Erstaunlich: Der größte Teil der Ölpest im Golf von Mexiko ist schon wieder verschwunden. Das zumindest sagt die US-Regierung - doch Zweifel am Bericht werden laut.
Mit dem Bericht verblüffte die US-Regierung am Mittwoch. Doch es gibt Experten, die das Dossier eher für Schönfärberei halten.
Annähernd 70 Prozent des ausgetretenen Öls hat sich den Angaben zufolge auf natürliche Weise oder mit Hilfe von Chemikalien aufgelöst, wurde abgefackelt, abgeschöpft oder aufgefangen, so dass fast nichts mehr zu sehen ist - zumindest an der Oberfläche. Am gleichen Tag wie dieser Bericht kam die Erfolgsmeldung, dass das Leck mit Bohrschlamm abgedichtet werden konnte.
Nur noch knapp 200 Millionen Liter Öl schwimmen den Angaben der Meeresschutzbehörde NOAA und des Geologischen Diensts zufolge noch im Meer. Das sind etwa 31 Prozent der ausgelaufenen und nicht aufgefangenen 651 Millionen Liter. Aber auch immer noch fast fünf Mal so viel, wie bei dem Tankerunglück der «Exxon Valdez» 1989 ausströmte.
Nichtsdestoweniger zeigte man sich im Weißen Haus vorsichtig optimistisch. «Ich glaube, man kann ziemlich sicher sagen, dass viele der Weltuntergangsszenarien, über die wir gesprochen haben, nicht eingetreten sind und nicht eintreten werden», sagte Regierungssprecher Robert Gibbs.
Dass die schwarze Brühe sich so einfach in Luft auflöst, hat mit der Selbstreinigungskraft des Golfs mit seinem reichen Vorkommen an Bakterien zu tun, die das Öl vertilgen. Dazu kommt, dass Öl in Meerwasser verdunstet und sich binnen etwa einer Woche auf die Hälfte des ursprünglichen Volumens auflöst, wie auch Kritiker bestätigen.
Viele Zahlen sind «wissenschaftlich geraten»
Die amtlichen Berechnungen beruhen auf Messungen der rund 68 Millionen Liter Öl, die verbrannt oder abgeschöpft wurden. Die übrigen Zahlen sind «wissenschaftlich geraten», wie NOAA-Wissenschaftler Bill Lehr einräumt. Öl, das sich aufgelöst hat, lasse sich eben nicht messen.
Genau das macht ja anderen Wissenschaftlern Sorgen. «Das ist ein wackeliger Bericht. Je öfter ich ihn lese, desto unzufriedener bin ich mit der Gründlichkeit der Darstellung» sagt der Ozeanografie-Professor Ian MacDonald aus Florida. «Hier werden großzügige Annahmen getroffen.»
Dass das Öl aus den Augen ist, heißt allerdings nicht, dass die Gefahr gebannt oder der Golf wieder sauber wäre. Selbst bei mikroskopisch kleinen Spuren können die schädlichen Folgen des Bohrinselunglücks noch Jahre anhalten, wie ein führender Wissenschaftler der Bundesbehörden warnt.
NOAA-Chefin Jane Lubchenco räumt ein, dass die Zahlen um bis zu zehn Prozent danebenliegen können. Dem Wissenschaftler Ed Overton, der den Bericht gegengelesen hat, ist nicht ganz wohl dabei, dass die NOAA einen exakten Prozentsatz des Ölanteils angibt, der noch im Meer schwappt. Zutreffender wäre seiner Ansicht nach eine Spanne von etwa 150 bis 227 Millionen Litern. Trotzdem findet er, der Bericht sei überwiegend gute Arbeit. Ein großer Teil sei dem Golf selbst zu verdanken: Das Gewässer sei «unglaublich widerstandskräftig».
Zweite Stufe von «Static Kill» steht bevor
Bei dem Manöver, das am Donnerstag beginnen soll, wird der Zement von oben in das mehrere Kilometer lange Steigrohr geleitet. Er soll verhindern, dass sich das mit dem schweren Schlamm in der Quelle gestoppte Öl wieder lösen und nach oben steigen kann. Dieser zweite Teil der Versiegelung sei nur möglich, wenn das Steigrohr im Meeresboden intakt ist, hatte der Einsatzleiter der US-Regierung, Thad Allen, am Mittwoch gesagt. Dass die Aktion nun nach ausführlichen Tests genehmigt wurde, zeugt von positiven Prüfresultaten.
Sollte die Abdichtung mit dem Zement gelingen, ist die Quelle nach Experteneinschätzung wahrscheinlich endgültig dicht. Bereits nach der erfolgreichen Einleitung des Schlamms am Dienstag war zu erwarten, dass das Leck in 1500 Metern Meerestiefe keine neuen Probleme bereitet, sagte Catalin Teodoriu vom Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der Technischen Universität Clausthal.
jag/news.de/ap