Sa., 26.05.12

Marwa-Mord 01.07.2010 Hass auf allen Seiten

Dresden gedenkt ermordeter Aegypterin (Foto)
Marwa El-Sherbini und ihr ungeborenes Kind starben wegen purem Hass. Bild: ddp

Von Simona Block

Die schreckliche Bluttat vor einem Jahr schockte Deutschland und löste Proteste in der islamischen Welt aus. Nach dem Mord an einer Ägypterin im Dresdner Landgericht entflammten Debatten um die Integration von Ausländern und die Sicherheit deutscher Gerichte.

Die große Chance in Deutschland wurde der jungen Ägypterin Marwa El-Sherbini und ihrer Familie zum Verhängnis: Ein arbeitsloser Russlanddeutscher erstach die schwangere Akademikerin vor einem Jahr mitten in einer Verhandlung am Dresdner Landgericht - aus Rache und Fremdenhass. Ihr Ehemann, der sie beschützen wollte, wurde von dem Spätaussiedler lebensgefährlich verletzt. Das Verbrechen löste Wut und Entsetzen in Deutschland aus und heftige Proteste in der islamischen Welt.

Marwa El-Sherbini und ihr Mann Elwy Ali Okaz waren 2004 nach Europa gekommen. Der Molekularbiologe hatte ein Stipendium als Doktorand am Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden. Seine Frau, eine studierte Pharmazeutin aus einer angesehenen Familie in Alexandria, arbeitete in einer Apotheke. Der 2006 in Dresden geborene Mustafa ging in den Kindergarten.

Als die Ägypterin den späteren Täter Alex W. im August 2008 auf einem Spielplatz um einen Sitz auf der Kinderschaukel bat, beschimpfte er die attraktive, Kopftuch tragende Frau als «Islamistin» und «Terroristin». Zeugen riefen die Polizei, der Fall landete vor Gericht. Alex W. sah die Beleidigung nicht ein, machte auch vor Gericht ausländerfeindliche Bemerkungen und wehrte sich gegen die verhängte Strafe.

Sie starb vor den Augen ihres Sohnes

In der Berufungsverhandlung am 1. Juli 2009 war Marwa El-Sherbini, mit einem zweiten Kind schwanger, als Zeugin geladen. Ihr Mann und der Sohn begleiteten sie. Augenzeugen berichteten, wie der Angeklagte sich plötzlich auf die Frau stürzte und mit einem Messer auf sie einstach. Sie starb vor den Augen ihres Sohnes noch im Gerichtssaal. Auch der Ehemann lag blutend am Boden, sein Leben konnte mit einer Not-OP gerettet werden.

Die Bluttat löste bei Muslimverbänden Empörung über Islamophobie in Deutschland aus, auch international war das Entsetzen groß. Es gab Proteste gegen Deutschland im Iran und der Heimat des Opfers. Eiferer missbrauchten die Tat eines Einzelnen für ihre Propaganda und feierten das Opfer als «Märtyrerin des Kopftuchs». Die deutsche Politik verurteilte Islam- und Ausländerfeindlichkeit. In Dresden wurden seitdem gemeinsam mit dem Ausländerrat neue Initiativen gegen Fremdenhass und Rechtsextremismus angeschoben.

Vier Monate nach der Tat wurde Alex W. im Landgericht Dresden wegen Mordes zur Höchststrafe verurteilt: lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren praktisch ausgeschlossen. Das Urteil ist rechtskräftig, die Revision des 29-Jährigen vom Bundesgerichtshof verworfen. Der Prozess fand unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen und internationalem Medieninteresse statt. Das Gericht glich einem Hochsicherheitstrakt.

Schärfere Kontrollen an deutschen Gerichten

Der Mord löste auch eine Debatte über die Sicherheit an deutschen Gerichten aus. Mehrere Bundesländer beschlossen schärfere Kontrollen. Die Familie des Opfers, aber auch Verbände hatten den Behörden wegen der mangelnden Sicherheitsvorkehrungen eine Mitschuld am Tod der Ägypterin gegeben. Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung gegen den Gerichtspräsidenten und einen Richter wurden später jedoch ebenso eingestellt wie Ermittlungen gegen einen Bundespolizisten, der den Ehemann der Ägypterin bei der Rangelei mit dem Täter irrtümlich angeschossen hatte.

Witwer und Sohn von Marwa El-Sherbini leben inzwischen in England, wo der Zellforscher an einem Universitätsinstitut arbeitet. «Es geht ihm gut», sagt ein Kollege vom Dresdner Institut, der noch Kontakt zu dem 32-jährigen Okaz hat. Die Doktorarbeit hatte der junge Wissenschaftler noch in Dresden verteidigt. Seit dem Prozess hat er die Stadt aber gemieden.

Auch sein Kommen zum Gedenken am Jahrestag der Bluttat hat Elwy Ali Okaz abgesagt. Deshalb gibt es heute nur einen stillen Akt im Landgericht. Dort soll im Foyer eine Bronzetafel enthüllt werden, die in Deutsch und Arabisch an die brutale Gewalttat erinnert. «Es steht in unserer Macht, alles daran zu setzen, dass so etwas nie wieder geschieht», sagt Oberbürgermeisterin Helma Orosz.

ped/iwi/news.de/dpa
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • wurzelei
  • Kommentar 1
  • 04.07.2010 18:15
 

Hat jemand schon mal von einer Gendenkttafel für von Muslimen ermordete Deutsche in diesem jahr gehört? Deutsche sind offensichtlich weniger wert bei der deutschfeindlichen eigenen Presse, die offensichtlich gesteuert ist.

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