Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Diese Aktion ist einzigartig: Am Sonntag werden 60 Autobahn-Kilometer gesperrt, damit die Menschen im Ruhrgebiet dort essen und ihre Heimat präsentieren können. Begleitet wird das Ganze von einem riesigen Medienspektakel. News.de hat sich vorher dort umgeschaut.
Was passiert, wenn eine Lebensader zum Stillstand kommt? So genau weiß das keiner. Auch Jan Pauly nicht. «Letzte Woche habe ich überhaupt erst gemerkt, wie verrückt das ist, was wir hier machen, wie wahnsinnig», sagt der schlanke Mann mit den schwarzen Wuschelhaaren und schaut auf die Autobahn 40 bei Essen-Frohnhausen. «Ich bin abends, als die Sonne gerade über Duisburg unterging und wenig Verkehr war, über die A 40 gefahren und da habe ich begriffen, dass hier am Sonntag alles stillsteht und das ein seliger Ort sein wird.»
Sehr selig sieht es in diesem Moment nicht aus: Hohe Leitplanken rahmen die A 40 ein, auf zwei Spuren rasen die Autos in jede Richtung, in der Mitte ein Gleisbett für die Straßenbahn. Zwischen Duisburg und Dortmund wird die A 40 Ruhrschnellweg genannt oder im Volksmund auch Ruhrschleichweg, weil ihre vier Spuren längst nicht mehr ausreichen, um eines der höchsten Verkehrsaufkommen Deutschlands störungsfrei aufzufangen. Die Autobahn führt mitten durchs Ruhrgebiet, durch das Herz des Reviers, verbindet alle großen Städte und prägt das Leben der Menschen. Viele fahren täglich, jeder stand hier schon einmal im Stau.
Jan Pauly arbeitet nun daran, die A 40 still zu legen. So still wie noch nie – und das ohne Stau. Für einen Tag wird der Verkehr ruhen, auch die Straßenbahn, und die Straße soll zum Festplatz werden. Auf 60 Kilometern werden rund 20.000 Tische aufgebaut, an denen die Menschen feiern und essen sollen. Das Ganze heißt «Still-Leben Ruhrschnellweg» und ist ein Projekt der Ruhr.2010 GmbH, die für Essen und das Ruhrgebiet das europäische Kulturhauptstadtjahr 2010 organisiert. Und Pauly sorgt dafür, dass die Presse die riesige Veranstaltung angemessen begleiten kann.
Als er auf eine Straßenbahnhaltestelle in der Mitte der Autobahn blickt, sagt Pauly: «Früher bin ich jeden Morgen um 7 Uhr mit der Bahn gefahren und musste oft 15 Minuten warten an dieser unglaublich lauten Haltestelle». Er habe in die frustrierten Gesichter der Autofahrer im Stau geschaut und das Ruhrgebiet verdammt. «Auch daher befriedigt es mich jetzt, das die A40 gesperrt und zur bunten Kulturbühne wird», sagt er und lacht.
Freiwillige wollen das Ruhrpott-Image aufbessern
Einen Hubschrauber hat Pauly gechartert, von dem aus Fotografen das Still-Leben auch aus der Luft festhalten können. Für Journalisten, die am Boden bleiben, stehen Fahrräder zur Verfügung. «Mehr als 400 haben sich akkreditiert, unter anderem aus Tschechien, Österreich, Australien, Frankreich und Holland», sagt Pauly und dreht den Blick weg von der Autobahn und auf das Gelände hinter sich. Es ist ein altes VW-Autohaus, das der 30-Jährige innerhalb von einer Woche zum Pressezentrum umbauen muss. «Der WDR, Deutschlandradio, Funkhaus Europa, n-tv, Westfunk, RTL und ZDF werden hier Übertragungswagen aufstellen», sagt er und geht zum Gebäude.
Vor dem Eingang steht ein Laster mit der Aufschrift «Expo Mietmöbel» und nicht weit davon entfernt ein massiger Mann mit türkisfarbenem Poloshirt mit der Aufschrift «Volunteer». «Hey, wir kennen uns doch schon. Hilf mir doch gerade mal bei deinem Namen», sagt Pauly, und reicht ihm die Hand. «Ja, ich bin Jürgen», entgegnet der. «Was gibt es zu tun?»
Jürgen ist einer von rund 750 Freiwilligen, die bei Ruhr 2010 mit anpacken. «Wir müssen die ganze Geschichte hier nutzen, um etwas gegen das negative Image des Ruhrgebiets von Kohle und Schmutz zu tun», erklärt der 53-Jährige, warum er mitmacht. «Wir müssen die Helligkeit zeigen und die Fröhlichkeit der Menschen, die offen auf einen zugehen.» Jürgen erzählt, dass er ganz in der Nähe wohnt, selbstständig mit gebrauchten Möbeln handelt und seine Arbeit heute Abend nachholen wird. «Das Interesse am Still-Leben ist sehr groß bei den Menschen hier in Frohnhausen», sagt er. «Die Leute sind sehr gespannt, was da passiert, denn so etwas sieht man ja nicht alle Tage.»
Bad-Taste-Party mit DJ Bobo und der Kelly Familiy
Was manche überraschen wird: Beim Still-Leben geht es nicht nur ums Essen. Zwar haben manche Medien über den vielleicht größten Picknicktisch der Welt berichtet, aber das ist nicht alles. «Es geht darum, Alltagskultur zu zeigen», sagt Pauly. «Das Motto ist ‹Der Tisch ist die Bühne›». Und dafür haben sich viele verschiedene Gruppen für die Tischplätze angemeldet - unter anderem eine Star-Wars-Fan-Gruppe, ein Kinder- und Jugendzirkus und ein Wikipedia-Stammtisch.
Eine Bad-Taste-Party-Gruppe kündigt an: «In schrecklich-schrillen Outfits will unsere Mädelstruppe mit allen Besuchern zu Musik von DJ Bobo über Kelly Familiy bis Guildo Horn Gas geben. Alle, die uns besuchen, können sich etwas aus unserer Verkleidungskiste raussuchen und mit uns feiern.» All das geschieht in einer Fahrtrichtung. Die andere wird zur sogenannten Mobilspur, auf der die Menschen mit Fahrrädern und Inlineskates fahren können.
«Jürgen, pack doch schon mal bitte die Möbel aus», sagt Jan Pauly im ehemaligen VW-Verkaufsraum. Die Männer vom Mietmöbelverleih haben mittlerweile Stühle, Sessel und Empfangstresen hier abgeladen. «Ich mach mal eben einen Rundgang mit den Leuten von der Telekom.» Mit einem Raumplan in der Hand geht er durch die Büroräume im ersten Stock, plant Anschlüsse für Faxgeräte, Internet und Telefon für die Journalisten. Zwischendurch klingelt immer wieder das Telefon an seinem Gürtel. «Ja, Funkhaus Europa kommt jetzt doch nicht mit einem großen Ü-Wagen, sondern mit einem Smart, die müssen wir auf einen anderen Platz stellen. Ok, tschüs» - so hören sich die Gespräche an.
Wer wohnt hinter der Schallschutzwand?
Dann muss Pauly zurück ins Ruhr-2010-Büro - über die A 40 natürlich. «Am Anfang hatte ich hier Startschwierigkeiten», sagt er, als er auf die Autobahn auffährt. Pauly kommt nicht aus dem Ruhrgebiet, sondern von der Mosel. Als seine Freundin schwanger wurde, brach er sein Studium in Tübingen ab, zog mit ihr in ein Haus ihrer Eltern nach Essen und begann eine Ausbildung zum Eventmanager. «Damals waren mir Schönheit und Ästhetik total wichtig.» So habe er etwa Tübingen sehr schön gefunden. Aber durch Ruhr 2010 sei er auch zum Ruhrgebietsfan geworden. «Heute finde ich es spannend, an einer Schallschutzwand vorbeizufahren und mich zu fragen, was für Menschen dahinter leben.»
Vielleicht kommen die Menschen am Sonntag hinter ihren Schutzwänden hervor und auf die Bahn. Vielleicht auch nicht, weil der Asphalt beim aktuellen Wetter glühend heiß wird. Was passiert, wenn eine Lebensader zum Stillstand kommt? So genau weiß das keiner. Aber es könnte interessant werden. Und vielleicht ist sie an diesem Tag ja sogar noch lebendiger als sonst.
Absoluter Quatsch bei dem Dauerstau im Ruhrgebiet allerorten. Da sieht man, welche Eierköppe uns bestimmen. Diese Republik hat andere Probleme. Am besten haut man sie in die Tonne und fängt neu an. Diese ist zu fett und feist und faul.
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