Mo., 13.02.12

Klima «Wetter ist das, was man bekommt»

Von news.de-Redakteurinnen K. Schmidl und I. Wiedemeier

Artikel vom 27.04.2010

Eigentlich geht es immer nur um das eine: Regen, Sonne, heiß, kalt. Alle wollen wissen, wie es wird - Hauptsache, gut. News.de hat Klimapapst Mojib Latif gefragt, was der Sommer bringt - und die Zukunft im Allgemeinen.

Professor Latif – wie wird der Sommer?

Latif: Nun ist ja gerade erst der Winter vorbei! Wir müssen erstmal abwarten. Prognosen für den kommenden Sommer halte ich nicht für seriös, deswegen halte ich mich da zurück. Zur kurzfristigen Entwicklung kann man schlecht etwas sagen, damit muss man sich einfach abfinden.

Sie können die Entwicklung in den nächsten 50 Jahren bestimmen, aber nicht den kommenden Sommer. Woran liegt das?

Latif: So genannte Jahreszeitenvorhersagen sind zwar für die Tropen ganz gut, aber bei uns in den mittleren Breiten relativ unzuverlässig, weil das Wetter so chaotisch ist. Wir haben noch keine Möglichkeit gefunden, das zuverlässig vorherzusagen. In den Tropen kommen bestimmte Phänomene regelmäßig vor. El Niño zum Beispiel, eine Erwärmung des äquatorialen Pazifik, die alle vier Jahre wiederkehrt. Die hat auch dazu geführt, dass es in Vancouver bei den Olympischen Spielen so warm war. Das weiß man meistens ein halbes Jahr im Voraus. Ob die Organisatoren es allerdings wussten, weiß ich nicht.

Bei uns gibt es keinerlei Anhaltspunkte?

Latif: Höchstens auf längere Zeiträume. Über Jahrzehnte gibt es Phänomene, die mit Schwankungen des Golfstroms in Verbindung stehen. Aber auch da kann man nicht sagen, in zehn Jahren gibt es weiße Weihnachten, sondern es geht um Zehn-Jahres-Mittelwerte.

Das bringt uns für die Sommerplanung allerdings nicht.

Latif: Aber für die Energieindustrie kann es wichtig sein.

Wo fahre ich denn im Sommer hin, wenn ich mir der Sonne sicher sein will?

Latif: Da können Sie sich nur an die Statistik halten. Wo gibt es die meisten Sonnenstunden? Auf Rügen zum Beispiel, Ostsee ist eigentlich immer relativ gut, und dann die andere Ecke, Freiburg. Und in Europa - das muss ich Ihnen nicht erzählen, am Mittelmeer. Aber da kommt es im Sommer leicht an die 40 Grad ran, ich weiß nicht, ob das so erstrebenswert ist.

Als Laien verwechseln wir gern Wetter mit Klima. Erklären Sie uns den Unterschied.

Latif: Da gibt es so einen witzigen Spruch. Klima ist das, was man erwartet, und Wetter ist das, was man bekommt. Das deutet schon an, Klima ist ein Mittel über längere Zeiträume. Wenn wir Wetter über 30 Jahre mitteln, dann hat man das Klima für diesen Ort. Aber der Mittelwert wird eben selten erreicht. Deshalb dieser Spruch.

Wann können wir denn am Baggersee unter Palmen Urlaub machen?

Latif: Selbst in Hamburg stehen ja schon Palmen das ganze Jahr über. Das ist nicht der Maßstab. Aber der Klimawandel hängt insgesamt natürlich davon ab, wie wir uns verhalten, das ist ja die größte Unsicherheit. Wenn wir alles tun, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, wird es nur ein bisschen wärmer. Aber wenn wir weiter Vollgas geben, wird sich die Höchsttemperatur von 44 Grad in Deutschland weiter nach oben schrauben.

Es gibt ja schon so spannende Szenarien mit Luftkissenhäusern wegen der vielen Überschwemmungen, die uns drohen. Müssen wir in der Architektur umdenken?

Latif: Der Meeresspiegel steigt im Moment zwei bis drei Millimeter pro Jahr. In den nächsten Jahrzehnten müssen wir uns keine Gedanken machen, das wird bei uns erst Ende des Jahrhunderts zu merken sein. Womit wir rechnen müssen, sind heftigere Gewitter und Starkniederschläge.

Wir haben gerade erst wieder einen harten Winter hinter uns. Warum sind Sie so sicher, dass es tatsächlich wärmer wird?

Latif: Das sind natürliche Schwankungen, aber wenn die Erwärmung weiter geht, werden die irgendwann der Vergangenheit angehören. In den letzten 100 Jahren ist es in Deutschland schon ein Grad wärmer geworden, gerade in den Wintern, deshalb hatten wir so viele milde Winter. Deshalb waren viele auch so überrascht, dass es jetzt wieder so kalt war.

Dann könnte man ja auch sagen, wir hatten viele milde Winter, jetzt kommen wieder kalte, und es gleicht sich aus.

Latif: Es gleicht sich aber nicht aus, das ist das Problem. Die Messungen sind ja da. Anhand der Klimamodelle, mit wir mit erhöhter CO2-Konzentration füttern, rechnen wir das in die Zukunft hoch. Und da sieht man, dass sich die Tendenzen, die wir in den letzten 100 Jahren gesehen haben, in den nächsten 100 Jahren fortsetzen und beschleunigen. Immer unter der Voraussetzung, dass wir so weitermachen wir bisher.

Sie sind felsenfest überzeugt davon, dass CO2 Schuld ist am Klimawandel?

Latif: Daran sehe ich keinen Zweifel.

Nun gibt es ja Theorien, die die Erwärmung auf astronomische Berechnungen zurückführen, auf die veränderte Distanz zur Sonne zum Beispiel. Was ist daran falsch?

Latif: Das ist gar nicht falsch, es sind nur andere Zeiträume. Die Erdbahn um die Sonne ist nicht konstant, mal ist sie eliptisch, mal kreisförmig. Aber die Periode sind 100.000 Jahre, dafür sind die nächsten 100 Jahre völlig irrelevant. Das muss man auseinanderhalten. Klimatologisch gesehen ist es fast ein Wimpernschlag, was wir produzieren. Man hört immer wieder, was ja auch stimmt, in Grönland war es vor 1000 Jahren wärmer als heute, oder in der letzten großen Warmzeit vor 125.000 Jahren. Natürlich war das so. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir irgendwann in Bereiche kommen, die einmalig für uns Menschen wären.

Hat die Wimpernschlag-Erwärmung komplett der Mensch zu verantworten?

Latif: In den letzten 100 Jahren hatten wir weltweit 0,7 Grad Erwärmung, davon sind etwa 0,4 bis 0,5 Grad auf uns Menschen zurückzuführen. Der Rest ist natürlich, die Sonne scheint mal stärker, mal schwächer.

Was steht uns bevor?

Latif: Ich bin Optimist. Ich denke, dass wir das Ruder noch rumreißen können.

Wie sieht denn Ihr gutes Beispiel aus?

Latif: Ich bin natürlich der Schlimmste von allen, weil ich so viel unterwegs bin. Aber auf der anderen Seite kann ich mir vielleicht auch anrechnen, dass ich in den letzten 25 Jahren dazu beigetragen habe, dass sich das Bewusstsein in Deutschland gewandelt hat, und dass wir den CO2-Ausstoß seit 1990 um 30 Prozent reduziert haben.

Professor Mojib Latif ist Meteorologe und Ozeanologe und gilt als deutscher «Klimapapst», weil er in der Debatte häufig im Fernsehen präsent ist. Latif hat eine Professur am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften inne.

ped/ivb/news.de
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