Wegen der Klimaanlagen-Probleme in Fernzügen bereitet die Bahn eine Wiedergutmachung für hitzegeplagte Fahrgäste vor. Betroffene Reisende sollen Reisegutscheine bis zu 150 Prozent des Fahrscheinpreises bekommen.
«Wir wollen uns nicht nur ausdrücklich bei unseren Kunden entschuldigen, sondern Wiedergutmachung leisten und das Vertrauen in die DB zurückgewinnen», sagte der Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn, Ulrich Homburg am Dienstag. Dazu habe die Bahn bereits am Vortag eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet.
Fahrgäste, die gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten und ärztlich versorgt werden mussten, sollen als Entschädigung Reisegutscheine in Höhe von 150 Prozent des Fahrpreises erhalten. 50 Prozent des ursprünglichen Fahrpreises bietet die Bahn allen Passagieren an, die massive Komforteinschränkungen hinnehmen mussten. Mit Vorlage der Originalfahrkarte können DB-Kunden einen Erstattungsantrag mit dem Stichwort «Hitzewelle» per Post, Telefon oder E-Mail an hitzewelle@deutschebahn.com stellen.
Verdacht auf fahrlässige Körperverletzung
Aus der Politik kam weitere Kritik am Krisenmanagement des bundeseigenen Konzerns. Am Wochenende wurden mehrere überhitzte ICE gestoppt, in einem waren Schüler kollabiert. In mehreren Fernzugwagen fielen weitere Kühlanlagen aus. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung, nachdem am Samstag in ICE-Zügen mit ausgefallenen Klimaanlagen Passagiere zusammengebrochen waren.
Am Montag hatten erneut bei tropischen Temperaturen ICE-Klimaanlagen den Betrieb eingestellt. Allein im Hauptbahnhof von Hannover waren zehn ICE-Züge wegen defekter Klimaanlagen vorläufig außer Betrieb genommen worden, wie eine Sprecherin der Bahn sagte. Betroffen waren demnach zwischen 4000 und 5000 Fahrgäste. Zuvor war von nur einem Zug und 400 bis 500 Passagieren die Rede gewesen.
Viele von ihnen hätten nach der derzeitigen Regelung offenbar keinen Anspruch auf Entschädigung, da laut der Sprecherin in einigen Zügen nur die Klimaanlage in einzelnen Waggons versagt hatte.
Ebenfalls wegen einer defekten Klimaanlage hatte am Montagnachmittag auch der ICE 856 von Berlin nach Hamm (Westfalen) außerplanmäßig in Stendal gehalten. Alle Fahrgäste mussten nach Bahnangaben den Zug verlassen und wurden angesichts der Hitze mit Getränken versorgt. Wie die Bundespolizei mitteilte, wurden fünf Menschen wegen Kreislaufproblemen medizinisch versorgt.
Keine Einzelfälle
Die jüngsten Technikprobleme seien keine Einzelfälle, sagte die verbraucherpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, Caren Lay, am Dienstag. «Die Klimatisierung von IC- und Regionalzügen lässt ohnehin sommers wie winters zu wünschen übrig.» Wie bei Verspätungen müsse es auch bei massiven Beeinträchtigungen des Reisestandards Entschädigungen geben.
Der Verkehrsausschuss-Vorsitzende Winfried Hermann (Grüne) sagte Handelsblatt Online, das komplette Entschädigungssystem müsse auf den Prüfstand. Es sei nicht zu tolerieren, dass bei den meisten Qualitätsmängeln der Bahn nur Kulanzregelungen griffen. Er plädierte für gesetzliche Regelungen, die dann für alle Beförderungsunternehmen gelten sollen und auch Bargeld als Entschädigung vorsehen. Der Grünen-Politiker forderte zudem neue Investitionen des Unternehmens.
«Wir brauchen für Bahn- und Flugverkehr ein einheitliches, leicht verständliches und vor allem durchsetzbares Entschädigungssystem, das auch Bargeld vorsieht», sagte SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber am Dienstag. Die schwarz-gelbe Koalition solle diese Veränderungen nicht nur fordern, sondern auch beschließen.
Der Fahrgastverband Pro Bahn sieht bei der Finanzlage des Konzerns vor allem die Bundesregierung in der Pflicht. Die Bahn müsse, anders als Fluggesellschaften, Mehrwertsteuer auf ihre Ticketverkäufe abführen und dazu noch für die Benutzung des Schienennetzes zahlen, sagte Rainer Engel, Rechtsexperte bei Pro Bahn. Er warf Bundespolitikern vor, Bahnfahren «in funktionierenden Zügen für Luxus» zu halten, der hoch besteuert werden müsse und dadurch den Wettbewerb zu verzerren.
Warum ffielen die Klimaanlagen aus?
Nach dem Kühltechnik-Ausfall in drei ICE-Zügen am Wochenende prüft der Konzern, warum sich die Klimaanlagen abgeschaltet haben. Dies kann der Fall sein, wenn das Kältemittel eine bestimmte Temperatur überschreitet oder der Druck im Kühlsystem zu hoch wird, wie ein Sprecher erläuterte. Das Eisenbahn-Bundesamt prüft die defekten ICE.
Klimaanlagen funktionierten nach Richtwerten. Standardanlagen, die es in Deutschland zu kaufen gibt, sind auf die Richtwerte 26/34 eingestellt. Das heißt, die Maschine muss in der Lage sein, bei einer Außentemperatur von 34 Grad die Luft im Inneren auf 26 Grad abzukühlen. «Wenn die Außentemperatur über den Nennwert hinausgeht, kann keine volle Leistung mehr erbracht werden», sagte der Präsident des Verbandes Deutscher Kälte-Klima-Fachbetriebe, Werner Häcker, am Dienstag der dpa. Die Einstellung sei variabel. Klimaanlagen könnten von Anfang an auch so konzipiert werden, dass der Außenrichtwert zum Beispiel bei 45 Grad liegt.
Wer Kühlaggregate nach Abu Dhabi liefere, lege eine Anlage sicher für noch höhere Außentemperaturen aus, sagte Häcker. Beim Einsatz von Klimaanlagen sollte also von Anfang an festgelegt werden, bei welcher Außentemperatur die Geräte noch volle Leistung bringen müssen.
sck/reu/news.de/dpa/ap/ddp