Mo., 13.02.12

Selbstmordserie «Zu viel Stress, zu wenig Anerkennung»

Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl

Artikel vom 27.05.2010

Eine Selbstmordserie unter den Arbeitern des weltgrößten Elektronik-Herstellers und Apple-Zulieferers Foxconn in China gibt Rätsel auf. Innerhalb von fünf Monaten stürzten sich zwölf Mitarbeiter in die Tiefe. Die Psychiaterin Dagmar Ruhwandl erklärt das Phänomen.

Frau Dr. Ruhwandl, seit Beginn des Jahres haben neun Mitarbeiter ein und derselben Firma den Freitod als einzigen Ausweg aus ihrer Misere gesehen, die wahrscheinlich auf schlechte Arbeitsbedingungen zurückzuführen ist. Gab es so etwas auch schon in Deutschland?

Ruhwandl: Nicht, dass ich wüsste. Aber in Frankreich haben sich 2008 und 2009 innerhalb von acht Monaten über 20 Mitarbeiter der France Télécom umgebracht und zwölf haben es versucht. Einige von ihnen sollen in Abschiedsbriefen das Unternehmen belastet und über unmenschliche Arbeitsbedingungen geschrieben haben.

Wie müssen betroffene Firmen reagieren?

Ruhwandl: Sie müssen sich die Vorfälle zu Herzen nehmen. Die France Télécom hat damals eine Hotline mit Psychologen von außerhalb eingerichtet, bei denen extrem viele Menschen angerufen haben. Die Firmen müssen aufpassen, denn Suizide haben genau wie andere Gewalttaten oft einen Nachahmer-Effekt. Deutlich wird das am Beispiel von Robert Enke, dem ehemaligen Torwart der deutschen Fußballnationalmannschaft. Nach seinem Freitod ist die Suizidrate in Deutschland gestiegen.

Eine Hotline reicht als Präventionsmaßnahme aber doch sicher nicht aus. Wie können Unternehmen Suiziden unter den Mitarbeitern noch vorbeugen?

Ruhwandl: Indem sie auch die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in den Vordergrund rücken. Arbeitsschutz im klassischen Sinne zu fördern, reicht nicht aus. In Europa sind psychische Belastungen 1997 ins Arbeitsrecht aufgenommen worden. Das heißt, der Arbeitgeber ist in der Pflicht, psychische Belastungen für die Arbeitnehmer möglichst gering zu halten. In Frankreich wurde nach den Vorfällen bei France Télécom sogar ein weiteres Gesetz verabschiedet, das die Arbeitgeber verpflichtet, sich für das psychische Wohlbefinden der Angestellten noch mehr zu engagieren. Andere Länder sind aber sicherlich noch nicht so weit.

Was führt in der Arbeitswelt zu psychischen Belastungen?

Ruhwandl: Zu viel Stress, zu wenig Wertschätzung, schlechte Arbeitsbedingungen oder zu lange beziehungsweise unflexible Arbeitszeiten. Auch Schichtdienst kann eine Rolle spielen, allerdings keine so gravierende.

Foxconn greift nach der Selbstmordserie nun zu drastischen Mitteln: Die Beschäftigten werden in einem Rundschreiben zu einer schriftlichen Erklärung aufgefordert, keinen Suizid zu begehen. Außerdem verhängt das Unternehmen seine Gebäude mit Netzen, um Todesstürze zu verhindern. Was halten Sie von diesen Präventionsmaßnahmen?

Ruhwandl: Grundsätzlich ist es sicher zu begrüßen, dass die Firma die Ereignisse wahrnimmt und darauf reagiert. Es werden meines Wissens auch Mitarbeiter aufgefordert, belastete und Suizid-gefährdete Kollegen zu melden. Doch durch Kontrolle alleine können seelische Krisen nicht bewältigt werden.

Für die Selbstmorde bei Foxconn machen Arbeitsrechtsorganisationen den hohen Druck bei gleichzeitig schlechter Bezahlung verantwortlich. Warum, glauben Sie, haben sich die Angestellten umgebracht?

Ruhwandl: Im Nachhinein ist das schwer zu sagen. Ohnehin muss man bei der Auswertung solcher Ereignisse vorsichtig sein. Denn meines Wissens handelt es sich bei den Suizidopfern in Shenzhen um Männer zwischen 19 und 24 Jahren. Und da ist die Selbstmordrate generell deutlich höher. Junge Männer sind diejenigen, die sich am häufigsten das Leben nehmen. Das ist statistisch erwiesen.

Warum suchen sich Menschen, die sich wegen ihrer Arbeit mit Selbstmordgedanken plagen, nicht einfach einen neuen Job?

Ruhwandl: In der Regel sind sie so hoffnungslos, dass sie gar keine Kraft mehr haben. Sie glauben nicht mehr daran, dass sie von sich aus irgendetwas in ihrem Leben zum Guten wenden können. Sie sehen den Freitod als einzige Möglichkeit, ihrem Leiden ein Ende zu bereiten.

Wie können Außenstehende wie Angehörige, Kollegen oder Arbeitgeber erkennen, dass jemand mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen?

Ruhwandl: Am ehesten, indem sie konkret nachfragen. Wie es Ärzte oder Psychiater tun. Für Angehörige oder Arbeitgeber ist das aber schwierig. In der Regel geht der Tat eine Phase voraus, in der der Betroffene längere Zeit depressiv verstimmt ist. Und kurz vor der Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, werden die meisten Betroffenen noch einmal aktiver. Für Außenstehende sieht das so aus, als würde sich etwas lösen, dabei verschließt sich der Betroffene komplett. Ab diesem Zeitpunkt lässt er niemanden mehr an seinen Gedanken und Plänen teilhaben. Als Laie kann man da meist nicht mehr helfen.

Gibt es nicht auch einen Zeitpunkt, an dem jemand, der sich mit Selbstmordgedanken plagt, nach ihnen gefragt werden möchte, weil er auf Hilfe von außen hofft?

Ruhwandl: Ja. Man sollte Depressive immer wieder auf Hilfsangebote hinweisen.Genau deshalb wird seit einigen Jahren ja so intensiv Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Depressionen betrieben. Schließlich leiden zehn Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben unter Depressionen. Natürlich nehmen sich nicht alle das Leben, aber einige eben doch. Angehörige und Arbeitgeber sollten mit anderen über die Depression, mit der ein Betroffener sich quält, sprechen. Verweigert er eine Therapie, sollten Angehörige ihm klar machen, dass auch sie sich mit seiner Situation nicht mehr zu helfen wissen.

Wie viele Menschen bringen sich in Deutschland jährlich wegen ihrer Arbeit um?

Ruhwandl: Das ist schwer zu sagen. Im Jahr 2005 haben 10.000 Menschen sich das Leben genommen. Drei Viertel davon sind Männer, ein Viertel Frauen. Für wie viele jedoch die Arbeit ausschlaggebend war, lässt sich im Nachhinein nicht feststellen. Denn viele hinterlassen keine Nachricht.

Dr. Dagmar Ruhwandl ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in München. Sie ist Lehrbeauftragte an der TU München und hat mehrere Bücher zum Thema Burnout in der Arbeitswelt veröffentlicht. 

iwi/cvd/ivb/news.de
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 27.05.2010 21:49
von
Felix Kroll

Durch die Produktion in Billiglohn-Ländern wird von den amerikanischen Konzernen mehr Gewinn gemacht auf Kosten der Gesundheit der unterbezahlten und gestressten Arbeiter. Es ist eine moderne Form von Sklaverei. Die gefährdeten Mitarbeiter sollten umgehend freigestellt werden bei bei voller Lohn-Weiterzahlung. Normalerweise besteht keine Aussicht mehr auf Heilung.

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  • Kommentar: 1
  • 27.05.2010 14:52
von
Robert

Diskutieren Sie mit und kommentieren Sie den Artikel Selbstmordserie : «Zu viel Stress, zu wenig Anerkennung». über all das hier sollte man nicht vergessen das auch Arbeitgeber Mensehn sind und es auch an den Mitarbeitern liegt wie ds Arbeitsverhältnis sich darlegt.

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