Von Andreas Landwehr
Die Welt trifft sich im Internet - wozu muss man dann noch Milliarden in eine Weltausstellung stecken? Doch die Expo, die am Samstag in Shanghai beginnt, will die größte aller Zeiten werden. China will den Besucher etwas beibringen.
Weltausstellungen sind umstritten. Eine Expo über nachhaltige Entwicklung scheint ein Widerspruch in sich zu sein, wenn die Pavillons später wieder abgerissen werden und die Ökobilanz verheerend ausfällt. Milliarden haben die Stadt Shanghai sowie rund 250 teilnehmende Länder und Organisationen in die sechsmonatige Show in der chinesischen Metropole investiert. Zur feierlichen Eröffnung am Freitagabend reisen 21 Staats- und Regierungschefs an.
«Eine bessere Stadt, ein besseres Leben», lautet das Thema der Expo. Es geht aber auch um die Selbstdarstellung einzelner Länder. So viele Teilnehmer wie in Shanghai hat es noch nicht gegeben. Selbst die USA sind wieder mit einem eigenen Pavillon dabei, weil der große Wachstumsmarkt China lockt. Mit erwarteten 70 Millionen Besuchern soll es die größte Weltausstellung aller Zeiten werden. «Die Expo ist eine Art großes Klassenzimmer», verteidigt Shanghais Expo-Sprecher Xu Wei das gigantische Vorhaben in der Hafenmetropole. «Wir bringen die Leute hierher, damit sie etwas lernen.»
Seit jeher pflegen Weltausstellungen einen Fortschritts-Mythos, der in China besonders blüht. In ihrer 159-jährigen Geschichte zeigten Weltausstellungen anfangs vor allem neueste technische Erfindungen. Die Expo 1889 in Paris brachte nicht nur den Phonographen, sondern auch den Eiffel-Turm. Ähnlich ist das Atomium 1958 zum Wahrzeichen von Brüssel geworden. In Montreal 1967 rückte erstmals der Mensch in den Mittelpunkt. Die zunehmende Umweltzerstörung erforderte Lösungen, wie der Mensch die Technik besser für sich nutzen und die Gefahren der industriellen Moderne bewältigen kann.
Weil Internet die Menschen einsam macht, ist die Expo umso wichtiger
«Weltausstellungen haben eine lange Tradition, die Errungenschaften einzelner Länder an einen gemeinsamen Ort zu bringen - aber heute gibt es das Internet, so dass die Expo den Menschen nicht mehr so viel bringen kann wie noch vor 100 Jahren», findet der bekannte chinesische Blogger Michael Anti. Da viele seiner Landsleute aber auch heute noch nicht beliebig ins Ausland reisen könnten, sei die Expo für Chinesen «interessant, bedeutungsvoll und nützlich».
«Natürlich bringt das Internet die Menschen leichter zusammen», sagt Expo-Sprecher Xu Wei. «Aber das Internet macht die Menschen auch einsam.» Persönliche Kontakte seien wichtig. «Deswegen steigt die Bedeutung der Expo noch.» Das beste Argument für die Weltausstellung in Shanghai sind für die Organisatoren aber die 70 Millionen Besucher, die erwartet werden. «Wenn ich erlebe, mit welcher Neugier die Leute auf die Expo warten, dann glaube ich, dass das ein Rummelplatz wird», sagt Michael Kahn-Ackermann, Leiter des Goethe- Instituts in Peking, der den Expo-Auftritt der dreijährigen Kampagne «Deutschland und China - Gemeinsam in Bewegung» vorbereitet.
Der Markt jubelt, politische Transparenz hängt hinterher
Der Bürgerrechtsanwalt Teng Biao vergleicht die Expo mit Olympia 2008 in Peking: «Es ist eine gute Gelegenheit für China, mit der Welt zu kommunizieren.» Nachhaltige Stadtentwicklung sei wichtig. «Aber wenn wir das realisieren wollen, müssen wir auch über politische Reformen nachdenken», sagt Teng Biao. Dafür sei Transparenz nötig. So seien auch die Milliardenausgaben Shanghais für die Expo nicht zu durchschauen. «Ob es das wert ist oder nicht? Entscheidend ist doch, ob der Steuerzahler zustimmt, wie sein Geld ausgegeben wird.»
Deutschland lässt sich seinen bisher größten Expo-Auftritt rund 50 Millionen Euro kosten. «Deutschland hat in seiner langen Geschichte von Innovation und Umweltschutz viele Konzepte und Ideen hervorgebracht, wie die Stadt von morgen aussehen könnte», sagt die deutsche Expo-Sprecherin Marion Conrady. Die Expo in Shanghai sei eine «hervorragende Möglichkeit», sich auf dem Wachstumsmarkt China mit innovativer Technologie und neuartigen Konzepten zu präsentieren. Wegen der wachsenden Reiselust der Chinesen könne auch der Tourismus profitieren.
Als Verschwendung kritisieren aber chinesische Intellektuelle, dass die Pavillons nach der sechsmonatigen Show wieder abgerissen werden müssen, wie die Regeln der internationalen Expo-Organisation in Paris vorschreiben. Expo-Sprecher Xu Wei verteidigt die Praxis: «Wenn diese Pavillons stehenbleiben, wird noch viel, viel mehr Geld verschwendet, da die Kosten für den Unterhalt sehr hoch sind.»
tfa/news.de/dpa