Der Kampf gegen die Waldbrände in Russland wird immer verzweifelter. Die Zahl der Toten steigt auf 50. Und die Kritik der Bevölkerung an der politischen Führung wächst. Deutschland hat noch einmal nachdrücklich Hilfe beim Kampf gegen die Feuerwalze angeboten.
Verzweifelt kämpfen Hunderttausende Rettungskräfte in Russland gegen die gewaltige Feuersbrunst an - zugleich wächst die Kritik an der politischen Führung. Besonders der Gouverneur des Gebiets Wladimir nahe Moskau, Nikolai Winogradow, geriet unter Druck. Unterdessen stieg die Zahl der Toten am Donnerstag um zwei auf 50. Russische Hilfsorganisationen gehen jedoch davon aus, dass es weit mehr Opfer gibt. Hunderte wurden verletzt, Tausende sind obdachlos.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bot Kremlchef Dmitri Medwedew in einem Telefonat Hilfe bei der Bekämpfung der Waldbrände an. Nach Angaben der Bundesregierung äußerte Russland zunächst aber keine konkreten Wünsche nach deutscher Hilfe. Auch die Europäische Union wurde von Moskau bisher nicht um Hilfe gebeten. Deshalb gebe es auch keine Pläne, Hilfsmechanismen in Gang zu setzen, sagte ein EU-Sprecher in Brüssel.
In einem Brief an Kremlchef Dmitri Medwedew forderten mehrere hundert Menschen die Entlassung von Gouverneur Winogradow. Dieser habe sich ausgeruht, während das Land verbrannte, schrieben die Bewohner. Das berichtete die Moskauer Zeitung Kommersant. Winogradow wies die Vorwürfe zurück. Medwedew hatte am Vortag seinen Sommerurlaub im Schwarzmeer-Kurort Sotschi abgebrochen.
850 Wald- und Torfbrände
Am Donnerstag waren etwa 850 Wald- und Torfbrände registriert, wie das Zivilschutzministerium in Moskau mitteilte. Landesweit wurden Dörfer evakuiert. In der Umgebung des atomaren Forschungszentrums in Sarow rund 400 Kilometer östlich verhinderten zahlreiche Helfer ein Vordringen der Flammen. Auch Löschflugzeuge wurden eingesetzt.
In Togliatti an der Wolga brachten die Behörden zwischenzeitlich 1700 Menschen wegen dichten Qualms in Sicherheit. Ein Park war in Brand geraten. Hingegen verzog sich in Moskau vorerst der beißende Rauch von den Torfbränden rund um die Millionenmetropole.
Wegen der schweren Dürre und der verheerenden landesweiten Brände stoppt Russland vom 15. August an seinen Getreideexport. Die Regelung gelte bis 31. Dezember, sagte Regierungssprecher Dmitri Peskow. Zuvor hatte Regierungschef Wladimir Putin ein zeitweiliges Exportverbot befürwortet - auch für Produkte aus Getreide. Russland wollte in diesem Jahr 15 Millionen Tonnen exportieren.
Steigende Lebensmittelpreise
Moskau hatte wegen der extremen Trockenheit die Prognose für die Getreideernte bereits deutlich nach unten korrigiert - auf etwa 70 Millionen Tonnen. Die Preise für Lebensmittel sind wegen der Dürre- und Brandkatastrophe schon um etwa 15 Prozent gestiegen.
Russland ist einer der weltgrößten Exporteure von Weizen. Daher erwarten Experten Turbulenzen auf den internationalen Getreidemärkten, wenn die Lieferungen ausbleiben. Falls die Wald- und Torfbrände sich weiter ausbreiteten, könnte sich nach Einschätzung der Vereinten Nationen weltweit auch das Holz verknappen. Nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) wird in Russland auf Hunderten von Millionen Hektar Forstwirtschaft betrieben.
«Das Ausmaß dieser Katastrophe zeigt den Zusammenbruch der Regierung», sagte Kommunisten-Chef Gennadi Sjuganow der Agentur Interfax. Er kritisierte vor allem das Waldgesetz, das der damalige Präsident und heutige Regierungschef Wladimir Putin 2007 erlassen hatte. Demnach sind Pächter oder örtliche Verwaltungen für die Brandvorsorge verantwortlich und nicht wie früher die Forstverwaltung.
Der Autobauer Volkswagen nahm inzwischen die Produktion in seinem Werk in Kaluga südlich von Moskau wieder auf, die wegen der starken Rauchentwicklung gestoppt worden war. Die Fließbänder waren am Vortag angehalten worden, um die Beschäftigten vor dem beißenden Qualm von den Feuern in der Gegend zu schützen.
sck/news.de/dpa