Sa., 26.05.12

Versuchstiere 14.05.2010 Dressiert, verbraucht und ab in den Müll

Tierversuch (Foto)
Unzählige Tiere werden auch in Deutschland in Tierversuchen verbraucht. Der Tierschutzbund fordert schärfere Gesetze. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl

Deutschen Forschern werden Tierversuche zu leichtfertig genehmigt. Das ist die Meinung des Tierschutzbundes. Er fordert ein Umdenken in der Politik: Alternative Methoden sollen besser gefördert und wo irgend möglich angewendet werden.

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2,6 bis 2,7 Millionen Nager, Kaninchen, Hunde, Katzen und Affen werden nach Angaben des Deutschen Tierschutzbunds, der sich seit Jahren für ein Ende von Tierversuchen einsetzt, jährlich in deutschen Labors zu wissenschaftlichen Zwecken verbraucht. Ihr Erbgut werde manipuliert, sie werden aufgeschnitten, künstlich krank gemacht oder quälend langsam vergiftet. Und «wenn sie nicht mehr gebraucht werden, landen sie im Müll», schreibt der Deutsche Tierschutzbund in einer Pressererklärung.

Die Versuche seien meist mit erheblichen Schmerzen, Leiden und Schäden verbunden. Ob ihnen der Schädel aufgebohrt werde und sie über längere Zeit fixiert würden - wie Affen in der Grundlagenforschung -, ob ihre Organe durch fortschreitende Vergiftung versagten oder sie Krebs und Parkinson entwickelten - sie litten vergleichbar wie Menschen. Tierschützer sind entsetzt.

In jüngster Vergangenheit geriet besonders Andreas Kreiter, Professor für Zoophysiologie am Zentrum für Kognitionswissenschaften Institut für Hirnforschung der Universität Bremen in die Schlagzeilen. Tierschützer und die Bremer Bürgerschaft setzen sich seit Jahren dafür ein, dass seine Versuche mit Makaken-Affen verboten werden. Seit mehr als zehn Jahren erforscht der Neurobiologe an den Tieren die Funktionen des Gehirns, indem er sie dressiert, in einem Affenstuhl fixiert und ihnen Sonden ins Hirn steckt, während die Affen für Belohnung bestimmte Aufgaben lösen.

Alternative Methoden

Für Marius Tünte, Pressesprecher des Deutschen Tierschutzbunds, ist der Fall Kreiter in zweierlei Hinsicht «frappierend». Nicht nur, weil die Versuche überhaupt stattfänden, sondern auch, weil Kreiter scheinbar überhaupt nicht merke, dass Affen besonders intelligent und leidensfähig sind. Der Tierschutzbund geht gegen Kreiter vor. «Wir verfolgen die Gerichtstermine, in denen schon seit längerer Zeit immer wieder aufs Neue entschieden wird, ob es für Kreiter neue Tierversuchsgenehmigungen gibt», sagt Tünte.

Bisher seien die Fristen immer wieder verlängert worden. Doch die Tierschützer und die Bremer Bürgerschaft sind der Meinung, die Versuche sind ethisch nicht vertretbar. «Kreiter ordnet seine Versuche relativ offen in die Grundlagenforschung ein. Und in diesem Bereich seien Tierversuche in Deutschland erlaubt. «Dennoch sollte man prüfen, ob es überhaupt nötig ist, was er da macht.»

Natürlich seien wissenschaftliche Erkenntnisse für die Heilung von Krankheiten notwendig, aber Tierversuche nicht unbedingt. Laut Tünte gibt es in vielen Bereichen alternative Methoden. Zum Beispiel könne man Zellen in Labors züchten und mit ihnen arbeiten oder Computermodelle benutzen. Mit solchen Modellen ließen sich etwa die Nebenwirkungen von Medikamenten sehr genau ermitteln.

Die Politik muss handeln

Wenn Menschenleben davon abhingen, könne man im Einzelfall natürlich immer darüber sprechen, ob Tierversuche nicht doch nötig seien. Aber die Hörigkeit gegenüber Tierversuchen, die derzeit in Deutschland bestehe, sei einfach nicht in Ordnung. Viel zu leichtfertig würden sie genehmigt, alternative Methoden viel zu selten angewendet. Sie würden zwar stetig weiterentwickelt, sagt Tünte, aber nicht angemessen gefördert und genutzt. Da müsse gehandelt werden. Auch und vor allem auf politischer Ebene müsse ein Paradigmenwechsel stattfinden. Das gestalte sich derzeit aber schwierig. Denn auch Annette Schawan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, spricht sich eindeutig für Tierversuche aus.

Die Politik sei in der Verantwortung, dass Alternativmethoden wo irgend möglich angewendet und gefördert würden. In Europa wird derzeit eine neue EU-Versuchstierrichtlinie überarbeitet. Ihre Inhalte stehen schon fest. Der Deutsche Tierschutzbund wirft der Bundesregierung in diesem Zusammenhang vor, sich auf EU-Ebene nicht genug für den Tierschutz stark gemacht, sondern sogar Verschlechterungen eingebracht zu haben. Zum Beispiel sollen Genehmigungsverfahren für gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche vereinfacht werden. Deutschland hätte jedoch viel aktiver werden müssen, betont Tünte. Auch dass Primatenversuche weiterhin nicht verboten werden, empfinden er und seine Kollegen vom Tierschutzbund als empörend.

In einem Beschwerdeschreiben des Tierschutzbunds an Schawan heißt es: «Ein Ministerium - und das gilt direkt für alle fachlich Verantwortlichen - darf sich nicht als einseitige Vertretung einiger tierexperimentell arbeitender Forscher verstehen, welche anachronistischen Wertvorstellungen anhängen und einem nahezu unreglementierten Gebrauch von Tieren in Labors das Wort reden. Dieser Eindruck ist aber nun entstanden.»

Protestieren lohnt sich

Alternativmethoden seien auf keinen Fall teurer als Tierversuche, doch bei den Verfechtern von Tierversuchen, den Wissenschaftlern und Pharmakonzernen, handle es sich um eine mächtige Lobby mit engem Draht zur Politik. Menschen wie Kreiter würden nie kampffrei das Feld räumen, betont Tünte. «Sie wiegen sich in Sicherheit, weil es relativ einfach ist, Genehmigungen zu bekommen. Und so lange die Politik die Rahmen nicht umsteckt, wird sich daran nichts ändern.»

Dass sich Protest gegen Tierversuche lohnt, davon ist Tünte überzeugt. Kosmetika an Versuchstieren zu testen, sei in Deutschland früher gang und gäbe gewesen, seit einigen Jahren aber verboten. Das durchzusetzen sei zwar ein langer Prozess gewesen, der jedoch zum Umdenken und schließlich die Politik schließlich auch zum Handeln gezwungen habe.

Besonders bedenklich hält der Tierschutzbund Experimente mit Tieren deshalb, weil nicht garantiert sei, dass die Erkenntnisse, die die Wissenschaftler anhand von Tieren gewinnen, auf Menschen übertragbar seien, betont Tünte. Schließlich sei es wiederholt vorgekommen, dass Medikamente, die an Tieren erprobt worden seien, wieder zurückgerufen werden mussten.

Stress und Schmerzen

Außerdem werde Tierleid in Kauf genommen, obwohl es nicht notwendig sei. Und das sei strafbar. In Deutschland sei Tierschutz ein Staatsziel. Im Grundgesetz sei festgesetzt, dass Tiere nicht grundlos leiden dürfen. «Und wenn Mäuse elend sterben, weil sich Menschen Botox spritzen lassen wollen, macht das für mich keinen Sinn», sagt Tünte. Auch und gerade die Versuchen mit Affen widersprächen dem Artikel im Grundgesetz völlig. «Die Tiere werden dressiert, ihr Wille wird gebrochen, damit sie bestimmte Rituale einhalten und Wissenschaftler wie Kreiter mit ihnen arbeiten können.» Das sei mit Stress und Schmerzen verbunden. «Ich glaube, man muss gar nicht immer das Blut spritzen sehen, um zu merken, dass es Versuchstieren schlecht geht», gibt Tünte zu bedenken.

Doch Tierquälerei finde in Deutschland bei Weitem nicht nur in Laboren statt. «Ohne die Gesellschaft unter Generalverdacht stellen zu wollen, aber es gibt sehr viele Ansatzpunkte im Alltag, deren sich der Verbraucher oft gar nicht bewusst ist», sagt Tünte. Massentierhaltung etwa. «Wenn das Schnitzel im Supermarkt um die Ecke immer günstiger wird, muss sich der Verbraucher einfach mal bewusst machen, dass die Produzenten irgendwo sparen – und zwar im Bereich Tierschutz.»

Man sollte sich schon überlegen, ob man wirklich sechs Mal in der Woche Schnitzel brauche oder vielleicht doch lieber weniger davon esse, dafür aber bewusster. «Doch leider ist oft der Geldbeutel ausschlaggebend.» Bei Tierversuchen hingegen sei selbst das kein Argument. Sie seien nicht billiger als Alternativmethoden.

iwe/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Antonietta
  • Kommentar 1
  • 18.06.2010 07:26
 

Ob ein bestimmtes Tier auf eine bestimmte Substanz nun gleich, ähnlich oder völlig anders als der Mensch reagiert, weiß man derzeit erst, wenn diese Substanz auch am Menschen angewendet wurde. Die Erkenntnis, wie ein bestimmtes Tier auf einen bestimmten Stoff reagiert, ist daher völlig bedeutungslos für den Menschen. Vielmehr kann man mit Tierversuchen "beweisen" was man will; je nach ausgewählter Tierart kann man eine Substanz als harmlos oder schädlich hinstellen, so wie man es gerade möchte.

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