder funktionieren. Denn auf die Aufräumarbeiten ist er vorbereitet, hat Reinigungsgeräte im Haus. Nur Strom braucht er dafür.
Draußen auf der Uferstraße wird das letzte vom Wasser überspülte Auto abtransportiert. Als Wenger das sieht, muss er lächeln, zum ersten Mal. «Wenn alles gut geht, können wir vielleicht übermorgen schon wieder die oberen Stockwerke vermieten», sagt er. Der zentimeterhohe Schlamm im Hof und der geborstene Fußboden im Erdgeschoss machen es schwer, daran zu glauben. Wenger, der sich selbst einen «unverbesserlichen Optimisten» nennt, glaubt es. Die Neiße jedenfalls wird ihn nicht vertreiben. «Normalerweise ist sie ein sehr schöner Fluss.»
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