Sa., 26.05.12

Aufregender Job? 06.06.2010 Der Detektiv trinkt meistens Kaffee

Indien Hochzeit Detektive (Foto)
Detektive sind gar nicht so obskure Gestalten. Bild: ap

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Er rollt sich unter dem schließenden Garagentor hindurch, drückt sich durchs Nachtleben und schläft nie. Soweit der Mythos. Im echten Leben sitzt der Privatdetektiv meistens im Auto und trinkt Kaffee. Trotzdem kommt sein Jagdinstinkt nicht zu kurz.

Wer einen Detektiv besucht, ist dem Klischee auf der Spur. Dass just in dem Moment, wo der Besucher in seine Straße einbiegt, ein Polizeiwagen mit Martinshorn vorbeifährt, trifft sich gut. Dass der Eingang zur Detektei Schipp nicht von der Straße aus zu erreichen ist, die im Telefonbuch steht, sondern über einen Hintereingang in der Parallelstraße, passt auch. Die Vorstellung des Detektivs changiert noch zwischen Matula und Magnum, doch die Tür öffnet Peter Schipp: Schlank, durchtrainiert, gepflegt, Jeans, schwarzer Pulli, sehr kurze, helle Haare. Smart.

Hell und aufgeräumt ist es auch in der Detektei Schipp. Die Fälle stecken hinter Aktendeckeln von A bis Z, an der Wand pappt der obligatorische Stadtplan, auch eine Weltkarte mit Stecknadeln gibt es. Keine Kostümkiste, keine Essensreste, keine verkrusteten Kaffeetassen. «Möchten Sie einen Kaffee? Aber Vorsicht, er ist stark.» Danke, das passt. Doch als die Sprache auf die obligatorische Lederjacke über der Stuhllehne kommt, nutzt Peter Schipp die Gelegenheit, Mythen zu entlarven. «Was man im Fernsehen sieht, ist teilweise wirklich lächerlich. Auch diese sogenannten Reality-Einsätze werden oft gestellt, das hat wenig mit Realität zu tun.»

Bei Aufträgen wie «Machen Sie doch mal eine Handy-Ortung!» kann er nur grinsen. Sowas darf nur der Staat. In seiner Wirklichkeit bricht Schipp weder in Unternehmen ein noch schippert er durch die rechtliche Grauzone. «Man sitzt stundenlang im Auto und nichts passiert. Die meiste Zeit besteht aus Warten, dass etwas passiert.» Und was unternimmt er zum Zeitvertreib? «Nichts. Ich lese auch nicht Zeitung, denn dann besteht ja die Gefahr, den entscheidenden Moment zu verpassen. Nur Kaffee, viel Kaffee. Und dann muss man den Harndrang gut unter Kontrolle haben.»

Nichts geht ohne berechtigtes Interesse

Allein dank dieser Gabe ist Peter Schipp natürlich nicht Detektiv geworden. Es habe schon etwas mit dem Jagdfeeling zu tun, sagt er. Schauspielern müsse man können, ein bisschen lügen, wie gestern, als er eine Zielperson in ein Hotel hinein verfolgen musste. Dann wird er spontan zum interessierten Gast, der sich die Zimmer anschauen will, und nebenbei macht er seine eigentliche Arbeit. Genau, wie wenn er überprüfen muss, ob die Angestellten im Lager wirklich systematisch Ware mitgehen lassen. Dann klotzt er acht Stunden als Lagerarbeiter ran und ist wachsam. Und Psychologie gehört immer dazu. «Man muss sich in die Zielperson hineinversetzen, einen Schritt im Voraus denken», erklärt Schipp.

So eine Zielperson, vor deren Haus er sich in die schwarzen Ledersitze seines Autos versenkt, ist zum Beispiel der Arbeitnehmer, der sich verdächtig oft und verdächtig lange krankschreiben lässt. Den erwischt Schipp dann schon mal dabei, wie er trotz angeblichem Hexenschuss das Dach der Gartenlaube repariert. Oder er folgt dem des Ehebruchs verdächtigten Ehemann im Auto, wenn der wie jeden Dienstag und Donnerstag zum Fußball fährt, verdächtig spät nach Hause kommt und nicht ans Handy geht. Findet der Detektiv trotz allem keine Geliebte, sei die Enttäuschung beim Auftraggeber oft groß, erzählt Schipp. Ein Aspekt seines Berufes, den er nie wirklich verstehen wird.

Ob ihm manchmal moralische Bedenken kommen, wenn er den ausgepowerten Arbeitnehmer beim Blaumachen überführt oder sich durchs Liebesleben seiner Zielperson schnüffelt? Der Arbeitnehmer habe viele Rechte auf seiner Seite, findet Schipp, und der Detektiv bewege sich immer im Rahmen des Gesetzes. Davon macht er abhängig, ob er einen Auftrag annimmt. Denn für seine Arbeit muss es immer ein sogenanntes «berechtigtes Interesse» des Auftraggebers geben. Das habe ein geneppter Chef ebenso wie der ausgebootete Partner, erklärt der Detektiv.

Keine Tarnung ist die beste Tarnung

Rechtlich ist er dann Zeuge, es zählt sein Bericht. Fotos und Videomitschnitte dienen nur zur Untermalung. Sein eigenes Gesicht möchte Peter Schipp lieber nicht in die Kamera halten. «Dann sind sie verbrannt», sagt er über Kollegen, die auch schonmal im Fernsehen plaudern. Denn als beste Tarnung hat sich für ihn bewährt, sich ganz natürlich zu verhalten. Wenn er im Auto hinter jemandem her ist, versucht er, so weit wie möglich auszuschalten, dass er verfolgt. «Denn wenn ich darüber nachdenke, dass ich schon seit drei Querstraßen hinter jemandem fahre, verhalte ich mich ganz anders, als wenn es sich einfach ergibt», erklärt er.

Wie lange und intensiv er sich an die Spuren seiner Zielpersonen heftet, hängt ganz vom Budget ab. Was der Detektiv pro Stunde kostet, ist Verhandlungssache. «Eine Observation für 20 Euro pro Stunde, das können Sie auf jeden Fall vergessen», verrät er aber. Manchmal beschattet Schipp Zielpersonen einen ganzen Monat lang, wenn es darum geht, ein Bewegungsprofil zu erstellen, also sämtliche Aktivitäten eines Menschen zu erfassen. Manchmal ist er aber auch nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten präsent.

Damit der unauffällige, sportliche Typ nicht doch irgendwann auffällt, schlüpft auch Peter Schipp in Rollen - vor allem, wenn er auf Tuchfühlung gehen muss. Heute Joggingklamotten und Baseballcap, morgen Nadelstreifen. Und bei einer Beschattung im Nobelviertel wird man ihn kaum im abgewrackten Campingbus antreffen. Für solche Gelegenheiten leiht er sich dann eben eine S-Klasse. Falsche Augenbrauen habe er sich aber noch nie angeklebt, sagt Schipp und lacht über den Mythos, der ihn umgibt.

cvd/news.de
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