Wetterfeste Ökumene: Trotz Regen besuchten nach Veranstalterangaben eine halbe Million Menschen den Kirchentag. Zum Abschluss riefen Katholiken und Evangelen Gläubige auf, gemeinsam die Verantwortung für die Welt wahrzunehmen.
«Wir brauchen ein Wachstum an Mitmenschlichkeit, an Rücksichtnahme und Achtsamkeit», sagte der evangelische Präsident des 2. Ökumenischen Kirchentags (ÖKT), Eckhard Nagel, beim großen Abschlussgottesdienst. Der katholische ÖKT- Präsident Alois Glück betonte, die Christen müssten ihre Verantwortung für die Welt gemeinsam wahrnehmen. «Deshalb wollen wir uns gemeinsam einsetzen für mehr Gerechtigkeit, hier und weltweit», sagte Glück bei dem Gottesdienst unter freiem Himmel.
«Durch diesen Kirchentag hat die Ökumene in Deutschland ein neues Gesicht bekommen», sagte Nagel. Und auch Glück betonte: «Trotz mancher schwierigen Umstände können wir sagen: Die Ökumene in Deutschland ist wetterfest.» Zugleich mahnte er mehr Tempo beim Ringen um weitere Annäherung der beiden großen Kirchen an und sprach ausdrücklich das vom Vatikan verbotene gemeinsame Abendmahl von Katholiken mit Protestanten an. Insbesondere denke er an die konfessionsverschiedenen Ehen, sagte Glück. «Dort leiden viele Menschen schmerzlich daran, dass sie keine Eucharistiegemeinschaft haben.»
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, würdigte in seiner Predigt den Kirchentag als wichtigen Impulsgeber. Die Teilnehmer hätten «anregende Tage ökumenischer Verbundenheit» erlebt. «Wir durften spüren und erfahren: Der Glaube an Gott führt zusammen und gibt Kraft.» Die Welt brauche Hoffnungszeichen christlichen Handelns, sagte Zollitsch.
Christen mischen sich zu zaghaft ein
Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, hob die Bedeutung christlichen Engagements für eine gerechte Welt hervor. Allerdings mischten sich die Christen oftmals zu zaghaft und kleinlaut in die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen ein, betonte Schneider in seiner Predigt.
Trotz nasskalten Wetters und Nieselregens waren nach Angaben der ÖKT-Veranstalter rund 100.000 Gläubige zu dem Abschluss-Gottesdienst auf der Theresienwiese gekommen. Viele hatten wegen der Kälte Decken mitgebracht. Bei dem Gottesdienst hielten auch der griechisch- orthodoxe Metropolit Augoustinos und Bischöfin Rosemarie Wenner von der evangelisch-methodistischen Kirche kurze Predigten.
Glück sprach von einer schwierigen Situation der katholischen Kirche, die durch die Missbrauchsfälle in eine schwere Vertrauenskrise geraten sei. «Wir leiden an unserer Kirche, wir leiden mit unserer Kirche. Aber sie ist weiter unsere Kirche», sagte Glück. «Wir Laien wollen unseren Beitrag leisten, damit aus dieser Krise eine neue Lebendigkeit, eine neue Strahlkraft, eine neue Anziehungskraft wächst.»
«Gott sei Dank brechen heute viele Opfer ihr Schweigen»
Auch Wenner griff das Thema Missbrauch auf. In der Vergangenheit hätten die Mächtigen - auch in der Kirche - den Armen, Schwachen und Frauen oft geraten, zu dulden, wo eigentlich Widerstand angebracht gewesen wäre. Frommer Trost habe Widerstand unterdrückt. «Mit Scham und Erschrecken hören wir von unzähligen Menschen, die in kirchlichen Einrichtungen missbraucht wurden», sagte die Bischöfin und fügte hinzu: «Gott sei Dank brechen heute viele Opfer ihr Schweigen.»
Der Kirchentag unter dem biblischen Leitwort «Damit ihr Hoffnung habt» war am vergangenen Mittwoch eröffnet worden. Rund 3000 Veranstaltungen standen auf dem Programm. Daran nahmen nach Angaben der Veranstalter mehr als eine halbe Million Menschen teil, darunter rund 130.000 Dauergäste.
hav/news.de/dpa/ap