Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Für spielende Kinder ist immer weniger Platz. Deshalb kämpft der Weltspieltag für ein Recht auf Spiel. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene können ohne Spiele nicht leben, sagt der Salzburger Professor Rainer Buland.
Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Das hat Friedrich Schiller gesagt. Stimmen Sie zu?
Buland: Das Zitat wird gerne genommen, aber kaum mal verstanden. Die Erklärung würde uns jetzt ein bisschen weit führen, es hängt damit zusammen, was Schiller unter Menschsein versteht. Aber grundsätzlich kann man zustimmen, ja. Viel interessanter ist jedoch, dass wir als Menschen oder Säugetiere gar nicht anders existieren können als durch das Spiel.
Warum?
Buland: Alle Tiere, die ein komplexes Nervensystem haben, müssen sich in die Welt einfühlen. Wir sind nicht wie eine Ameise von einem Programm gesteuert, wir müssen lernen. Und der schnellste und nachhaltigste Weg des Lernens ist Spielen. Das sieht man schon daran, wie Kleinkinder zwei bis drei Sprachen ohne Probleme lernen und dann ein ganzes Leben lang intus haben, während Jugendliche jahrelang eine Fremdsprache büffeln und sie dann immer noch nicht können. Was wir uns in den Regelschulen antun, mit so vielen Maßnahmen so wenig Output zu produzieren, das ist reiner Luxus.
Dann sind Sie ein Befürworter alternativer Schulformen?
Buland: Ich bin nicht für Schulformen zuständig, aber die Gehirnforscher sind sich erstaunlich einig, dass man durch Spielen am nachhaltigsten lernt. Man muss nur zehn Minuten lang einen Überblick über den Stoff geben, die wichtigsten Begriffe auf der Tafel vernetzen, und dann eine Stunde lang damit spielen. Jeder sucht sich dann seinen Weg. Einige diskutieren, andere lesen nach, recherchieren oder schlafen: Jedes Gehirn lernt anders, und das kriegt die Regelschule nicht hin. Dort sind die Schüler gut, die zufällig dieselbe Lernstrategie haben wie der Lehrer.
Wenn das so eindeutig ist - warum ändern wir das Schulsystem nicht?
Buland: Wir können uns nicht vorstellen, dass unser Schulsystem so ineffizient ist. Deshalb gibt es immer mehr vom Selben, immer noch mehr Druck, noch mehr Tests, dadurch wird es noch ineffizienter. Aber was sicher kommen wird, ist, dass wir die Effizienz steigern, wenn wir Druck rausnehmen und mehr Gelassenheit reinbringen. Mehr spielen, mehr Effizienz. Das beweist die Hirnforschung.
Trifft das auch auf die Arbeitswelt zu?
Buland: Das kommt darauf an. Wenn sie frei entscheiden können, hat es Spielelemente. Die Arbeit bei Medien zum Beispiel ist schon nahe an spielerischen Prozessen, recherchieren, Ideen spinnen und Gespräche, das fällt weit gefasst auch unter Spiel. Bei Fließbandarbeit kann man nicht davon sprechen.
Was ist denn eigentlich Spielen?
Buland: Das zentrale Kriterium ist die Entscheidungsfreiheit des Spielers, dass er innerhalb bestimmter Regeln autonom entscheiden kann. Deshalb ist Rätselraten eigentlich kein Spiel, weil man keine Entscheidungsfreiheit hat. Ein gelungenes Gespräch kann man hingegen unter Spiel fassen.
Was bringt den Menschen denn dazu zu spielen?
Buland: Wenn man nach Motivation fragt, kommt meistens nicht viel dabei raus. Ich würde sagen, es geht nicht anders, wir können uns nicht anders weiterentwickeln. Wir können uns nicht aussuchen, ob wir spielen, wir können uns nur aussuchen, ob wir es so nennen oder nicht. Beim Kreativseminar für Manager ist es wichtig, dass man es nicht Spiel nennt. Dann kann man mit denen die blödesten Kindersachen machen. Es gibt diese Zuschreibung, was Kinder tun, ist Spiel, was Erwachsene Bedeutendes tun, nennt man gruppendynamisch. Aber wir sollten nicht in diese Falle tappen, sondern sehen, dass Spielen im erweiterten Sinne für Erwachsene genauso wichtig ist wie für Kinder.
Spielen Erwachsene anders als Kinder?
Buland: Ich habe noch nie festgestellt, dass es anders wäre. Sie spielen Anderes, interessanter werden Glücksspiele, weil sich damit materiell etwas verändert, was Kinder weniger interessiert. Als Erwachsene sind wir darauf getrimmt, dass es wichtig ist zu gewinnen. Mit Lego zu spielen gesteht man sich meistens nicht zu. Aber es ist ein lustiges Erlebnis, wenn Väter ihren Söhnen die Eisenbahn unter den Christbaum legen und dann selbst damit spielen. Wenn man darf, geht die Post ab.
Geht es uns besser, wenn wir mehr und offener spielen?
Buland: Ja. Menschen, die einen Herzinfarkt haben, stehen unspielerischer im Leben. Wenn ein Manager zum Beispiel seinen Job verliert, in eine Lebenskrise gerät, weil er nicht experimentierfreudig genug ist. Ein spielerischer Zugang zum eigenen Leben lässt uns gesund sein.
Heutzutage müssen wir ja ohnehin kreativer sein in unserer Lebensgestaltung. Kann man das lernen?
Buland: Ja, wir müssen und dürfen unsere Biographie immer mehr selbst entwerfen. Das ist ein Akt der Lebenskunst. Wir haben den Namen Playing Arts für Seminare erfunden, bei denen man diese Lebenskunst spielend ausprobieren kann. Das Problem ist ja, wie komme ich darauf, was ich wirklich will. Im Tun zeigt sich schnell, was mich wirklich interessiert.
Aber Praktika sind ja nichts Neues.
Buland: Ja, aber im Spielen finden wir es schneller heraus, es dauert nicht wie im Praktikum monatelang, sondern man probiert am nächsten Tag etwas anderes. Beim Lernen langweilen sich doch die meisten, weil alles viel zu langsam geht.
Ist man auch erfolgreicher, wenn man seine Arbeit spielend erledigt?
Buland: Ob man das in wirtschaftlichen Erfolg ummünzen kann, ist eine andere Frage, vom Menschlichen her ist es sicher so.
Was halten Sie von der Veränderung des Spielens in den letzten Jahren?
Buland: Viele ältere Herrschaften bedauern, dass so viel am Computer gespielt wird und sprechen von Kulturverfall. Wenn man sich genau anschaut, was die Generationen unserer Großväter tatsächlich gespielt haben, ist das nicht so interessant, dass man es bedauern müsste.
Aber Computerspiele haben dennoch eine andere Wirkung als reelle Spiele.
Buland: Wir sind ja noch in der Steinzeit der Kommunikation zwischen Mensch und Computer. Aber schon jetzt ist es beim Jugendlichen, der viel Computer spielt so, dass er, wenn er zum Beispiel auf einen Vogel zeigen will, zuerst mit der Maus über die Tischplatte fährt. Das ist nur ein harmloses Beispiel, wie die virtuelle Welt unsere Reflexe prägt und welche Schwierigkeiten wir im Alltagsleben haben könnten. Was passiert, wenn die Computerwelt realistischer wird, wissen wir nicht. Das ist ein großes Sozialexperiment.
Rainer Buland ist Musikwissenschaftler und Assistenzprofessor am Institut für Spielforschung des Mozarteums in Salzburg.