Von Julian Mieth
Hightech-Unterwasserroboter aus Kiel sollen dazu beitragen, der Ölpest im Golf von Mexiko Herr zu werden. Sie hat nun auch die texanische Küste erreicht. Zwölf der unbemannten Fahrzeuge arbeiten in der Tiefe des Meeres derzeit am Leck.
Der Experte tätschelt einen riesigen Metallkasten. «Das sind wahre Alleskönner unter Wasser», sagt Friedrich Abegg über den Hightech-Unterwasserroboter. Der Technikleiter des IfM-Geomars in Kiel hat schon viele Forschungsfahrten mit «Rov Kiel 6000» hinter sich gebracht - unter anderem im Golf von Mexiko, wo derzeit in 1500 Metern Tiefe Unmengen Erdöl ins Meer sprudeln.
Mitte April ging dort die BP-Bohrinsel «Deepwater Horizon» unter. Nun hängt von den klobigen Unterwasserrobotern viel vom Gelingen der Bekämpfung der Ölkatastrophe ab. Mehrere Schiffe sind derzeit vor Ort, die bis zu zwölf Roboter in die Dunkelheit hinablassen können.
«Mit den Rovs können wir 95 Prozent des Weltmeeresbodens erkunden», sagt Abegg. Rov steht für Remotely operated vehicle und bedeutet ferngesteuertes Fahrzeug. Normalerweise helfen die Rovs bei der Verlegung von Seekabeln, inspizieren Pipelines oder erforschen die sieben Weltmeere. Seit den 1980er Jahren kommen die Maschinen bei Tiefseebohrungen der Ölindustrie zum Einsatz.
Der Rov in Kiel sieht aus, als sei er aufgeschnitten. Der Blick auf das technische Innenleben ist frei. Mittlerweile habe sich ein Grunddesign durchgesetzt, sagt Abegg schmunzelnd. «Formschön ist das zwar nicht, aber zweckdienlich.» Auf einem Metallgestell sind Antrieb, Scheinwerfer, Greifarme, Sensoren und Auftriebskörper montiert - eine Karosserie fehlt. Der Unterwasserdruck könnte sonst die ganze Konstruktion zerquetschen.
Das Kieler Gerät kann bis zu sechs Kilometer tief tauchen. Andere unbemannte Fahrzeuge kommen noch weiter runter. Mehrere Tonnen lasten dann auf Kameras, Scheinwerfern und Motoren. «Vor allem Bestandteile mit Hohlräumen sind gefährdet», sagt Abegg. Alle Kabelschläuche seien darum mit einem Spezialöl gefüllt, das den Umgebungsdruck annimmt.
Wie Hubschrauber im Wasser
Gesteuert werden die Rovs von Deck der Versorgungsschiffe aus. Über riesige Monitor-Wände kann die Crew aus mehreren Piloten und Technikern jede Bewegung verfolgen. «Rovs sind wie Hubschrauber im Wasser», schwärmt Abegg und zeigt auf die vier kleinen Propeller, die das über drei tonnenschwere Gerät antreiben. «Erfahrene Piloten können bis auf wenige Zentimeter genau die Position halten.»
Mit Hilfe von leistungsstarken Scheinwerfern liefern Kameras auch in tiefster Dunkelheit gestochen scharfe Bilder nach oben. Etwa 20 Meter weit könne man sehen. «Vorne ist auch ein Sonar montiert. Damit wissen wir, was 100 Meter vor uns liegt.»
Ein stahlummanteltes Kabel überträgt die Datenströme über Glasfaser und die Stromversorgung über Kupferdrähte. «Die Rovs sind mit der Nabelschnur an das Versorgungsschiff angeschlossen. Das etwa drei Zentimeter dicke Kabel kann bis zu 24 Tonnen tragen.»
Greifen, heben, schrauben, bohren, sägen: Mit den Greifarmen können die Tauchroboter fast alles anstellen. «Man steuert die Arme vom Kommandoraum aus mit einer Art Mini-Kopie», sagt Abegg. «Jede Bewegung, die ich an diesem Master-Arm mache, wird auf den großen Greifarm unter Wasser übersetzt.»
Die Bedienung sei jedoch alles andere als einfach. «Wenn man mit so einem Roboterarm unter Wasser eine Tasse Kaffee trinken wollte, bräuchte man etwa zehn Minuten.» Man müsse viele Sachen gleichzeitig machen und im Auge behalten, sagt Abegg.
Kevin Kerins ist der Vize-Chef des US-amerikanischen Rov-Herstellers Oceaneering und kennt die Schwierigkeiten nur zu gut. Sein Unternehmen baute mehrere Roboter, die nun am Ölleck im Golf von Mexiko arbeiten. «Da sind immer mehrere Rovs gleichzeitig im Einsatz», sagt Kerins. «Jeder zieht ein Kabel hinter sich her. Man kann sich schnell verheddern.»
Höchste Konzentration gefordert
Höchste Konzentration sei notwendig. Die Piloten seien bis zu zwölf Stunden im Einsatz. «Müdigkeit kann da schnell zu einem Problem werden.» Um dieser vorzubeugen, setzt Oceaneering im Golf hochauflösende 3D-Kameras ein. «Das soll den Piloten helfen, besser zu sehen und zu arbeiten», sagt Kerrins.
«Das ist Hochleistungssport», bestätigt der Unterwasserforscher Abegg vom IfM-Geomar. «Nach vier Stunden am Steuer ist dein Gehirn nur noch Matsch.» Erschütterungen und Meeresströmung erschwerten den Piloten zusätzlich die Arbeit. Kürzlich stieß am Bohrloch ein Rov mit einer Öl-Auffanghaube zusammen, die darauf kurzzeitig ausfiel. «Da sitzen immer noch Menschen am Steuer», gibt Abegg zu bedenken. «Was die Piloten im Golf leisten, ist der Wahnsinn.»
Teerklumpen in Texas
Und ihr Einsatz ist wichtig. Denn das Öl sprudelt weiter. Jetzt hat es auch die Küste von Texas erreicht. An mehreren Stränden des US-Staates seien Teerklumpen gefunden worden, sagte ein Behördenvertreter am Montag. In mindestens einem Fall stammt das Öl nachweislich aus dem offenen Bohrloch der untergegangenen Plattform «Deepwater Horizon». Damit sind nun alle US-Staaten am Golf von Mexiko unmittelbar von der Umweltkatastrophe betroffen.
«Es war nur eine Frage der Zeit, dass ein Teil des Öls seinen Weg nach Texas findet», sagte Hans Graber, Meeresphysiker an der Universität von Miami. Verglichen mit dem Ausmaß der Ölverschmutzung an den Küsten von Louisiana, Mississippi, Alabama oder Florida ist die Menge der in Texas angespülten Teerklumpen bislang äußerst gering: Auf der Halbinsel Bolivar nordöstlich von Galveston wurden am Wochenende etwa 20 Liter entdeckt, wie Marcus Woodring von der US-Küstenwache mitteilte. Es sei durchaus möglich, dass Schiffe und nicht natürliche Strömungen das Öl von der Unglücksstelle nach Texas transportiert hätten, sagte er.
sck/sis/ivb/news.de/dpa/ap