Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Früher gab es nur drei Möglichkeiten: Streifen, Raubkatze oder griechische Göttin. Heute heißen die Optionen Boss, Armani oder eben Strenesse. Die Spanier und Portugiesen haben angefangen, jetzt trägt die ganze Trainergilde Zwirn. Es freut sich die Stilberaterin.
Totales Fiasko. Raus in der Vorrunde, das schlechteste Ergebnis der Geschichte, Blamage gegen die Slowakei. Diese WM war eine Schmach für Italien und für Trainer Marcello Lippi. Doch der schleicht sich nicht einfach davon. «Ich übernehme die volle Verantwortung», sagt der Gentleman nach dem Aus - und beweist Format.
Dass Lippi das hat, sieht Linda Scholz auf den ersten Blick. Die Stilberaterin hat ihn als bestgekleidetsten Trainer der WM herausgepickt. Sie hat aber auch ein Faible für Italiener. «Italiener tragen stilvolle Kleidung mit Stolz, als würden sie es leben», erklärt Scholz. Aber auch dem Italien-Stürzer Slowakei attestiert sie einen wohlgekleideten Coach. Vladimir Weiss hüllt seine breiten Schultern in Blau mit Nadelstreifen, abgeschmeckt mit einer blauen Krawatte. «Blau hat immer eine seriöse Wirkung und vermittelt Ausgeglichenheit. Und es steht mehr Menschen als Schwarz.» Mit Kleidung können wir Menschen beeinflussen - letztendlich zeige sich jedoch immer, wer darin stecke, warnt die Stilberaterin. Als Weiss Journalisten vor dem Italien-Spiel mit Prügel drohte, halfen ihm auch die Nadelstreifen nicht. Es gab eine Anzeige bei der Fifa.
Im Anzug präsentieren sich inzwischen fast alle Trainer an der Seitenlinie der WM-Stadien. Dem Auge der Stilberaterin tut das gut. Sie findet es «super, dass der Wert der Kleidung auch bei einem Sportereignis hervorgehoben wird». Vorbei die Zeiten, in denen die Trainer wie Derwische in poppig bunten Trainingsanzügen an der Seitenlinie herumsprangen. Jetzt tun sie es im Designeranzug.
El Diego wäre mit Schwarz besser beraten gewesen
Diego Maradona beweist zur großen Freude der Journalisten: Es geht genauso gut. Dennoch stuft Linda Scholz das argentinische Fußball-Phänomen eher als einen der Trainer ein, der eben auch auf der Linie mitschwimmen möchte, sich aber eigentlich gar nicht recht wohlfühlt im feinen Zwirn. «Das Problem bei ihm ist, dass er eben ein sehr kleiner Mann ist. Und er hat extrem kurze Arme, das ist in der Bewegung eine schwierige Geschichte. Für ihn wäre ein schwarzer Anzug besser gewesen. Er kann es tragen, denn er hat eine dunkle Haut - und Schwarz macht schlanker.»
Auf der anderen Seite sei Maradonas Aufzug jedoch authentisch. Argentiniens Legende zeigt sich, wie sie ist. Und darum gehe es bei Stil letztlich auch, betont Scholz. Tendentiell aber wissen die Latinos ganz gut, was ihnen steht. Sie waren es schließlich, die den Anzug auf der Trainerbank etabliert haben. Gut - mal abgesehen von Franz Beckenbauer, der schon bei der WM '90 Sacko und Krawatte trug. Aber der erfand sich ja auch als Teamchef, wo vor ihm alle Bundestrainer geheißen hatten. Trainern wie dem Portugiesen José Mourinho oder Barcelonas Pep Guardiola jedenfalls ist es gelungen, den Stil an der Seitenlinie zum Gebot zu machen.
Der mittlerweile auch gefordert wird, zumindest in der Champions League. Da sind die Fußballlehrer angehalten, im Anzug zu erscheinen, sagt Horst Zingraf, der Präsident des Bundes Deutscher Fußballlehrer. Trainer, die sich wie Chiles Marcelo Bielsa oder der US-Coach Bob Bradley bei der WM noch für den Trainingsanzug entschieden, dokumentierten damit, dass sie sich sehr nah an der Mannschaft verstehen, erklärt er: «Es ist ein Zeichen, dass ich mich als Fußballspieler sehe.» Der Fußball werden jedoch nicht dadurch verändert, dass der Cheftrainer keine Sportkleidung trage, betont Zingraf.
Einem Anzug glaubt man mehr
Auch Linda Scholz findet den Anzug keineswegs unpassend für den eher handfesten Trainerberuf. «Kleidung nimmt Einfluss, Menschen wirken auf Grund ihres gesamten Erscheinungsbilds, und wir lassen uns unbewusst davon beeinflussen. Je schicker ein Anzug und je attraktiver der Mensch, desto eher ist man bereit ihm Glauben zu schenken», betont sie. Auch ein Trainer will schließlich glaubwürdig sein.
Und Zwirn ist ja auch nicht gleich Zwirn. «Dunkle Farben wirken seriös und zurückgenommen, ein weißes Hemd steht immer für Klarheit und Offenheit», zählt die Stilberaterin Optionen auf. Hemd oder Sacko ohne Krawatte, wie es beispielsweise Hollands Bert von Marwijk oder Portugals Carlso Queiroz bevorzugen, vermittele eine lässige, offene Ausstrahlung. Vicente del Bosques roter Schlips sagt «Achtung». Weil die Nationalmannschaft aber seit der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1920 als «Furia roja», rote Furie, bekannt ist, deutet Scholz die Krawatte ganz eindeutig als Ausdruck des Siegeswillens.
Bei aller Symbolik und Ausdruckskraft, letztlich ist Fußball längst ein Geschäft und die Trainer Geschäftsmänner, die eine Mannschaft verkaufen. «Man kann dem nicht die Stirn bieten», sagt Linda Scholz. «Mode ist überall und hat es immer gegeben und keiner kann sich dem entziehen.»
ped/news.de