Von Frank Brandmaier
Im Kampf gegen die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko beginnt der Energiekonzern BP am Dienstag mit einem Doppelmanöver, um das Leck dauerhaft zu verschließen. In Feierlaune ist niemand, alle wissen: Da draußen ist noch viel Öl.
In Buggy Vegas' Gesicht perlt der Schweiß, sein T-Shirt ist klatschnass, die Sonne macht das Mississippi-Delta bei 39 Grad zum Treibhaus - aber seine blauen Augen strahlen glücklich. Seit wenigen Tagen darf in den Gewässern vor Grand Isle im Süden Louisianas wieder gefischt werden. «Das ist das erste Wochenende, an dem die Leute wieder zum Fischen da sind», freut sich der Chef der «Bridge Side Marina», die Köder, 70 Bootsanleger, ein Restaurant und ein Motel vorhält. «Die Stimmung ist gut», lacht er - um im nächsten Moment innezuhalten. Die hellen Augen verfinstern sich. «Aber wir wissen: Es ist noch nicht vorbei.»
Ein Blick auf den Strand von Grand Isle reicht zur Bestätigung: Wo sonst um diese Jahreszeit tausende Touristen in der Sonne braten, erinnert die Szenerie an einen riesigen Bauhof. So weit das Auge reicht, versperrt roter Plastikzaun den Weg zum Meer. Schuttcontainer stehen umher, Baustellen-Klos aus Kunststoff, Pickup-Trucks. Die Strände von Grand Isle - wo es außer Fischfang und Tourismus kaum andere Einnahmequellen gibt - zählten zu den ersten, wo die braune Brühe heranschwappte und Urlauber verschreckt fernblieben.
Schlamm wird ins Bohrloch gepumpt
Mehr als drei Monate nach Beginn des Öl-Dramas im Golf von Mexiko will BP am Dienstag ein Doppelmanöver starten. Damit soll das Leck am Meeresboden endgültig verschlossen werden - von oben wie auch von unten. Der Einsatzleiter der Regierung, Admiral Thad Allen, zeigte sich optimistisch, dass die Aktion gelingt. Als erster Schritt ist eine Operation geplant, die Experten «Static Kill» nennen.Dabei soll durch den Deckel, mit dem das Bohrloch seit dem 15. Juli provisorisch abgedichtet ist, schwerer Schlamm gepumpt werden.
Öl und Gas sollen so zurück in das Reservoir gezwungen werden, aus dem sie nach oben drängen. Wenn der Druck im Bohrloch stabil bleibt, wird es mit Zement versiegelt. Das könnte bis zu sieben Tage dauern. Ein ähnlicher Versuch mit Namen «Top Kill» war jedoch vor zwei Monaten gescheitert, weil die Kraft des ausströmenden Öls viel zu groß war.
Währenddessen gehen die Ingenieure die letzten etwa 30 Meter der Entlastungsbohrung an, mit der die Quelle dann auch von unten verstopft werden soll. Gegen Ende der Woche könnte der Nebenzugang in mehr als fünf Kilometern unter dem Meeresboden auf die außer Kontrolle geratene Ölquelle treffen, schreibt die New York Times. Durch den Entlastungstunnel sollen dann ebenfalls Schlamm und Zement gepumpt werden, um das Bohrloch auch von unten und nunmehr endgültig zu versiegeln.
Bis es letzte Gewissheit über den Erfolg des «Bottom Kill» genannten Manövers gibt, kann es nach Einschätzung von Experten durchaus Ende August werden. Aber vielleicht, heißt es, reicht auch schon der «Static Kill», um die Quelle zu besiegen. Die Arbeiten zurückwerfen könnte indes ein weiterer Tropensturm. «Das Wetter ist immer unser schlimmster Widersacher», sagte BP-Manager Kent Wells.
US-Klimabehörde besorgt über Folgen der Ölkatastrophe
Wissenschaftler können nur spekulieren, welche Gefahren die schlimmste Ölpest in der Geschichte der USA noch birgt. Seit dem 15. Juli verschließt eine Kappe das Bohrloch provisorisch, zwei Wochen danach ist auf dem Meer erheblich weniger Öl zu sehen. Aber die Angst vor den langfristigen Folgen bleibt, nicht nur bei Fischern und Shrimp-Fängern entlang der Golfküste. «Weniger Öl an der Oberfläche heißt nicht, dass es darunter kein Öl oder dass es kein Risiko mehr für unsere Strände und Marschen gibt», mahnte erst vor wenigen Tage die Chefin der US-Wetter- und Klimabehörde NOAA, Jane Lubchenco. «Wir sind extrem besorgt über die kurz- und langfristigen Folgen für das Ökosystem des Golfs.»
Andere sind hoffnungsvoller. «Ich bin optimistisch, dass sich die Region erholt», sagt ein Experte des US-Innenministeriums. Die Ölpest im Golf von Mexiko sei mit der Exxon-Valdez-Katastrophe in Alaska kaum zu vergleichen. Hier habe man es mit einem sehr warmen Gewässer zu tun, in dem Bakterien seit jeher das schon immer aus dem Boden tretende Öl quasi auffressen.
Untersuchungen hätten bisher gezeigt, dass die Sauer- und Nährstoffversorgung dieser mikroskopisch kleinen Helfer kaum beeinträchtigt sei, erläutert der Fachmann. Allerdings: «Man hat natürlich noch nicht den ganzen Golf getestet.» Von einer Reinigung des Marschlandes vom Schlick rät er ab: Zu viel könnte dabei am Ende zerstört werden.
Fischer verlangt Schadensersatz von BP
Buggy Vegas weiß, dass Grand Isle noch einiges vor sich hat auf dem Weg zurück zur Normalität - auch wenn sich an seinen Bootsanlegern schon wieder tief gebräunte Hobbyfischer mit Dosenbier nach erfolgreicher Ausfahrt zuprosten. Dass die Touristen aus der näheren Umgebung bald zurückkehren, davon ist er überzeugt. «Uns machen die Urlauber Sorgen, die von außerhalb Louisianas kommen.»
Und da ist noch das Gerangel mit dem BP-Konzern um den Schadenersatz. 80 Prozent Einbußen habe seine «Bridge Side Marina» im April und Mai hinnehmen müssen, sagt der Geschäftsmann. Im Juni und Juli seien es noch 50 Prozent gewesen. Die Zahlung für die ersten beiden Monate sei «in Ordnung» gewesen. Was das Unternehmen als Ausgleichszahlung für die nächsten beiden Monate angeboten habe, sei aber «völlig daneben».
Ob Grand Isle wieder so werden wird wie früher? «Wenn sie das Bohrloch stopfen, wenn sie die Säuberungsarbeiten fortsetzen, wenn es keinen Hurrikan gibt» - dann ja. «Bis zum Sommer», sagt Buggy Vegas, «sollte alles wieder beim Alten sein.» Völlig überzeugt klingt er nicht. «Es ist noch nicht vorbei», ergänzt er.
jag/iwi/news.de/dpa