Sa., 26.05.12

Qualzucht 12.06.2010 «Für manche Züchter sind Hunde nur Ware»

Mops (Foto)
Möpse werden gerne mit extrem runden Kopf gezüchtet. Das führt oft zu Atemnot oder gar Gehirntumoren. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl

Besonders platte Nasen, extrem kurze Beine oder nackte Haut - was Züchter an manchen Hunderassen als schön empfinden, macht die Tiere krank. Derartige Qualzuchten sind in Deutschland zwar verboten, doch etliche Züchter halten sich nicht daran.

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Die internationale Rassehunde-Ausstellung, die an diesem Wochenende in Erfurt stattfindet, habe sich zu einer der schönsten Hunde-Ausstellungen Deutschlands entwickelt. Das ist auf der Homepage der Messe Erfurt zu lesen. Hundebesitzer aus aller Herren Länder präsentieren dort ihre Zuchtergebnisse.

Mehr als 4000 Hunde aus 250 Rassen stehen im Wettbewerb um den Titel «Best in Show». Welcher Hund am schönsten ist, welcher sich am besten präsentiert - dafür hat die Jury feste Kriterien. Die Tierschützer beäugen diese mitunter recht  kritisch. Denn was Menschen an Hunden schön finden, ist für die Tiere selbst oft ungesund, sagt Marius Tünte, Pressesprecher des Deutschen Tierschutzbunds.

Zwar dürften keinesfalls alle Züchter und Besitzer von Rassehunden unter Generalverdacht gestellt werden. Aber es gebe doch genügend schwarze Schafe, die Hunde aus rein ästhetischen Gründen gezielt so züchten, dass bestimmte Rassemerkmale extrem ausgeprägt sind. Das macht den Tieren zu schaffen.

Beispiele dafür gibt es genug: Möpse, die wegen ihrer kurzen Nase unter Atembeschwerden leiden, Nackthunde, die sich in der Sonne die Haut verbrennen, sich leichter verletzen und höchst anfällig für Allergien sind oder Bernhardiner, deren unterer Lidrand so weit hinunterhängt, dass die Tiere typischerweise unter schmerzhaften Bindehautentzündungen oder Hornhautveränderungen leiden.

Als Qualzucht bezeichnen Tierschützer so etwas. Und die ist in Deutschland verboten. Laut Tierschutzgesetz muss bei der Zucht das Risiko ausgeschlossen werden, dass bei den Tieren selbst oder bei ihren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe fehlen oder untauglich sind und so Schäden, Schmerzen oder Leiden auftreten. «Wer ein Heimtier zur Zucht auswählt, ist gehalten, die anatomischen, physiologischen und ethologischen Merkmale zu berücksichtigen, die Gesundheit und Wohlbefinden der Nachkommen und des weiblichen Elternteils gefährden könnten», heißt es im Artikel 5 des Europäischen Übereinkommens zum Schutz von Heimtieren.

Qualzuchten
Warum denn keine Promenadenmischung?
Video: news.de

Kontrollbehörden sollen härter durchgreifen

Doch das Verbot von Qualzuchten ist die eine Sache, die Umsetzung die andere. Denn: Solange Qualzuchten nicht angezeigt würden, werde es sie geben, glaubt Marius Tünte. Aber auch wenn Fälle bekannt werden - bisher hätten sich die Kontrollbehörden, also die Veterinärämter, und die Juristen kaum des Themas angenommen oder seien überfordert gewesen.

Zwar könnten sie sich am Qualzuchtgutachten orientieren, das nach 1999 vom damaligen Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten veröffentlicht wurde. De facto werde aber trotz des Gutachtens nur von Fall zu Fall entscheiden. Häufig werde also entschieden, dass nicht mehr mit Einzeltieren gezüchtet werden darf, aber die gesamte Zuchtlinie werde nicht verboten.

Das Qualzuchtgutachten soll Züchtern helfen, Qualzuchten zu vermeiden, und gleichzeitig den Behörden helfen, tierquälerische Züchtungen festzustellen und zu ahnden. Daneben werden aber auch Maßnahmen wie Zuchtverbote, Tieruntersuchungen vor der Zulassung zur Zucht, Kennzeichnung von Zuchttieren oder das Führen von Zuchtbüchern vorgeschlagen.

Das Problem dabei: Die Empfehlungen des Qualzuchtgutachtens sind im Zweifelsfall zwar gerichtsverwertbar, aber sie sind für die Züchter nicht von vornherein rechtsverbindlich. Das heißt, die Züchter können erst gestoppt werden, wenn ein Fall zur Anklage kommt. Damit es gar nicht erst zur Qualzucht kommt, hat der Deutsche Tierschutzbund von Anfang an gefordert, dass die Ergebnisse des Gutachtens rechtsverbindlich werden und zum Beispiel bei der Zuchtzulassung zugrunde gelegt werden. Er kämpft dafür, dass die Zucht mit Tieren, die unter das Qualzuchtgutachten fallen, verhindert wird, indem eine Kastraktionspflicht eingeführt wird.

Muttertier als Gebärmaschine

Der Tierschutzbund fordert auch ein strikteres Durchgreifen seitens der Kontrollbehörden. Um das aber zu ermöglichen, sei erstmal die Justiz an der Reihe. Sie müsse die gesetzlichen Grundlagen im Tierschutz besser ausschöpfen. Das Tierschutzgesetz sei zu allgemein formuliert und erschwere den Kontrollbehörden konkrete Verbote. Es sei auch dringend an der Zeit, Rassestandards zu ändern und Zuchtziele neu zu formulieren, um Qualzüchtungen auch auf diesem Wege auszuschließen, betont Marius Tünte.

Wer mit dem Gedanken spielt, sich einen Hund zuzulegen, solle doch erstmal ins Tierheim gehen und gucken, ob sich dort nicht ein geeigneter Hausgenosse finde, rät der Pressesprecher. Und wer doch unbedingt einen Hund einer bestimmten Rasse bevorzuge, solle bei der Suche eines vierbeinigen Freundes doch bitte nur seriöse Züchter unterstützen und unseriöse gegebenenfalls anzeigen.

«Denn manch ein Züchter betrachtet seine Hunde nur als Ware, mit der sich Geld verdienen lässt und degradiert das Muttertier dadurch zur Gebärmaschine.» Solche Leute betreuen ihre Tiere laut Marius Tünte oft nur lieblos, gewähren ihnen nur einen sehr eingeschränkten und reizarmen Lebensraum - oft nur einen Zwinger - und keinen Familienanschluss.

Einen seriösen Züchter erkenne man daran, dass seine Tiere eben nicht überzüchtet seien und  für ihn das psychische und physische Wohl seiner Hunde an erster Stelle stehe, sagt Marius Tünte. Ein seriöser Züchter nehme die Jungtiere der Mutter nicht zu früh ab. Außerdem achte er darauf, dass die Sozialisierung des Nachwuchses gegenüber Menschen und Artgenossen bereits während der Aufzucht gewährleistet ist. 

ped/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Antonietta
  • Kommentar 1
  • 13.06.2010 13:23
 

Vor dem Kauf eines sogenannten Rassetieres sollte bedacht werden, daß möglicherweise eine Qualzüchtung unterstützt wird. Bei Hunderassen, die auf extreme Nasenlosigkeit gezüchtet werden, wie etwa Pekinesen, Boxer und Möpse, sind Kurzatmigkeit, Schluckbeschwerden und Gebißmißbildungen die Regel. Bestimmte Formen von Zwergenwuchs, z.B. beim Dackel oder Basset, sind mit erblich bedingten Wirbelsäulenschäden verbunden. Tiere, die nicht überzüchtet sind oder eine gesunde "Promenadenmischung", die im Tierheim auf ein neues Zuhause wartet, werden mehr Freude bereiten. www.tierheimlinks.de

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