Sa., 26.05.12

Drang zur Freiheit 13.05.2010 Jugendliche jagen Rekorde

Die 16-jährige Weltumseglerin Jessica Watson hat es fast geschafft. (Foto)
Die 16-jährige Weltumseglerin Jessica Watson hat es fast geschafft. Bild: dpa

Von Michael Kieffer

Eine 16-Jährige umsegelt die Erde, ein 13-Jähriger will auf den Mount Everest. Mehrere Jugendliche liefern sich derzeit ein Rennen um Rekorde. Den Altersgenossen hingegen genügt oft ein iPod.

Am meisten freut sie sich auf eine heiße Dusche: Mehr als ein halbes Jahr lang war die Australierin Jessica Watson mit ihrer Jacht Ella's Pink Lady unterwegs, um den Globus zu umsegeln. Nun erreicht sie wieder den Hafen von Sydney - pünktlich vor ihrem Geburtstag am 18. Mai. Dann wird sie gerade einmal 17 Jahre alt. Als jugendliche Abenteurerin ist Jessica Watson nicht allein. So will der 13-jährige Kalifornier Jordan Romero den Mount Everest bezwingen. Junge Rekordjäger sind derzeit ein Phänomen. Jugendforscher zeigen sich aber wenig erstaunt.

«Es ist typisch, dass Jugendliche etwas machen, bei dem sie ihre Handschrift sehen», sagt Claus Tully, Professor beim Deutschen Jugendinstitut in München. Die jungen Leute wollten sich sowohl von Älteren als auch von Gleichaltrigen abgrenzen. Und dafür greifen sie zu unterschiedlichsten Mitteln.

Vielen Teenagern genügten Statussymbole wie ein iPod oder bestimmte Klamotten, erläutert Tully. Solche Gegenstände kann sich aber jeder zulegen - vorausgesetzt natürlich, man hat das Geld dazu. Manche Jugendliche begäben sich daher mit dem eigenen Körper auf den Wettlauf zu mehr Individualität. «Körperliche Herausforderungen nehmen an Bedeutung zu», sagt Tully.

Jessica Watson gibt sich selbst bei Windstärke acht entspannt. Das sei mit Ella's Pink Lady eigentlich keine große Sache, schrieb sie Ende April in ihrem Blog - da war sie mitten auf dem Ozean südlich von Australien. Während sich andere 16-Jährige mit Freundinnen im Schwimmbad oder Kino treffen, kämpft Jessica mit Gewitterstürmen, zehn Meter hohen Wellen und Wasser in der Koje.

Pubertät beginnt heute drei Jahre früher

«Es sind nicht mehr nur die Jungs», sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann über die jungen Wagemutigen. «In den Abenteuern spiegelt sich der hohe Freiheitsgrad wider, den man heute als junger Mann oder junge Frau hat.» Als Mitautor der Shell-Jugendstudie hatte Hurrelmann bereits im Jahr 2006 ein «erhöhtes Streben nach persönlicher Unabhängigkeit» festgestellt. Der Sozialwissenschaftler weist außerdem darauf hin, dass Jungen und Mädchen zusammengenommen heute im Schnitt mit zwölf Jahren in die Pubertät kommen - drei Jahre früher als noch um 1900.

Den jungen Leuten wie Jessica Watson oder Jordan Romero komme natürlich auch der technische Fortschritt zugute, sagt Hurrelmann. Der 16-jährigen Seglerin Abby Sunderland kamen beim Versuch, die Welt nonstop zu umrunden, allerdings Probleme mit dem Autopiloten dazwischen.

Und wie steht's um die Abenteuerlust ganz «normaler» junger Leute? Viele gönnen sich gleich nach dem Abitur eine Auszeit in Ländern wie Australien oder Neuseeland. Dort locken Kicks beim Bungeejumping oder Fallschirmspringen. Im Programmjahr 2008/2009 bekamen mehr als 20.000 Deutsche ein sogenanntes Working-Holiday-Visum für Australien bewilligt. Es erlaubt, sich einen Teil der Reisekosten durch Jobben zu finanzieren. Im Programmjahr 2005/2006 waren nur 12.000 Visa dieser Art an Deutsche ausgegeben worden.

Veranstalter solcher Auslandsaufenthalte bekommen derzeit verstärkt von unter 18-Jährigen Anfragen. Eine Sprecherin von TravelWorks in Münster erklärt das mit der Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien vieler Bundesländer. Statt gleich mit Studium oder Ausbildung zu beginnen, erkunden viele junge Leute also lieber erst einmal die weite Welt.

«Wenn ich nicht gerade Berge besteige, dann bin ich so wie jeder andere 13-Jährige», versichert Mount-Everest-Besteiger Jordan Romero. Nur dass er eben besonders sportlich ist und die Zeit am liebsten beim Ski-, Rad- und Kajakfahren oder mit Laufen und Klettern verbringt.

cvd/news.de/dpa
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