Mo., 13.02.12

Drei Monate Ölpest Wie viel Öl steckt die Natur weg?

Von Simone Humml

Artikel vom 22.07.2010

Vor drei Monaten ging die «Deepwater Horizon» unter. Bekämpft worden ist die Ölkatastrophe seitdem mit uralten Mitteln. Wie viel Öl tatsächlich ausgelaufen ist, weiß kein Mensch. Eine gewisse Menge können ölfressende Mikroorganismen durchaus verarbeiten.

Einige Helfer versuchen, Pelikane vom Öl zu säubern. Andere buddeln Schildkröteneier aus und legen sie sacht in Kisten. Die jungen Tiere sollen an sauberen Stränden aus dem Ei schlüpfen. Anwohner klagen über Kopfweh und Übelkeit. Drei Monate nach der Explosion der Bohrinsel «Deepwater Horizon» halten Forscher fest: Aus früheren Unglücken wurde nichts gelernt.

«Obwohl die Bohrtechnik in den vergangenen Jahrzehnten rapide Fortschritte gemacht hat, ist der Umgang mit den Ölkatastrophen dem nicht gefolgt», schreibt Arne Jernelöv, der schon das Unglück der Bohrinsel «Ixtoc» 1979 im Golf von Mexiko untersucht hat. «Die Leute nutzen dieselben Sperren, Dispersionsmittel und Schutzvorrichtungen, wie sie es für Ixtoc taten.» Damals waren nach Auskunft des mexikanischen Ölkonzerns Pemex fast eine halbe Million Tonnen Öl ins Meer gelangt, wie Jernelöv im Fachjournal Nature berichtet.

«Aufgrund der Informationspolitik weiß eigentlich kein Mensch, wie viel Öl nun ins Meer geströmt ist», kritisiert Gunnar Gerdts von der Außenstelle Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Es schätzt die Menge bei dem «Deepwater-Horizon»-Unglück auf eine halbe bis eine Million Tonnen.

Was schaffen die Ölfresser?

Generell kann die Natur Öl verkraften: Etwa die Hälfte des Öls im Meer stammt aus natürlichen Quellen. Doch stellen sich die ölfressenden Mikroorganismen nicht so schnell auf die riesigen Mengen eines Unglücks ein. «Die Mikroben können zudem nicht vom Öl allein leben, sie benötigen Nährstoffe aus dem Wasser, um zu wachsen und das Öl abzubauen», erläutert Benjamin Van Mooy von der Woods Hole Oceanographic Institution. An der Oberfläche seien Nährstoffe vermutlich knapp, in tiefen Regionen eher reichlich vorhanden. Der Abbau sei auch abhängig von Sauerstoff und Temperatur.

Einige Meerestiere sind bereits geschädigt. Die US-Ozeanbehörde NOAA zählte an den Küsten im Golf von Mexiko vom 30. April bis 12. Juli 515 gestrandete Schildkröten und damit mehr als gewöhnlich. Das sei zwar zum Teil auf die nun intensive Beobachtung zurückzuführen, aber nicht komplett. Rund 90 Prozent der Tiere waren tot. 63 Delfine strandeten laut NOAA in der Unglücksregion, die meisten waren ebenfalls tot. Fünf hatten außen deutliche Ölspuren. Auch hier ist unklar, wie viele wegen des Öls starben.

Meistens erholen sich Bestände nach Ölkatastrophen schnell

Aufgrund der wenigen «Deepwater»-Daten sind Forscher auf Erfahrungen aus anderen Ölkatastrophen angewiesen: Shrimps, Tintenfische und einige Fischarten seien durch das «Ixtoc»-Öl zunächst zurückgegangen, berichtet Jernelöv. Aber die Bestände hätten sich schnell erholt - unter anderem wegen der geringeren Fischerei in den Folgejahren. Auch nach der «Deepwater»-Katastrophe ist die Fischerei in einer großen Region verboten. Die mexikanische Küste habe jedoch sehr enge Eingänge in die Lagunen, während die Feuchtgebiete von Louisiana weit weniger vor Öl geschützt seien. «Die Langzeitschäden der Ölkatastrophe von ‹Deepwater Horizon› bleiben weiter unbekannt.»

Delfine, Wale und Fische können Öl in der Regel riechen und wegschwimmen, sagt Gerdts, der Mitglied der Expertengruppe «Folgen von Schadstoffunfällen» des Bundesumweltministeriums ist. «Aber wenn sich das Öl verteilt und in verschiedenen Tiefen einschichtet, haben sie ein Problem.» Ein Teil des Öls im Meer könne langfristig auf den Meeresboden sinken. «Und ich vermute, dass es dort über Jahrhunderte liegen bleibt, weil es dann Asphalt wird.» Wirklich problematisch sei das Öl jedoch an Land.

Daten unter Verschluss

«Beim Unglück der Exxon Valdez (1989/Alaska) konnte man das Öl runterschrubben, aber das Mississippi-Delta hat eine hohe Oberfläche. Da wüsste ich nicht, wie man es anders machen sollte, als die betroffenen Gebiete zu roden», sagt Gerdts. «Es wird sicherlich keinen Sinn machen, die einzelnen Pflanzen abzuputzen.» Besonders problematisch sei das auch für Vögel oder Alligatoren, die mit den giftigen, klebrigen Ölresten in Kontakt kämen.

Jernelöv fordert ein offenes Informationssystem möglichst unter Leitung des UN-Umweltprogramms Unep, um aus Ölkatastrophen zu lernen. Noch blieben viele Daten unter Verschluss.

Auch sein Report der «Ixtoc»-Ölkatastrophe von 1979, der den Pemex-Konzern kritisiere, sei nie komplett veröffentlicht worden. Insgesamt müsse zudem die Sicherheitstechnik verbessert werden, schreibt Jernelöv, der nun am Institut für Zukunftsforschung in Stockholm arbeitet: «Der effektivste Weg, um Schäden zu vermindern, ist sicherzustellen, dass solche Unglücke nicht passieren.»

iwi/reu/news.de/dpa
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