Gerold Becker, der frühere Leiter der südhessischen Odenwaldschule, ist gestorben. Becker stand im Mittelpunkt des Missbrauchsskandals an dem Elite-Internat. Er soll 17 Schüler missbraucht haben.
Der frühere Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, ist tot. Er starb in der Nacht zum Donnerstag nach langer Krankheit - unmittelbar vor Beginn der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Internats im südhessischen Heppenheim. Zweifelsfrei zählte der 1936 geborene Erziehungswissenschaftler zu den renommiertesten Reformpädagogen Deutschlands, doch den meisten wird er wohl als Hauptfigur im Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule in Erinnerung bleiben. 17 Jungen soll Becker in dem Internat missbraucht haben, die mutmaßlichen Taten reichen bis in die 60er Jahre zurück.
Die Nachricht platzte in die Jubiläumsveranstaltung hinein. Auf dem Programm stand am Abend unter dem Titel «Wahrheit» ein öffentliches Hearing zum Missbrauch an der Odenwaldschule. Ohne die Aussagen der Täter wird die Aufklärung wohl noch schwieriger werden. «Es tut uns aufrichtig leid, dass Herr Becker so früh gestorben ist und keine Zeit mehr hatte, auf drängende Fragen zu antworten», sagt der Sprecher des Trägervereins, Johannes von Dohnanyi. Auch wenn Gerold Becker sich nicht sehr kooperativ gezeigt habe, so hätten die Opfer noch immer auf eine «richtige Entschuldigung» gehofft - dafür ist es jetzt zu spät.
An der Odenwaldschule sollen sich von 1966 bis in die 90er Jahre Missbrauchsfälle ereignet haben, die Rede ist von mindestens 50 Opfern. Doch die Dunkelziffer ist wohl weitaus höher. Dabei geriet Becker besonders unter Druck. Er war von 1972 bis 1985 Schulleiter in Heppenheim und räumte seine Vergehen zum Teil ein. Zwei Wochen, nachdem der Missbrauchsskandal im März an die Öffentlichkeit gelangt war, hatte sich Becker auf Druck ehemaliger Schüler in einem Brief mit knappen Worten bei den Opfern entschuldigt. «Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter und Leiter der Odenwaldschule war, durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedauere ich zutiefst, und ich bitte sie dafür um Entschuldigung», hieß es darin.
Viele wollten sich mit den wenigen Zeilen nicht zufriedengeben. Auch die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU), die eine externe Aufarbeitungskommission leitete, betonte in einem Zeitungsinterview: «Es kommt auf das persönliche Gegenüber von Täter und Opfer an. Das mag viel verlangt sein, ist aber dann auch glaubwürdig.» Die Opferanwältin Claudia Burgsmüller hingegen versprach sich von Becker ohnehin nicht viel. Er habe ein «pauschales Geständnis» abgelegt: «Mehr war von ihm nicht zu erwarten.» Sie sei überzeugt, dass der ehemalige Schulleiter auch in Zukunft nicht mehr zur Aufklärung beigetragen hätte. Die Taten passten nicht in das Selbstkonzept eines «Narzissten wie Becker».
Obwohl Becker eine Hauptfigur in dem Missbrauchsskandal darstelle, warnt die Anwältin davor, ihn zu mystifizieren: «Das Problem Odenwaldschule ist nicht zu personalisieren.» Es gehe darum, die Strukturen und Täternetzwerke aufzudecken, die weit über die Zeit von Becker als Schuldirektor hinausreichten - «das Vertuschen und Verschweigen», das den Missbrauchskandal erst ermöglicht habe.
Juristisch sind die Taten längst verjährt. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt stellte kürzlich die Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen sämtliche Beschuldigten ein. Die Aufklärungsarbeit indes ist noch längst nicht abgeschlossen und wird es vielleicht nie sein. Zwar gibt es erste Informationen über Dimension und Struktur des Missbrauchs. Doch einen für Herbst angekündigten Abschlussbericht wird es nicht geben, über die tatsächliche Zahl der Opfer gibt es keine Gewissheit. Der Sprecher des Trägervereins bezeichnete den Tod des ehemaligen Schulleiters als «Zäsur». «Die Ära Becker ist eindeutig zu Ende», sagt Dohnanyi. Nicht zu Ende sei jedoch die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe, die weiterhin «rigoros und ohne Rücksicht» verfolgt würden.
cvd/ivb/news.de/ddp/dpa