Alterssitz für schwule Senioren
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Von Ariane Breyer
Artikel vom 15.06.2010
Europas erstes Mehrgenerationenhaus für Homosexuelle entsteht derzeit in Berlin. Ende 2011 soll es eingeweiht werden. Die Nachfrage ist enorm. Bereits jetzt stehen 120 Namen auf der Warteliste.
Bernds Mitbewohner haben sich jetzt auch ein Haus gekauft - in Brandenburg. Irgendwann muss man wieder weg aus der Stadt, finden sie, raus ins Grüne. Bernd Gaiser will bleiben, er liebt an Berlin das Theater, die Museen. Nur eines stört ihn: «Ältere Schwule spielen in der Community keine Rolle mehr», sagt er. «Die Jungen haben Angst vor dem Altern.» Er ist 65 Jahre. Allein wohnen will er aber nicht. Und hat sich deshalb schon vor vier Jahren einen Platz in einem nach Angaben der Initiatoren europaweit einmaligen Wohnprojekt gesichert, das Ende 2011 in Berlin eingeweiht werden soll.
«Lebensort Vielfalt» hat die Berliner Schwulenberatung ihren neuen Sitz genannt, seit 2006 entsteht er Schritt für Schritt in einem lang gestreckten Altbau in der Niebuhrstraße in Charlottenburg. Es ist Beratungsstelle und Senioren-Wohnhaus zugleich. Hier sollen ältere homosexuelle Männer vor Diskriminierung geschützt werden, aber nicht so abgeschottet leben wie in einem Schwulenaltersheim. Jüngere Männer und Familien werden deshalb je ein Fünftel der Bewohner ausmachen. Etwa 35 Menschen werden hier einmal einziehen, Bernd Gaiser ist einer davon.
Geschützter Wohnraum und Nachbarschaftszentrum
«In meinen Gesprächen mit unseren Klienten habe ich immer wieder gemerkt, dass für sie die Frage des Wohnens im Alter ungemein wichtig ist», sagt Marcel de Groot, der Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin. Viele hätten ein problematisches Verhältnis zu ihrer Familie, die ihre Homosexualität oft nicht akzeptiere.
Das Leben im Altersheim hingegen sei meist auch keine erstrebenswerte Alternative. «Ständig nach der Ehefrau oder den Enkelkindern gefragt zu werden, ist, wie immer aufs Neue sein Coming Out zu erleben», sagt de Groot. «Und irgendwann ist man dann einfach zu alt, um sich immer wieder gegen Anfeindungen und Vorurteile zu wehren.» Wer ganz allein alt werde, habe am Ende nur noch zu seinem Pflegedienst Kontakt.
Das generationenübergreifende Haus soll deshalb beides sein: ein geschützter Wohnraum und ein Nachbarschaftszentrum für das ganze Viertel. Das Café, das im Erdgeschoss einziehen soll, wird selbstverständlich auch den Anwohnern offenstehen. «Dann findet hier endlich wieder Leben statt», freut sich eine Nachbarin von schräg gegenüber: «Das braucht die Straße dringend.»
Obwohl das Haus noch gar keine Werbung gemacht hat, stehen bereits 120 Namen auf der Warteliste. De Groot hofft, dass der «Lebensort Vielfalt» Initialfunke für ähnliche Projekte in anderen Städten sein wird. Das Interesse ist jedenfalls groß: Kürzlich reiste sogar eine Redakteurin einer kolumbianischen Zeitschrift an.
Kräutergarten und Grillplatz
Haus und Umbau kosten insgesamt über fünf Millionen Euro und werden über Kredite und Spenden finanziert. Dass die Deutsche Klassenlotterie Berlin allein 200.000 Euro beiträgt, freut de Groot besonders: «Für uns ist das ein Zeichen, dass der Staat uns jetzt als Gruppe ernst nimmt.»
Die fünf Etagen werden ab November entkernt, dann werden auf den über 4000 Quadratmetern 24 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen gebaut, alle mit Südbalkon. Ins Dachgeschoss kommen Maisonette-Wohnungen mit einer breiten Fensterfront; der offene Charakter des Hauses soll sich auch in der Architektur spiegeln. Der zweite Stock wird zu einer Demenz-WG umgestaltet, in der ein externer Pflegedienst acht Personen rund um die Uhr betreut.
Das Wichtigste für die Projektverantwortlichen sind aber die vielen Treffpunkte im Haus: die großzügige Terrasse, die Bibliothek für schwullesbische Literatur oder der Garten. Der ist jetzt noch ein bisschen verwildert. «Dort drüben werden wir Kräuterbeete anlegen», sagt Bernd Gaiser und deutet in die Ecke hinter dem Grill, auf dem gerade Würstchen für die Gäste liegen. Wie beispielsweise für das Ehepaar, das ein paar Häuser weiter wohnt und die neuen Nachbarn jetzt schon kennenlernen will. «Schön ist es hier», finden sie. Bernd Gaiser strahlt. Das ist genau die WG, nach der er so lange gesucht hat.
sck/news.de/ddp
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