Mi., 08.02.12

Ferienjobs «Ehrlich verdient statt abgezockt»

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert

Artikel vom 24.06.2010

Warum arbeiten Kinder nach acht Schulstunden noch? Dass es ihnen nicht nur ums Geld geht und warum vor allem reiche Eltern ihre Sprösslinge zur Arbeit scheuchen, erklärt Kindheitswissenschaftlerin Beatrice Hungerland.

Frau Hungerland, warum arbeiten Kinder?

Hungerland: Für viele ist natürlich das Geld eine wichtige Motivation, aber nicht nur. Viele finden es ganz toll, neue Erfahrung zu machen, Anerkennung zu bekommen und mal in einem Bereich zu sein, der eigentlich Erwachsenen vorbehalten ist. Viele haben Spaß bei der Arbeit und glauben, dass sie für die Zukunft etwas lernen.

Ist das so? Bekommt derjenige, der in der Tischlerei die Späne aufkehrt, dort später den Ausbildungsplatz?

Hungerland: Das kann zum Beispiel für Kinder aus Migrantenfamilien tatsächlich eine Investition sein, weil sie es nach dem Schulabschluss tendenziell schwerer haben, einen Job zu finden. Aber die allermeisten trennen klar und sagen: Das ist ein Job, den ich jetzt mache und der hat mit später überhaupt nichts zu tun. Sogar die Schauspieler- und Synchronsprecherkinder, von denen man annehmen könnte, dass die später alle große Stars werden wollen, haben für sich häufig völlig andere Pläne.

Sie sagten, viele Kinder hätten Spaß bei der Arbeit. Ich habe das Zeitungsaustragen früher eher als starke Belastung empfunden.

Hungerland: Ja, so geht es den Kindern natürlich auch. Gerade die Zeitungsausträger haben in unserer Umfrage häufiger geklagt. Allerdings war die Hausarbeit die mit Abstand unbeliebteste Arbeit von allen. Denn die Kinder können sehr gut mit einer Arbeit leben, die sich selbst gesucht haben. Das ist etwas
ganz anderes, als wenn sie eine Aufgabe aufgedrückt bekommen wie bei
der Hausarbeit, wo man auch kaum Verhandlungsspielraum hat.

Was machen die Kinder mit ihrem verdienten Geld?

Hungerland: Das böse Vorurteil ist ja, dass sie es sofort auf den Kopf hauen und Blödsinn dafür kaufen. Aber die meisten Kinder sparen das sehr konkret  für langfristige Anschaffungen. Einen PC oder eine Nike-Jacke zum  Beispiel. Da wird den armen Kindern nun wieder der Vorwurf gemacht, sie  seien konsumorientiert. Allerdings sind es vor allem die Kinder aus armen Familien, die ihr Geld für Markenklamotten ausgeben. Das ist auch gar nicht so erstaunlich, denn die Kinder aus reicheren Familien haben diese Sachen sowieso. Und im Grunde ist so eine teurere Hose auch Statussymbol, dessen Besitz das soziale Überleben bedeuten kann. Da ist es doch besser ehrlich verdient statt abgezockt.

Ist es immer die freie Entscheidung der Kinder zu arbeiten? Oder helfen
die Eltern da manchmal nach?

Hungerland: Wir haben ganz wenige Kinder gefunden, bei denen die Eltern den Impuls gaben. Und wenn, dann waren es die eher reicheren Kinder, weil deren  Eltern es pädagogisch sinnvoll fanden, dass die Kinder auch mal einen Job machen. In einem Einzelfall hat eine Mutter ihre Tochter auch zum Putzen mitgenommen, damit es schneller geht. Aber dadurch, dass Kinderarbeit einen so schlechten Ruf hat, versuchen die allermeisten Eltern, die Kinder zumindest nicht sichtbar zum Arbeiten zu schicken, gerade wenn sie wenig Geld haben. Das disqualifiziert einen als Eltern ja sofort, wenn man arm ist und seine Kinder zur Arbeit schickt. In den Ruch kommen reiche Familien nicht. Denen nimmt man ab, dass sie den Kindern nur beibringen wollen, dass das Geld nicht auf Bäumen wächst.

Arbeiten denn häufiger die ärmeren oder die reicheren Kinder?

Hungerland: Das lässt sich so genau nicht sagen. Allerdings haben es Kinder aus gut betuchten Haushalten mit dem entsprechenden sozialen Hintergrund deutlich
leichter, an gut bezahlte Jobs zu kommen.

Was sind denn die guten Jobs?

Hungerland: Die Großverdiener unter den arbeitenden Kindern sind die Medienkinder, also die Schauspieler und Synchronsprecher. Danach kommt gleich das Zeitungsaustragen oder Babysitting, was häufig relativ gut bezahlt wird.

Kommt der Job mit der Schule in Konflikt?

Hungerland: Die Kinder selber sagen, dass das nicht so ist. Wenn die merken, dass  die Schule leidet, lassen sie lieber den Job sausen. Die Kinder sind andererseits auch sehr verantwortungsbewusst dem Job gegenüber und bekommen Gewissensbisse, wenn sie eigentlich für eine Arbeit lernen müssen und gleichzeitig einen Job zugesagt haben.

Viele Kinder jobben illegal, wenn sie am Wochenende nach 20 Uhr noch Babysitten. Ist das den Eltern bewusst?

Hungerland: Das Unrechtsbewusstsein ist relativ gering. Der Diskurs darum, dass  Kinderarbeit etwas Schlechtes ist, ist zwar relativ präsent. Aber wenn  es um gelegentliches Aushelfen geht oder darum, dass man das irgendwie als pädagogisch gut ansehen kann, fallen so ziemlich alle Bedenken.

Mir hat der Nebenjob nie geschadet, auch wenn ich laut Gesetz noch zu jung dafür war.

Hungerland: Man sollte tatsächlich darüber nachdenken, bestimmte Regelungen zu lockern und dann darauf zu achten, dass diese gut überprüft werden. Zum  Beispiel, dass Kinder wirklich nur eine bestimmte Stundenzahl arbeiten und ob sie einen vernünftigen Lohn bekommen. Dann müsste die Arbeit nicht so im Verborgenen geschehen.


Prof. Dr. Beatrice Hungerland ist Kindheitswissenschaftlerin an der Hochschule Magdeburg Stendal und hat 2004 für das Forschungsprojekt «Kinder und Arbeit» Schüler über ihre Jobs befragt.

ped/iwi/news.de
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