Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Görlitz ist abgesoffen? Nein. Nur direkt an der Neiße standen die Häuser unter Wasser. Viel schlimmer für viele Unternehmer in der Stadt sind die Panikmeldungen. Obwohl alles trocken ist, stornieren die Touristen. Totalausfall mitten in der Hochsaison.
Görlitz war ausgebucht zum Altstadtfest Ende August. «Vor drei Wochen hat mich Frau Heid vom Info-Büro angerufen und gefragt, ob wir noch Zimmer haben. So viele Leute wollten zum Altstadtfest kommen, aber es gab keinen Platz mehr.» Heute Morgen haben Robert Lockes Gäste storniert. Sie haben im Fernsehen gesehen, im Radio gehört, in der Zeitung gelesen, dass Görlitz abgesoffen ist. Wer denkt da noch ans Altstadtfest?
Die Görlitzer. «Unsere Existenzgrundlage ist gerade durch diese Berichterstattung gefährdet», sagt Beatrix Heid, die Vorsitzende des Tourismus-Vereins. Die Altstadt stehe nicht unter Wasser, die umliegenden Stadtteile auch nicht. «Nur einen kleinen Teil der Stadt an der Neiße kann man nicht mehr besichtigen. Ansonsten ist Görlitz lebendig. Wir haben Strom, wir haben Wasser, wir haben Gastronomie. Nur in der Altstadt sind vorübergehend ein paar Lampen ausgefallen», beschreibt sie die Lage.
Zwei Hotels und eine Pension an der Neiße sind betroffen, sie können sich vor Journalisten derzeit nicht retten und haben ihre Telefone auf Durchzug gestellt. Alle anderen Görlitzer Freizeitunternehmer melden sich ratlos in der Tourismus-Information. So wie Locke, der Amerikaner, der seit drei Jahren in Görlitz schicke Appartments vermietet. «Heute Morgen haben sie angerufen und die ganze letzte Augustwoche storniert. Ich habe versucht, die Leute zu überreden, es gibt kein Wasser in Görlitz, die Stadt ist trocken. Aber es war umsonst.»
Die Schreckensnachricht ist ein Skandal für Görlitz – mitten in der Hochsaison. Da ist sich die Tourismus-Branche einig. Jetzt hoffen sie, dass die Panik genauso schnell wieder abfließt wie das Wasser. «Ich habe jetzt wieder Zimmer frei», sagt Locke und lacht ein bisschen drüber.
jag/ivb/news.de
eines der besten Artikel, den ich überhaupt gelesen habe! Sowas kennt man gar nicht..Genauso ist es die Medien müssen immer alles übertreiben, denn schlechte Nachrichten verkaufen sich besser! Ich wünsche mir noch viel mehr von solchen serösen Artikel! Vielen Dank Frau Wiedemeier!
jetzt antwortenKommentar meldenSensationsjournalismus ist eine der übelsten Zeitplagen neuester Zeitordnung überhaupt. Verbunden mit der Weisheit, wie man aus einer Scheißhausfliege einen Elefanten macht, geht dieser unsachliche Zweig der Presse leider meist ungestraft auf die Menschheit los, und beschäftigt sich, obwohl schon seit Menschengedenken bekannt, mit absolut unwichtigen Fragen und Problemen etwa dahin gehend, was sich beim Nächstbesten vorne und hinten in der Unterhose befindet. Die Kunst, aus Scheiße Rosinen machen zu können, wird hier sprichwörtlich im Sinne schnöden Mammons und von Spannern mißbraucht.
jetzt antwortenKommentar melden