Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Gemeinsam sollen sie sich dem Drogenrausch hingegeben haben, die Ölbosse und US-Lizenzhüter. Wird schon schiefgehen, haben sie vielleicht geunkt. Jetzt schießen sie mit Golfbällen auf Ölquellen. Auf Top Kill kann nur noch der Overkill folgen.
Wahrscheinlich hat es ganz andere Gründe, dass sie das tiefste Ölfeld Tiber genannt haben. Aber der Tiber fließt durch Rom, und das Römische Reich ist immer weiter gewachsen. Bis es irgendwann in sich zusammenfiel. Auch der Begriff «Öl» wird gerne in Verbindung mit «Imperium» gebracht. Als Symbol für die Macht der Wirtschaft, die die Gewalt der Feldherren abgelöst hat. Krieg ums Öl, das hatten wir alles schon.
Aber jetzt tobt 1500 Meter unter dem Meeresspiegel der Krieg gegen das Öl. «Die Geister die ich rief», schießt es einem durch den Kopf, wenn man daran denkt, dass BP am 2. September 2009 stolz seinen «gigantischen Ölfund» verkündete. Es ist zwar nicht das größte, aber doch immerhin das tiefste je erschlossene Vorkommen, 10.685 Meter tief steckte die «Deepwater Horizon» ihren gierigen Rüssel in die Erde und sollte damit den BP-Konzern wieder ganz nach oben spülen.
Tiber sollte der Triumphmarsch im Golf von Mexiko werden und die Wunden der britischen Ölscheichs verarzten. Das größte Ölfeld der USA hatte man wegen eines Lecks in der Pipeline schließen müssen, die Fehden mit russischen Partnern kosteten Kraft. Ein Superlativ musste her. Zwischen 25 und 65 Millionen Jahre alt ist das Öl im Tiber, und die Bohrungen in derart alte Ölfelder gehören zu den schwierigsten. Der extreme Druck muss durch hochkomplizierte Technik ausgeglichen werden. Die Gefahr, dass Erdöl nach oben schießt oder, noch schlimmer, Erdgasblasen aufsteigen und explodieren, war bekannt - und damit einkalkuliert. Neueste Techniken habe man dafür erschlossen, sagt BP.
Wird schon nichts passieren - und wenn doch?
«Ein behagliches Verhältnis» nennt Barack Obama jetzt das, was die US-Behörde für Mineralölförderung mit BP gehabt hat. Sie hat die Lizenzen vergeben, und jetzt ist von Sex und Drogenparties die Rede. So sind in den USA Bohrgenehmigungen vergeben worden, für die bis an die Grenzen der Physik gegangen wurde und winzige Fehler sich in Windeseile zur Katastrophe summieren können. Wird schon nichts passieren, denkt sich jeder mal im Rausch. Und wenn es doch passiert?
Dann wird mit Golfbällen geschossen. Man musste zweimal hinsehen und zweifelte an seinen Englisch-Kenntnissen, als man am Freitag auf der CNN-Website las, BP habe Golfbälle und geschredderte Gummi-Reste ins Bohrloch geschossen, um den Ausgang zu verschließen. Die sind doch immer noch auf Droge oder das alles hier ist eine einzige große Inszenierung, sind die ersten Gedanken – und wahrscheinlich ist beides wahr.
Doch die Ölschwaden in changierenden Brauntönen, die braune Paste, die an Louisianas Stränden klebt, sind die Wirklichkeit nach der durchgemachten Nacht. Zeit, aufzuwachen. Aber die Verantwortlichen schlürfen schnell ein Konterbier und setzen uns ein paar Zahlen vor, Beschäftigungstherapie. So viel Öl läuft aus dem Bohrloch, damit vertreiben wir uns eine Weile die Zeit, drucken und rechnen Zahlen hoch und runter, von denen keiner weiß, ob sie stimmen. Sie klingen hoch, sind aber vielleicht auch viel zu niedrig.
Wir berichten zwei Wochen lang über eine mysteriöse Stahlglocke und versuchen, das Experiment durch Grafiken plastisch zu machen – und als es mit Verzögerung doch noch stattfindet, ist es auch schon gescheitert. Dann sollen Haare helfen, und auch Kevin Costner wird einen halben Tag lang als Retter am Golf gefeiert. Derweil dürfen wir uns laufend am Lifestream vom 1500 Meter tiefen Bohrloch erfreuen - er sieht einem rauchenden Joint so verdächtig ähnlich. Und jetzt wird uns die ominöse Stahlglocke wieder vorgesetzt, als eine der Alternativen, falls Top Kill scheitert. Aber was kann denn Top Kill übertreffen? Höchstens der Overkill.
Schon wieder drängt sich so ein abgenudeltes Zitat auf: «Erst dann merkten sie, dass man Öl nicht essen kann.» Alte Indianerweisheit. Doch auch den Indianern hat ihre Weisheit nichts gebracht gegen den Machtrausch der weißen Männer.
hav/news.de
Ja, so tief sind sie gesunken - bis 10 000 m. In UNSEREM Auftrag, weil WIR das Öl brauchen. Weiter oben ist bereits alles abgegrast - pardon, -geölt... Der "Club of Rome" hat schon vor Jahrzehnten Alarm geschlagen, aber geschehen ist nichts. Die eigentliche Ursache: der Mensch gewinnt seine Energie immer noch über das FEUER, wie in der Steinzeit. Und selbst das beherrscht er nicht hundertprozentig. Jetzt wird es langsam Zeit, der Energie - Grundlagenforschung Beine zu machen...!
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