Mo., 13.02.12

Gewaltverbrechen «Die Familie ist ein Schlachtfeld»

Von Marion van der Kraats

Artikel vom 23.07.2010

Die Eltern und beide Schwestern erschossen: Was im April 2009 in Eislingen geschah, ist unbegreiflich - oder? Familiendramen sind an der Tagesordnung. Und Psychologen wissen, warum es gerade hier so oft knallt - und immer häufiger.

Ein Paar wird in seiner Wohnung in Velten (Brandenburg) tot gefunden. Offensichtlich ein Beziehungsdrama: Ein 33 Jahre alter Jäger soll erst seine Partnerin (39) und dann sich selbst durch einen Kopfschuss getötet haben. Nur gut eine Woche zuvor erschüttert ein Familiendrama im knapp 90 Kilometer entfernten Rathenow Brandenburg: Ein 28-Jähriger wird festgenommen, weil er seine 60 und 67 Jahre alten Eltern getötet und ihre Leichen zerstückelt haben soll. Der Streit um seinen beruflichen Werdegang soll eskaliert sein. Im April soll ein 19-Jähriger ebenfalls in Rathenow seine Mutter (45) erwürgt und erschlagen haben. Tatort Familie - was ist da los?

«Die Familie ist ein Schlachtfeld», sagt der Kriminologe Kai Bussmann von der Universität Halle/Saale und verweist auf die amerikanische Familienforschung. Durch sie sei bereits seit den 1970er Jahren bekannt, dass es kaum einen gefährlicheren Ort gibt. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb dieses intimen Ortes Opfer einer Straftat zu werden, sei relativ hoch. «Die Familie ist ein vergleichsweise unsicherer Ort», sagt Bussmann, der mehrere Familiengewaltstudien verfasst hat.

Emotionale Entwicklung in vielen Familien gestört

Und die Gefahr nimmt zu. Diesen Eindruck hat der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Gottfried Barth - unabhängig davon, dass wegen der Medienberichterstattung entsprechende Fälle mehr im Fokus stehen als früher. Zurückzuführen sei dies darauf, dass die Gesellschaft zunehmend Probleme mit der Affektsteuerung habe. Diese werde innerhalb der emotionalen Entwicklung gelernt - und zwar in der Familie, bei der Kommunikation.

Aber um die ist es aus Sicht von Barth schlecht bestellt: «Eine gelungene Kommunikation kann nicht funktionieren, wenn ich das Kind vor den Fernseher setze.» Außerdem seien die Familien heutzutage immer weniger belastbar: «Allein durch die Berufstätigkeit der Eltern oder die Sorge um den Arbeitsplatz gibt es viel mehr Anspannung als früher», meint der Psychiater. Aber auch die Kinder stünden zunehmend unter Leistungsdruck und hätten nur noch wenig Raum für eine «emotionale Entwicklung». Stattdessen stünden intellektuelle Lerninhalte im Mittelpunkt.

«Fühle ich aber die Wut nicht, ist auch keine Kontrolle möglich», erklärt Barth. Damit gehe ein wichtiger Schutz vor extremen Taten verloren, ist der Psychiater überzeugt.

Eigenbrödler hat nicht gelernt, mit dominanten Eltern zu reden

Noch ist für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar, was den 28- jährigen Rathenower dazu gebracht hat, seine Eltern umzubringen. Nach bisherigen Ermittlungen und seinem Geständnis scheint jedoch klar: Der ehemalige Jura-Student, der noch bei den Eltern lebte, hat sich mit ihnen schrecklich gestritten über seine berufliche Zukunft. So sehr, dass die Situation im Juni eskalierte und der unscheinbare junge Mann die Kontrolle verlor. Seine Eltern wurden als dominant beschrieben, der Sohn als «Eigenbrötler». Möglicherweise hatte die Familie keine Chance, weil sie nicht gelernt hat, offen miteinander zu reden.

Genau dies ist aus Sicht des Tübinger Psychiaters aber nötig. Barth: «Die Familie ist der Ort, wo Affekte ihren Platz haben und man auch mal toben und schreien oder gefrustet sein darf - natürlich ohne handgreiflich zu werden.»

iwi/news.de/dpa
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