Mo., 13.02.12

Handtaschen-Therapie «Kleine Taschen sind Männern suspekt»

Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl

Artikel vom 20.06.2010

Rosanna Pierantognetti hat eine ungewöhnliche Begabung. Anhand der Handtasche zieht sie Rückschlüsse auf den Charakter ihrer Besitzerin und gibt ihr praktische Tips. Wie das funktioniert, hat sie news.de verraten.

Frau Pierantognetti, wenn eine Frau oder ein Mädchen ganz viel in der Tasche mit sich herumschleppt - was sagt das über den Charakter aus?

Pierantognetti: Dass sie nicht häufig ihre Tasche wechselt. Ihre Handtasche ist ihr Zuhause, das sie immer gerne bei sich hat, weil sie stets für alles gerüstet sein möchte.

Was hat wirklich jede Frau in der Handtasche?

Pierantognetti: Handy, Portmonee und Schlüssel. Frauen, die sonst nichts in der Tasche haben, sind meist ein wenig maskulin und emotionslos. Ihnen rate ich, sich ein rosa Plüschtier in die Tasche zu stecken, damit sie vielleicht doch mal ihre weibliche Seite spielen lassen können, wenn sie es anfassen.

Wie viele und welche Taschen braucht eine Frau als Grundausstattung?

Pierantognetti: Das ist von Typ zu Typ unterschiedlich. Manche brauchen zu jedem Outfit eine andere Tasche. Junge Frauen haben in der Regel viel mehr Taschen als ältere. Das liegt daran, dass man mit zunehmendem Alter qualitätsbewusster wird und dann teurere Handtaschen kauft, die man dann nicht mehr so häufig wechselt. Ich habe schon 70-jährige Damen kennengelernt, die wirklich nur noch eine Tasche hatten.

Was gehört für unbedingt in die Handtasche?

Pierantognetti: Schwer zu sagen. Da kann ich nur für mich sprechen. Ich habe immer eine Minitaschenlampe dabei, weil meine Tasche so groß und chaotisch ist. Außerdem habe ich stets einen Taschenbutler mit. Das ist ein Haken, den man an den Tisch klemmen kann, damit die Tasche nicht am Boden steht und schmutzig wird. Ein anderes wichtiges Accessoir ist für mich mein Taschenorganizer, in den ich alles stecke, was ich permanent brauche - mein Handy, meine Schlüssel, Tampons, Stift und Notizbuch. Das hat den Vorteil, dass ich nicht täglich alles ausräumen muss, wenn ich eine andere Tasche nehme, sondern nur den Organizer herausnehmen muss.

Wie oft wechseln Sie die Tasche?

Pierantognetti: Täglich. Ich besitze zirka 50 Taschen. Die brauche ich, weil ich ständig irgendwelche Veranstaltungen besuche. Neben Taschen für tagsüber habe ich kleine Taschen für den Abend und diverse Laptoptaschen. Ich besitze auch deshalb so viele Taschen, weil ich Farben liebe und jedes Outfit mit der passenden Tasche kombinieren möchte.

Welche Handtaschentypen gibt es?

Pierantognetti: Ich unterscheide vier Typen: Die «Spaßhaberin», die «Gücksstrategin», die «Alleskönnerin» und die «Friedensstifterin». Zur Kategorie «Spaßhaberin» zähle ich «Communiteens» und «Starshines». «Communiteens» sind meistens sehr junge Frauen, die super vernetzt sind. In der Regel haben sie ein Smartphone, ein Notebook und einen Studentenausweis in einer sehr bunten, coolen und funktionalen Tasche. «Starshines» sind ebenfalls junge Mädchen, die Fashion-Idolen nacheifern. Ihre Taschen sind modisch, glitzern und klimpern. «Starshines» haben sehr viele Taschen, in denen sich Starmagazine und Spielereien wie Handyschmuck oder Miss-Kitty-Geldbeutel befinden.

Was hat es mit «Glücksstrateginnen» auf sich?

Pierantognetti: Sie sind meist ein wenig älter. Die «Tigerwoman» ist eine erfolgreiche, wohlhabende Businessfrau, die zielstrebig ist und alles im Griff hat. Sie hat hochwertige Designerhandtaschen und bevorzugen Accessoires mit klaren Formen. Sie hat ein iPhone, ein Blackberry, ein Visitenkartenetui und meist auch eine teure Ersatzstrumpfhose dabei. Zu der Kategorie «Glücksstrategin» zähle ich aber auch noch den Typ «Pipilotta de Luxe». Dieser Typ liebt es etwas moderner. In «Pipilottas» Taschen stecken eine Over-Size-Sonnenbrille, hochwertige Kosmetika und Quittungen aus Boutiquen und Restaurants. Sie weiß, was sie will, ist optimistisch, geht gerne shoppen und arbeitet erfolgreich in der Designbranche.

Wie unterscheiden sich «Glücksstrateginnen» von «Alleskönnerinnen»?

Pierantognetti: Hinsichtlich des ersten «Glücksstrateginnen»-Typs ist das einfach: Die «VIP Mommy» ist – wie die Bezeichnung schon verrät – Mutter. Meist schiebt sie einen Bugaboo-Kinderwagen vor sich her. Sie ist lebenslustig, auf ihr Baby fixiert und hat einen Fotoapparat in der Tasche, um es jederzeit knipsen zu können. Außerdem stecken in ihrer hochwertigen Louis-Vuitton-Wickeltasche Windeln, ein Schnuller und eine bunte Keksdose. Zu den «Alleskönnerinnen» zähle ich außerdem den Typ «Lady Macchiato». Sie hat immer Lust auf Neues. Ihre Taschen sind sehr weiblich und stilvoll. Sie lebt proaktiv und freut sich auf jeden Tag. Sie hat immer ein interessantes Parfum sowie Kreditkarten und viel Bargeld dabei.

Und wie charakterisieren Sie die «Friedensstifterin»?

Pierantognetti: Da unterscheide ich den Typ «Lohas Lifestyle» und «Pontia Pilates». In die Kategorie «Lohas Lifestyle» fallen Frauen, die großen Wert auf nachhaltige Produkte legen. Sie haben robuste Taschen aus hochwertigen Materialien, die sich natürlich anfühlen. Wenn «Lohas Lifestyle» überhaupt ein Handy besitzt, ist es strahlungsarm. Sie verwendet Biokosmetik, lebt bewusst und ist karitativ. «Pontia Pilates» ist mit ihrem Körper im Einklang. Sie hat eine Yogamatte dabei, steht auf ayurvedische Kosmetik und trägt Halbedelsteine und Chai-Tee mit sich herum. Sie ist sehr besonnen und charismatisch und hat den Sinn ihres Lebens schon gefunden.

Kann man tatsächlich jede Frau einem dieser Taschentypen zuordnen?

Pierantognetti: Ich denke nicht. Das sind nur die Typen, die mir bisher begegnet sind. Aber ich lerne nie aus und muss meinen Typenkatalog ständig erweitern.

Dazu müssen Sie die Frauen aber erstmal in Ihre Taschen gucken lassen. Wie schaffen Sie das? Schließlich ist eine Handtasche doch etwas sehr Privates ...

Pierantognetti: Das stimmt. Dennoch kommen die Frauen von sich aus zu mir und bitten mich, einen Blick in Ihre Tasche zu werfen – sogar vor der Kamera.

Wie erklären Sie sich das?

Pierantognetti: Frauen lassen sich gerne bestimmten Gruppen zuordnen, um sich bestätigt zu finden. Sie hören gerne, dass ihr Chaos in der Tasche ganz normal ist.

Frauen und ihre Handtaschen - ein nerviges Thema für Männer?

Pierantognetti: Überhaupt nicht. Männer mögen vor allem Frauen mit großen und mittelgroßen Handtaschen. Solche mit winzigen Taschen sind ihnen suspekt. Schließlich passt da nichts rein. Was die Herren der Schöpfung gar nicht mögen, sind Frauen ohne Handtaschen. Denn solche Frauen drücken ihre Sachen meist den Männern in die Hand, was bei denen zu ausgebeulten Jacketttaschen führt. Sicherlich ist das nicht der Grund, weshalb sich immer mehr Männer selbst eine Tasche zulegen, aber die Herrenhandtasche ist wieder im Kommen. Die Männer emanzipieren sich in Sachen Handtasche.

Bis zum Mittelalter waren Handtaschen überhaupt nicht üblich – auch bei Frauen nicht. Ist die Handtasche folglich in dieser Hinsicht eine Emanzipationserscheinung?

Pierantognetti: Durchaus. Im Mittelalter trugen Frauen nur einen Schlüsselbund am Gürtel. Daraus wurde im Laufe der Zeit ein Säckchen. Und je emanzipierter die Frau wurde, desto größer wurde die Handtasche. Auch heute gilt noch: Je größer die Tasche, desto mobiler ist die Frau – auch im Kopf.

Aber fast alle Frauen besitzen heute eine große Tasche...

Pierantognetti: ... und manche sogar eine riesige. Ich bin einmal einer Dame begegnet, deren Handtasche 15 Kilo wog. Sie hatte jede Menge zu Essen, Fotos und einen riesigen Terminkalender dabei. Der restliche Inhalt ließ darauf schließen, dass sie im horizontalen Gewerbe arbeitet. Von so großen und schweren Taschen rate ich ab. Denn das verursacht Rückenschmerzen. Die Durchschnittstasche wiegt 3,5 Kilo. Alles was darüber hinaus geht, raus aus der Tasche.

Was ist das Ungewöhnlichste, das sie je in einer Tasche gefunden haben?

Pierantognetti: Eigentlich ist nichts ungewöhnlich. Handtaschen bergen die unterschiedlichsten Erinnerungsstücke in sich. Ich persönlich habe mich aber sehr amüsiert, als ich in der Handtasche einer Kundin einen uralten, abgelaufenen Führerschein mit einem Autogramm von Udo Jürgens fand. Die Dame hatte ihn immer dabei, weil sie so sehr daran hing. Ein andere Dame hatte eine Trillerpfeife in der Tasche – für den Fall, dass sie ihren Mann verliert. Und unheimlich viele Frauen haben Erotikspielzeug einstecken. Das hört sich ungewöhnlich an, ist es aber nicht.

Rosanna Pierantognetti ist Erlebnisingenieurin, lebt in München und studiert Psychologie.

sck/ped/news.de
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