Sa., 26.05.12

Hitzepanne im ICE 12.07.2010 «Situation möglicherweise unterschätzt»

Bahn-Gewerkschaften fordern sattes Einkommensplus (Foto)
Die Hitze in den ICE-Zügen ruft nun auch das Bundesverkehrsministerium auf den Plan. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert

Im Zug herrschten 50 Grad, auf den Gängen lagen Dutzende Menschen, dehydriert und regungslos. Die Fahrgäste riefen um Hilfe, der nächste Bahnhof war noch 30 Minuten entfernt. Warum das Zugpersonal den Hitze-ICE nicht eher stoppte – und warum er überhaupt losfuhr.

Eine Frau wollte ihrem schon am Boden liegenden Sohn Luft verschaffen. Mit dem Notfallhammer versuchte sie die Scheibe einzuschlagen. Aber sie war bereits so kraftlos, dass diese lediglich splitterte. Vom Zugpersonal bekamen die in Panik geratenen Reisenden nur die Ansage, dass ihr schon verspäteter ICE nach Köln nicht auf offener Strecke halten könne und dass es bis Bielefeld noch eine halbe Stunde dauere. Bielefeld, ein großer Bahnhof, dessen Bahnsteige lang genug sind, damit ein ICE halten kann.

Dabei darf ein Zug im Notfall auch an einem kleineren Bahnhof halten. Das habe es durchaus schon gegeben, erklärt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. Warum es bei dem Pannen-Zug am Samstag dennoch nicht geschah, kann er nur vermuten. «Das Zugpersonal hat die Situation möglicherweise unterschätzt», sagt er.

Allerdings ist das Anhalten an einem für ICE nicht ausgelegten Bahnhof auch eine Gefahr. Technisch ist es nicht möglich, zum Beispiel nur die Türen in den ersten drei ICE-Waggons zu öffnen und so nur dort Menschen aussteigen zu lassen, wo draußen Bahnsteig ist. «Das wird per Lautsprecherdurchsage geregelt und die Passagiere öffnen die Türen selbst», erklärt Naumann. Da bestehe aber immer die Gefahr, dass die Passagiere einfach eine weitere Tür öffnen, auf das Nachbargleis laufen und unter Umständen von einem Zug erfasst werden.»

Zugpersonal hat Angst vor Verspätungen

Anhalten oder nicht anhalten? Die Mitarbeiter hätten am Samstag gar nicht erst in die Situation kommen müssen, diese Entscheidung zu treffen. Ein Jugendlicher, aus dessen Klasse später viele Schüler wegen Dehydrierung behandelt werden mussten, berichtete gegenüber Welt Online von katastrophalen Zuständen schon am Bahnhof in Hannover. «Der Zug war schon völlig überfüllt. Eine rollende Sauna. Wir waren schon nach kurzer Zeit klitschnass geschwitzt.»

Es gebe niemanden, der im Bahnhof noch einmal prüft, ob ein Zug unter den klimatischen Bedingungen losfahren darf. «Aber das Zugpersonal kann mit Verweis auf seine Sicherheitsverantwortung natürlich entscheiden, dass es nicht geht», sagt Naumann. Das geschehe aber nur in ganz selten Fällen, denn das Personal habe Angst, zu früh eine falsche Entscheidung zu treffen. «Wenn ein Zug deswegen unnötig verspätet ist, gibt es zwar keine direkten Strafen. Aber die Mitarbeiter bekommen natürlich eine Ermahnung.» Überhaupt werde bei der Bahn vieles zentral geregelt, sodass die Entscheidungskompetenz der Schaffner und Zugführer vor Ort sehr gering sei.

Gewerkschaft: «Zugbegleiter haben einen harten Job»

Einen Notfallplan für einen solchen krassen Ausfall der Klimaanglage wie am Samstag gebe es laut Naumann nicht. «Selten fällt im ganzen Zug die Kühlung aus. Es geschieht stattdessen oft nur in einem oder zwei Wagen. Dann werden die Fahrgäste gebeten, in einen anderen Wagen zu gehen.» Den Standardfall nennt Naumann das.

Einer, der dem Bundesverkehrsministerium ein Dorn im Auge ist. Derartige Mängel müssten bei zukünftigen Fahrzeuggenerationen beseitigt sein, forderte eine Ministeriumssprecherin. Dazu sei man im Gespräch mit der Bahn, der Bahnindustrie und dem Eisenbahn-Bundesamt. Bahnchef Rüdiger Grube habe versichert, die Vorfälle aufzuklären.

Auch die größte Bahngewerkschaft Transnet forderte Gegenmaßnahmen - und nimmt das Zugpersonal in Schutz. «Die Ursachen müssen schleunigst erforscht und beseitigt werden», sagte der Vorsitzende Alexander Kirchner. «Die Zugbegleiter haben einen harten Job und leiden auch unter den Problemen.»

reu/news.de/dpa
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Christian Kraus
  • Kommentar 1
  • 15.07.2010 10:26
 

Die Bahn-eigentlich sollte sie ein Aushängeschild an den deutschen Tugenden sein: Technisch perfekt, zuverlässig, pünktlich und immer auf dem letztem Stand in punkto Komfort und Bequemlichkeit-und das alles auf dem größmöglichen Sicherheitsstandard! Wenn das alles gewährleistet wird sehe ich nur rosa Zeiten auf die Bahn und ihrer Kunden zukommen-aber so? Gerade im Mittelstrecken-und Langstreckenverkehr wird die Bahn -leider-nicht so angenommen wie z.B. der Flugverkehr! Also -müssen sich viele Dinge positiv ändern- und der Service u.die Intervalle der Inspektionen müssen das jederzeit bieten!

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