Sa., 26.05.12

Couchsurfing 01.05.2010 Mehr als ein kostenloser Schlafplatz

Couchsurfing (Foto)
Es ist billig und man lernt immer wieder neue Leute kennen. Mehr als eine Million Couchsurfer sind weltweit unterwegs. Bild: istockphoto

Von news.de-Redakteurin Mara Schneider

Viele Menschen fürchten sich davor, alleine auf Reisen zu gehen. Dabei ist die Angst, in Einsamkeit oder Langeweile zu versinken, völlig unbegründet. Dank Couchsurfing ist man nie allein. Ein Erfahrungsbericht.

Es ist Montagmorgen, kurz nach halb neun. Ich bin gerade mit dem Nachtzug in Budapest angekommen, habe eine elfstündige Fahrt mit Sitzplatz hinter mir und sehne mich nach einem Bett. Nach zwei Fahrten mit der Metro und einem kurzen Fußmarsch stehe ich vor einem zehnstöckigen Appartmentgebäude, in dem Roland, mein Gastgeber für die nächsten Tage, wohnen soll. Klingeln suche ich hier allerdings vergeblich. Es gibt nur unzählige Namen, denen Zahlencodes zugeordnet sind. Leider taucht weder Rolands Name auf, noch hat er mir etwas von einem Zahlencode erzählt. Als ich ihn anrufe, geht niemand ran. Und nun?

Erschöpft lasse ich mich auf meinen Rucksack sinken, als mich ein älterer Herr anspricht. Leider spreche ich kein Wort ungarisch - und er weder deutsch noch englisch. Ich schreibe ihm den Namen meines Gastgebers auf, in der Hoffnung, er könne etwas damit anfangen. Und tatsächlich: Der Mann gibt einen Zahlencode ein, brabbelt ein paar Worte mit der Stimme am andere Ende, schiebt mich durch die Eingangstür in den Fahrstuhl und drückt den Knopf für die neunte Etage.

Mittlerweile ist es halb zehn. Ein junger Mann mit zerzausten Haaren öffnet mir schlaftrunken die Tür. Auf dem Fußboden im Wohnzimmer liegen zwei weitere Gestalten eingemummelt in ihre Schlafsäcke und blinzeln mir missmutig entgegen. Da wollte wohl jemand ausschlafen. Roland macht erst einmal Tee und entschuldigt sich für den unhöflichen Empfang.

30 Anfragen und ein Notfall-Beitrag

Der 29-Jährige ist einer von mehr als 3600 Couchsurfern, die in Budapest registriert sind, und wird mir für drei Nächte Unterschlupf gewähren. Kostenlos, denn das ist Teil der Idee, die sich hinter Couchsurfing verbirgt. Das gemeinnützige Netzwerk hat mittlerweile rund eine Million Mitglieder in mehr als 230 Ländern, die über die Internetplattform www.couchsurfing.com miteinander kommunizieren.

Couchsurfing
So wird der Urlaub etwas besonderes!
Video: news.de

Sie sollen sich über ihre jeweiligen Kulturen austauschen, Freundschaften knüpfen und neue Erfahrungen sammeln, so das Anliegen der Macher von Couchsurfing. «Wir haben die Vision einer Welt, in der jeder auf Reisen gehen und bedeutende Kontakte mit den Menschen und den Orten knüpfen kann, mit denen er in Berührung kommt», heißt es dazu auf der Internetseite. «Jede Couchsurfing-Erfahrung, die unsere Mitglieder miteinander teilen, bringt uns dieser Vision näher.»

Ich selbst habe Couchsurfing (CS) vor drei Jahren entdeckt. Zufällig, als in einer Reise-Dokumentation im Fernsehen davon die Rede war. Meine Neugier war sofort geweckt. Die Idee des kulturellen Austausches, der Blick auf ein Reiseziel durch die Augen von Einheimischen und nicht zuletzt die kostenlose Schlafmöglichkeit faszinierten mich. Mittlerweile ist Couchsurfing aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.

Die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit ist einfach, braucht aber Zeit und Geduld. Einen Monat vor meinem fünftägigen Trip nach Budapest habe ich angefangen, potenzielle Gastgeber - im CS-Slang auch «hosts» genannt - anzuschreiben. 30 Anfragen und einen Notfall-Beitrag im Forum später hatte ich wenige Tage vor meiner Abreise endlich einen Schlafplatz gefunden.

Schlafmangel statt Langeweile

Nun stehe ich bei Roland im Wohnzimmer. Die beiden anderen Jungs sind ebenfalls Couchsurfer und haben mit Roland die letzten drei Nächte durchgefeiert. Von Budapest selbst haben sie wenig gesehen, aber jeder Couchsurfer hat eben andere Prioritäten. Zum Schlafen komme ich hier jetzt jedenfalls nicht mehr, also schnappe ich mir meinen Rucksack und beginne meine Stadterkundung.

Die kommenden Tage sind von Schlafmangel gekennzeichnet, aber Langeweile ist bei Roland eben ein Fremdwort. Wenn ich abends von meinen Besichtigungstouren zurückkomme, hat er immer schon einen Plan, womit wir uns die Nacht um die Ohren schlagen. Er zeigt mir, wo ich für wenig Geld die leckersten landestypischen Gerichte probieren kann, wo es die besten Sandwiches der Stadt gibt und in welchen Kneipen man garantiert die hippesten Leute kennenlernt.

Schnell merke ich, dass es in Budapest kaum jemanden gibt, den Roland nicht kennt. Die Tage bei ihm vergehen wie im Flug. Zum Dank für seine Gastfreundschaft habe ich ihm ein paar typisch deutsche Süßigkeiten mitgebracht. Diese Mitbringsel sind kein Muss, aber als aktiver Couchsurfer, der selbst regelmäßig Leute bei sich beherbergt, weiß ich, wie sehr diese kleine Geste geschätzt wird.

Lesen Sie auf Seite 2, «Für den Strom musst Du bezahlen!»

Es sind Menschen wie Roland, die die Vision vom Couchsurfing Wirklichkeit werden lassen. Ob Gespräche über die ungarische Musikszene oder politische Debatten. Innerhalb kurzer Zeit erfahre ich so viel Interessantes über sein Land, wie mir kein Reiseführer jemals hätte vermitteln können.

Miguel hat weniger Glück. Den Spanier treffe ich am zweiten Tag. Auch er ist allein in Budapest unterwegs und hat über das CS-Forum Gleichgesinnte gesucht, um die Stadt zu erkunden. Er ist ein CS-Frischling, sammelt gerade seine ersten Erfahrungen. Leider hat er eines der wenigen schwarzen Schafe erwischt, die es auch beim Couchsurfing gibt.

Mir stehen die Haare zu Berge, als er mir erzählt, dass sein Host auch mal Leute vor die Tür setzt, wenn sie nicht pünktlich abends um zehn zurück sind. Dass er für jede Nacht von seinen Gästen Geld für Strom und Wasser verlangt. Vier negative Bewertungen auf der Webseite hat der 63-Jährige, der Couchsurfing eher als Kleinunternehmen zu nutzen scheint, in den vergangenen Tagen gesammelt.

Erfahrene Nutzer machen einen großen Bogen um solche Abzocker, die aber nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen sind. Miguel hinterlässt trotz der Beschwerden eine positive Referenz, weil er sich mit seinem Gastgeber «bei einer Flasche Wein gut unterhalten konnte».

30 Länder in sechs Jahren

Für meine letzte Nacht in Ungarns Hauptstadt muss ich noch einmal umziehen. Diesmal schlafe ich bei Outi, einer finnischen Erasmus-Studentin. Bei ihr gibt es zur Begrüßung erst einmal eine Tasse Tee, dazu französisches Gebäck, das ihr frühere Couchsurfer mitgebracht haben.

Outi ist eine Expertin in Sachen CS. Obwohl erst Anfang 20, hat sie eigenen Angaben zufolge in den vergangenen sechs Jahren schon in mehr als 30 Ländern die Gastfreundschaft anderer Couchsurfer in Anspruch genommen. Sie selbst hat beinahe jede Nacht einen anderen Schlafgast. In der Küche hängt ein Terminkalender, in dem hinter jedem Tag ein anderer Name steht.

Negative Erfahrungen hat sie bisher kaum gemacht. Nur einmal, so erzählt sie mir, habe ein Marokkaner wohl etwas «falsch verstanden» und versucht, sich ihr auf unsittliche Weise zu nähern. Ein eindeutiges Nein habe ihn aber in seine Schranken gewiesen.

Nach einer weiteren schlaflosen Nacht, diesmal mit Outi und ihren Freunden, ziehe ich an meinem letzten Tag noch einmal in die Innenstadt. Auf den Stufen einer Kirche verschnaufe ich und höre plötzlich, wie sich hinter mir zwei junge Frauen über Couchsurfing unterhalten. Wir kommen ins Gespräch und ehe ich es mich versehe, verbringe ich des Rest des Nachmittags mit einer weiteren Finnin namens Anniina. Mit Couchsurfing ist man eben nie allein.

Als ich bei Outi meine Sachen holen und mich verabschieden will, steht schon der nächste Schlafgast vor der Tür. Auch er wird mit einer Tasse begrüßt. Zusätzlich zum französischen Gebäck stehen jetzt auch noch deutsche Knabbereien auf dem Tisch. Eine Dankeschön an Outi von ihrer letzten Couchsurferin.

iwe/news.de
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