Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wenn jemand ständig um Hilfe schreit, nimmt ihn keiner mehr ernst, falls er doch mal in Not ist. Das könnte den Bauern passieren. Das Wetter, die Preise - Negatives findet sich immer. News.de findet eine Landwirtin, die trotzdem positiv denkt.
Landwirte sind auch Menschen. Wenn der Frühling zu kalt ist, wird gemeckert, ist der Sommer zu heiß, wird gestöhnt. Doch dass die Bauernschaft die smalltalk-taugliche Nörgelei immer gleich ins Essentielle erhebt, geht vielen normal schwitzenden Bürgern auf den Geist. Das Panorama 2010: «Momentan ist es zu trocken, und wenn Niederschläge kommen, dann so heftig, dass die Böden sie nicht aufnehmen können. Außerdem hatten wir jetzt heftige Unwetter, da brechen die trockenen Pflanzen schnell ab», erklärt Katja Zippel aus dem Agrarreferat der Deutschen Landjugend.
Mit 30 Prozent Minus rechnet die Union der Kartoffelwirtschaft, Bauernpräsident Gerd Sonnleitner kalkuliert dieselben Einbußen fürs Getreide ein und sagt beim Tierfuttermittel Mais gleich ein Totalfiasko vorher. Apokalypse auf deutschen Feldern?
Tatsächlich sind Pflanzen natürlich sehr empfindliche Wesen und in der Landwirtschaft gnadenlos den Exzessen der Natur ausgeliefert. Die schweren Lehmböden, die Magdalena Kliver im saarländischen Homburg-Einöd beackert, haben sich im kalten Frühjahr nicht ausreichend erwärmt, das Getreide konnte sich nicht standesgemäß entwickeln und ist dann zu früh abgereift, ohne in der warmen Zeit noch einmal ausreichend Wasser bekommen zu haben, wie die junge Landwirtin aus dem Vorstand der Landjugend erklärt.
Aber was für ein Wetter würde ein Landwirt denn à la carte bestellen? Da muss auch Katja Zippel schmunzeln, sie weiß schon, dass man es der Zunft schlecht rechtmachen kann. Zum Hors d'oeuvre einen kalten Winter mit Frost, als erster Gang ein milder Frühling, garniert mit mäßigem Niederschlag, zum Hauptgericht dann gern sommerliche Hitze, aufgeschäumt mit Regen, aber bitte nicht zu heftig. Der Nachtisch sollte bitte niederschlagsfrei bleiben, damit die Ernte trocken eingefahren werden kann. Feuchtes Getreide sinke nämlich im Preis, erklärt die Agrar-Expertin.
Nein, es war nicht schon immer so
Nun war aber doch die Natur schon immer grausam und dürfte einen echten Bauern nicht aus der Fassung bringen. Sollte man meinen. Doch Magdalena Klivers' Großvater versichert seiner Enkelin immer wieder, dass es früher ganz anders gewesen sei. «Wir müssen uns einem immer extremeren Klima anpassen», sagt Kliver. Damals gab es vier gute Jahre und ein schlechtes, jetzt wechseln sich gute und schlechte Ernten ab.
Tatsächlich seien die Ernten 2009 ganz gut gewesen. Da stand der Mais doppelt so hoch wie heute, wo seine dünnen Stengel die Frucht kaum tragen können. Zwar schimpfte man auch im vergangenen Jahr über den feuchten Sommer, doch die Erträge stimmten. Nun habe in diesem Jahr auch die Wintergerste, das erste schon eingefahrene Getreide, «durchschnittliche Erträg» erzielt, sagt Katja Zippel. Das zeigt, wie schwierig pauschale Prognosen sind, denn Wintergerste ist nicht gleich Roggen und Sandboden hat andere Bedürfnisse als schwerer Löß. Und vielleicht ist am Ende auch alles gar nicht so tragisch.
Eins jedoch ist für alle gleich, und das ist der Preiskampf, der jede durchschnittliche Ernte doch wieder zum Verlustgeschäft macht - zum Beispiel 2009, wie Magdalena Kliver erklärt. Und durch den weltweiten Markt lasse sich eine schwache Ernte auch nur bedingt durch höhere Preise ausgleichen. «Wenn günstiges Getreide aus Amerika oder Frankreich kommt, bleibt der Preis schlecht.»
Doch Magdalena Kliver gehört trotzdem nicht zu den Nörglern. In der Pflanzenzüchtung werde bereits viel getan, um resistentere Sorten zu entwickeln. Und wer wie sie noch ein paar Jahrzehnte als Landwirtin vor sich habe, müsse sich ein zweites Standbein schaffen oder eigene Formen der Vermarktung suchen. Mit einer kleinen Mühle zusammenarbeiten, regional absetzen. «Da kann der ein oder andere einen Fuß in die Tür kriegen», sagt sie fröhlich.
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