Stadt verkauft Fabrikgeruch als Parfum
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von Armin Leidinger
Artikel vom 16.06.2010
Gießereigerüche würden die meisten Menschen wohl als «Gestank» bezeichnen. Im Saarbrückener Stadtteil Brebach gibt es genau das jetzt als Parfum zu kaufen. Zumindest noch: Der Duft ist beinah vergriffen - weil er sogar im Ausland beliebt ist.
«Brebacher Brise» heißt der Duft, der an eine heiß gelaufene Zugbremse erinnert und zwei Euro kostet. Der Hintergrund: Die örtliche Gießerei «Halberg Guss», die den Geruch verursacht, ist in der Insolvenz. Weil mehr als 1000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, will Stadtteilmanager Manfred Hahn mit dem Parfum darauf aufmerksam machen, dass der Gestank auch eine gute Seite hat. Sein Fazit: In Brebach «stinkt» es nicht nur, sondern es «duftet» auch.
«Natürlich ist der Geruch eine Belastung, er ist aber auch ein Wert», sagt Hahn und beugt sich über die Parfumflasche. «Das hat was von geräuchertem Schinken und von Teer.» Über den Geruch von «Halberg Guss» gibt es seit jeher Beschwerden. 2007 bildete sich sogar eine Bürgerinitiative, die gegen den Gestank protestierte. «Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass die Sache zwei Seiten hat», sagt Hahn.
Als Stadtteilmanager kümmert er sich um die Bürger des industriell geprägten Außenbezirks, organisiert Elternkurse oder Deutschkurse für Ausländer. Immer wieder macht der gelernte Psychologe auch durch spektakuläre Aktionen auf die Belange «seines» Stadtteils aufmerksam. Als eine Baustelle den Brebacher Geschäften zu schaffen machte, ließ er eine Rockband auf dem Dach des zentralen Supermarkts auftreten. Vor etwa einem Jahr dann ging die Gießerei, die Motorblöcke oder Zylinderköpfe für die Automobilindustrie produziert, in Insolvenz. Da hatte Hahn die Idee.
Heißgelaufene ICE-Bremsscheibe diente als Vorlage
«Immer wieder bin ich auf Menschen gestoßen, die mir spontan geholfen haben», sagt Hahn. So wie der Düsseldorfer Parfumeur Frank Rittler, der normalerweise Düfte für Waschmittel oder Duschgel kreiert. «Die Idee zur ‹Brebacher Brise› fand er so witzig, dass er gesagt hat: ‹Das mach ich kostenlos›», erzählt Hahn.
Am meisten ähnelt der Gießereigeruch, der beim Schmelzen oder Gießen flüssigen Metalls entsteht, einer heiß gelaufenen ICE- Zugbremsscheibe. Das wusste er vom Institut für Gießereitechnik in Düsseldorf. «Ich bin dann einfach mal zum Hauptbahnhof gelaufen», erzählt der Stadtteilmanager. «Aber heiß gelaufene Bremsscheiben darf es ja eigentlich gar nicht geben.»
Über mehrere Umwege lernte Hahn einen Mitarbeiter einer Bundesbahnversuchsanstalt kennen. «Ja, und der hat mir eine besorgt. Ich hatte dann eine zweieinhalb Kilo schwere, heiß gelaufene Zugbremsscheibe, hab die luftdicht verpackt und Herrn Rittler geschickt», sagt Hahn.
Saarländer im Ausland bestellen den Duft ihrer Kindheit
Der Parfumeur schnupperte an der heiß gelaufenen Bremse und kreierte aus 38 Duftnoten ein Parfum. Was genau drin ist, bleibt Betriebsgeheimnis. Eine metallene Note hat die «Brise» auf jeden Fall. Als ein ehemaliger Süßigkeitenautomat feierlich aufgehängt wurde, aus dem man sich die Parfumflaschen gegen Geld ziehen konnte, kam auch Rittler nach Brebach und war zufrieden. «Der Gießereigeruch war an dem Tag gut zu riechen und Herr Rittler hat ihn sofort erkannt», sagt Hahn.
Hundert kleine Schachteln mit je einem Zerstäuber sind so entstanden. Die ersten 50 Exemplare waren nach drei Tagen ausverkauft. Ab jetzt gibt es die «Brebacher Brise» nicht mehr am Automaten, sondern nur noch auf Anfrage als Postsendung. «Es haben sich Saarländer aus Dublin, Hamburg oder Brüssel gemeldet, die sich an den Geruch ihrer Kindheit erinnerten und den auch an ihrem neuen Wohnort bei sich haben wollten», erzählt Hahn.
ped/sck/reu/news.de/dpa
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Unbeschwert, blumig und träumerisch: So duftet der Sommer aus den Flakons der neuen mehr ...
Kaffee, Parfum, Schweiß - alle diese Gerüche sind Menschen, die unter Anosmie leiden, fremd. Sie haben ihren Geruchssinn mehr ...
Johann Maria Farina war die schwülen Düfte leid. Er suchte nach etwas Leichtem für die Nase. mehr ...