Sa., 26.05.12

Ralf König 15.07.2010 «Heute kann ich Pimmel zeichnen, soviel ich will»

Ralf König (Foto)
Freut sich auf den CSD in Leipzig: Comiczeichner Ralf König. Bild: CSD

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach

Er bekommt zum Geburtstag eine Ausstellung mit seinen Comics und darf auch noch den Christopher-Street-Day in Leipzig beschirmherren. Mit news.de spricht Comiczeichner Ralf König darüber, wie es soweit kommen konnte.

Wie wird man Schirmherr des CSD in Leipzig?

König: (lacht) Die haben mich an einem guten Tag erwischt und gefragt. Ich habe bis jetzt nicht die geringste Ahnung, was das überhaupt heißt. Ich soll die CSD-Parade einläuten, was mir fast ein bisschen unangenehm ist. Ich kann zwar mittlerweile vor einem größeren Publikum was erzählen, wenn es um meine Belange geht. Aber Fahnen hoch und Homodemo los, diese politischen Statements liegen mir nicht so. Ich freu mich aber drauf. Dieser CSD in Leipzig soll ein schöner kleiner sein.

Sind Sie sonst ein CSD-Gänger?

König: Dieses Jahr war ich in Köln dabei, das war sehr schön. Vorher war ich mal nicht so begeistert wegen der Kommerzialisierung, die mich abstieß. Mit Freunden stand ich am Paradenrand und wir warteten auf einen Wagen, der Musik zum Tanzen spielt. Als wir uns einreihen wollten, kamen große, wahrscheinlich sehr heterosexuelle Kerle mit Sonnenbrillen und Anzügen. Die schoben uns auf den Bürgersteig zurück. Der Effekt war, dass aus einer Limousine zwei Modeltypen ausstiegen in Glitzerklamotten, die machten Werbung für einen Energydrink. Das hat mich so angewidert. Der CSD ist ja immer noch eine Demo. Der Kölner CSD war auch mal eine kleine Parade. Mittlerweile will jeder, der ein Produkt macht, und jede Partei sich zeigen. Da wird es schnell zu einer komischen Parade, die vergessen lässt, worum es eigentlich geht.

Beim CSD in Leipzig wird zum Beispiel über den neuen Hass gegen Homosexuelle diskutiert. Gibt’s den?

König: Ich dachte, dadurch dass die Medien Schwulsein toleranter in einem sympathischen Licht zeigen, passiert auch was in den Köpfen. Dass Schwule bei Jugendlichen wieder das Allerletzte sind, macht auch ein bisschen frustriert. Man denkt, man hat was erreicht und dann gibt es wieder so eine Welle, die aggressiv dagegen hält. So richtig verstehe ich das nicht. Ich war immer skeptisch gegenüber dem Gedanken, dass das Gröbste vorbei ist. Man muss nur über die Grenzen gucken, nach Polen und Russland. Schwul sein ist auf diesem Planeten mit Verfolgung und Unterdrückung verbunden. In Deutschland sind wir in einer Situation, die sehr besonders ist. In größeren Städten wie Köln oder Berlin wo eine, ich nenn's mal Fußgängerzonentoleranz herrscht, ist es einfach, schwul zu sein. Ich hab nie verstanden, was Homophobie ist und was das auslöst.

Das Motto des CSD ist «Homophobie ist heilbar», stimmt das in jedem Fall?

König: Ich bin stolz darauf, obwohl ich das nicht angestrebt habe, dass meine Comics so beliebt sind bei Leuten, die mit Schwulen gar nichts am Hut haben. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Spruch stimmt. Sobald Sympathie mit einfließt und nicht nur Unwissen, dann ist sowas wie Homophobie tatsächlich heilbar. Dafür bin ich vielleicht auch ein Rädchen im Getriebe.

Sie sind in Leipzig wahrscheinlich zum Schirmherren gemacht worden, weil Sie eine Ikone der Homosexuellen sind. Wie fühlt sich das an?

König: Tja. (lacht) Auf der Ikonenwelle schwimme ich gerade. Jetzt werde ich Anfang August 50, seit 30 Jahren zeichne ich Comics. Das hat dazu geführt, dass ich eine Ikone bin. Hört sich ein bisschen seltsam an, weil sich für mich so gar nichts geändert hat. Ich muss sagen, ich lasse mich jetzt auch ganz gerne mal bepuscheln. Ich hatte eine große Ausstellung in Oberhausen im Museum Ludwig, also richtig seriös. Meine Comics hingen dort an den Wänden. Ich finde das ganz schön, dass man so jetzt ein bisschen aufmerksamer auf mich wird. Blöder wär's, hätte es den Beigeschmack von «Jetzt wird er noch mal geehrt und dann verschwindet er in der Versenkung». Dafür habe ich noch zuviel vor.

Dieses Seriöse, war das Ihr Ziel?

König: Nein, da kam ja eins zum anderen im Laufe der Jahre. Erst habe ich das Zeichnen als Hobby gemacht, da hatte ich ein kleines Publikum. Damals Anfang der 1980er war Schwulsein noch ein absolutes Tabu. Es war eine abseitige, kranke gesellschaftliche Ecke und da kam dann einer wie ich, der darüber Witze machte. Das war das Richtige zur rechten Zeit, obwohl ich das gar nicht bezweckte. Durch den bewegten Mann 1987 ging es dann über die Schwulenszene hinaus. Das hat mich gefreut und mir möglich gemacht, seit 30 Jahren vom Comiczeichnen leben zu können. Das ist in Deutschland eher ungewöhnlich. Das seriöse Fach kam in den letzten Jahren. Ich hatte eine Comicserie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich habe die Schöpfungsgeschichte auf meine Art gezeichnet und mir wurde sofort vorgeworfen, ich hätte religiöse Gefühle beleidigt. Da hatte ich dann ein Publikum, dass meine Bücher sicher nicht kannte und vielleicht auch nie kennen wollte. Es gab soviel Empörung. Als Karikaturist hat mich das verwundert, aber auch gefreut. Mitte der 1990er war ich mal bei der Bundesprüfstelle, weil ich einen dicken Pimmel gemalt habe. Heute kann ich Pimmel zeichnen, soviel ich will. Aber wenn ich Adam und Eva zeichne, dann gehen sie auf die Barrikaden. So haben sich die Zeiten geändert.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Religion zu Ralf Königs Thema wurde

Wie kommt man vom Kampf gegen Homophobie, der viele Jahre Thema Ihrer Comics war, zur Religion? Ist der Kampf schon gewonnen?

König: Nein, auf keinen Fall. Aber ich hab das Gefühl, ich habe dazu alles gesagt. Ich will nichts wiederholen. Außerdem fing ich an, mich mit den ewig immer nur schwulen Themen auch ein bisschen zu langweilen. Dazu kommt, dass ich älter werde. Das Umtriebige hat sich langsam gelegt. Ich bin nicht mehr nachts in irgendwelchen Kneipen. Jetzt habe ich einen Freund, zahle meine Eigentumswohnung ab und bin seriös (lacht). Ich würde es aber nicht anders haben wollen. Und Religion hat mich immer beschäftigt. Ich habe mich immer gefragt, wieso bilden sich irgendwelche Bischöfe und Kardinäle mit albernen Hüten, doofen Gewändern und Weihrauch ein, sie hätten einen anderen Draht zu Gott als ich und wollen mir erzählen, wie ich mit meiner Sexualität umzugehen habe? Das hat mich schon als Jugendlicher total empört. Ich bin sehr katholisch aufgewachsen in einem Dorf in Westfalen, wurde aber von meinen Eltern nicht religiös erzogen. Solche Ratzingers, Mixas und Meißners bringen mich echt auf die Palme. Mittlerweile habe ich drei Bücher über Religion gemacht und im September kommt ein neues über den Apostel Paulus. Da rechne ich auch mit einiger Empörung. Denn wenn Christus auch noch verknollnast wird, könnten sich einige aufregen. Dann habe ich aber Lust, etwas zu machen, das nicht so moralinsauer daherkommt.

Danach geht’s also wieder um Homosexuelle?

König: Eher Science Fiction. Das habe ich noch nie gemacht. Ich hatte zwar mal einen Versuch gestartet, hab dann aber den langen Atem nicht gehabt, weil ich Raumschiffe so schlecht zeichnen kann. Busse, Autos, Fahrräder, Motorräder und Raumschiffe kann ich nicht, deshalb muss ich mir behelfen mit Küchengeräten, die ich abfotografiere und durch den Weltraum fliegen lasse. Ich habe Lust, so einen Blödsinn wieder zu machen. Ein bisschen geil darf's dann auch sein. Damit die Leute, die denken, ich würde jetzt intellektuelle Comics machen, einen Tritt in die Eier kriegen.

Sie werden 50 und mit einer Ausstellung im Schwulen Museum in Berlin geehrt. Wie fühlt sich beides an?

König: Ich bin ein bisschen unglücklich über den Titel der Ausstellung, die heißt «Ich komme mir vor, wie eine Witzfigur». Alle Leuten denken, das bezieht sich auf mich. Aber der Ausstellungsleiter hat das aus einem Comic genommen. Noch blöder finde ich, dass da drunter steht «50 Jahre Ralf König», ich wäre mit «30 Jahren Comics von Ralf König» glücklicher gewesen. Es gibt schon irritierte Fragen «Ist der denn schon so alt, dass der 50 Jahre zeichnet?» (lacht)

Dafür könnten die auch denken «Mensch, sieht der gut aus für sein Alter» ...

König: Ja, vielleicht könnte ich damit auch kokettieren. Bei der Ausstellung an sich fühle ich mich locker. Die ist in einem Berliner Hinterhof in der zweiten Etage. Außerdem war sie auch für mich sehr spannend, weil da ein Sammler ist, der seit Jahrzehnten alles aufhebt, was er von mir in die Finger gekriegt hat. Ich selbst habe immer alles fleißig weggeben und mich nicht weiter um Katalogisierung gekümmert. Da sind Zeichnungen von mir, da sehe ich, dass ich sie gezeichnet habe, kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Und dann muss ich selbst lachen, weil ich den Witz nicht mehr kenne. Da gibt es Das Kondom des Grauens auf Japanisch als Videokassette mit fürchterlich blutrünstigem Cover. Sehr kuriose Dinge, die ich selbst noch nie gesehen habe.

Ihre Werksammlung ist riesig, aber nur vier Bücher sind verfilmt worden. Wieso sind das in 30 Jahren nicht mehr?

König: Es werden jetzt mehr. Ich sehe dem ein bisschen mit gespanntem Unbehagen entgegen, weil ich mit den Filmen nie so richtig glücklich war. Ich mache ein Buch, das liefere ich ab und halte gern dafür den Kopf hin. Was Produzenten, Regisseure und Schauspieler da fabrizieren, ist nicht das, was ich mir vorstelle und ich muss trotzdem meinen Namen drübersetzen. Ich habe dem Film Der bewegte Mann viel zu verdanken, das war ein Megaknaller im Kino, aber ich mochte den Film nicht. Das war mir alles viel zu bieder. Kondom des Grauens war ein grauenvoll schlechter Film. Das war mir regelrecht peinlich. Wie die Karnickel war ganz schön, da wurde das Ende vergeigt. Lisistrata war ein spanischer Film, der mir auch zu sehr im Klischee geblieben ist. Die Frauen schön, die Heteromänner alle doof und die Schwulen sind alle Tunten. Die Feinheiten gehen beim Film verloren, die mir in den Comics so wichtig sind. Bei den nächsten Verfilmungen versuche ich wieder mit einzuwirken und hoffe, dass es besser gelingt. Und vor allem freue ich mich endlich mal auf einen Zeichentrickfilm. Prototyp, die Geschichte mit Adam und Eva, und die Sintflut mit Noah ist geplant. Ich fange jetzt an, das Drehbuch zu schreiben und freue mich drauf, dass sich meine Figuren mal bewegen.

Ralf König zeichnet seit 30 Jahren Comics. Für seine Arbeit erhielt er bereits dreimal den deutschen Comic-Preis Max und Moritz. Für Prototyp bekam der den «Sondermann» der Frankfurter Buchmesse 2009. Der noch 49-Jährige lebt in Köln.

ped/reu/news.de
Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Elster
  • Kommentar 3
  • 15.07.2010 22:01
 Antwort auf Kommentar 2

Ha ,ha ich könnte mich kringel für Deinen Eintrag . Felix Kroll . In der Kunst ist alles halt erlaubt .Pimmel zeichnen eben auch !!

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  • Felix Kroll
  • Kommentar 2
  • 15.07.2010 18:10
 

Ralf, alle freuen sich mit Dir, dass Du jetzt Pimmel zeichnen kannst! Wenn Deine Kinder einmal nach dem Beruf ihres Vaters gefragt werden, können sie voller Stolz antworten:¨Pimmelzeichner¨!

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  • Randolf
  • Kommentar 1
  • 15.07.2010 14:44
 

Er zeigt dem Hänschen die große Welt!

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