Von news.de-Mitarbeiter Bernhard Mackowiak
Aus unserer Kommunikation sind E-Mails nicht mehr wegzudenken. Sie gelangen fast so schnell zum Adressaten wie ein direktes Gespräch, aber man kann sich trotzdem während des Schreibens noch korrigieren. Aber wie steht es mit der Wahrheit?
Der Aufschrei war groß, als im Radio zu hören war, dass pro versandter E-Mail ein Porto in Höhe von einem Cent erhoben werden sollte. Kein Wunder, denn der elektronische Briefverkehr hat sich mittlerweile zur beliebtesten und häufigsten Kommunikationsform entwickelt. Zum Glück ging die Meldung am 1. April raus und war nur ein Scherz.
Die Vorteile von E-Mails kennt jeder, und keiner möchte sie missen: E-Mails lassen sich im Gegensatz zum auf Papier verfassten Brief ganz schnell schreiben, der Adressat muss sich nicht mit einer krakeligen Handschrift herumquälen und Fehler lassen sich schnell und einfach korrigieren - und die Mail kommt sofort an.
Die Folgen kennt auch jeder: Es wird geschludert – in der Rechtschreibung, im Satzbau und wer weiß noch wo. Sprachwissenschaftler und Benimmlehrer beklagen das. Doch wäre es nur das. Jetzt haben US-amerikanische Forscher auch noch herausgefunden, dass in elektronischen Briefen häufiger geflunkert wird als in herkömmlichen. Wissenschaftler um Terri Kurtzberg von der Rutgers University in New Jersey veranstalteten mit 48 angehenden Ökonomen ein Ultimatumspiel.
Das Phänomen der «moralischen Ablösung»
Die Probanden sollten dabei einen vorgegebenen Geldbetrag in beliebiger Weise zwischen sich und einem Mitspieler aufteilen. Der Mitspieler konnte den angebotenen Betrag annehmen - in diesem Fall wurde das Geld aufgeteilt - oder ablehnen. War das der Fall, gingen beide Beteiligten leer aus. Außerdem mussten die Probanden dem Mitspieler zusätzlich mitteilen, wie viel Geld im gesamten Topf ist. Und an diesem Punkt hatten sie die Möglichkeit, Tatsachen zu beschönigen, sprich zu lügen, um das Angebot besser erscheinen zu lassen. Und genau das taten die meisten auch.
Wie viele Teilnehmer logen, das hing allerdings von der Kommunikationsart ab. Ein Teil der Testpersonen musste ihr Angebot ganz altmodisch zu Papier bringen und in den Briefkasten werfen; der andere kommunizierte per E-Mail. Letztere Gruppe erwies sich im Vergleich als unehrlicher und egoistischer. In Zahlen ausgedrückt: Neun von zehn Teilnehmern der E-Mail-Gruppe sagten über den aufzuteilenden Geldbetrag die Unwahrheit, während das in der Brief-Gruppe nur zwei Drittel taten. Auch die absolute Höhe ihres Angebots war deutlich geringer.
Doch weshalb die elektronischen Lügen? Experten vermuten, dass die meisten Probanden E-Mails als weniger persönlich betrachteten und sich deswegen weniger verpflichtet fühlten, moralisch zu handeln. Dieses Phänomen wird in der Psychologie als «moralische Ablösung» bezeichnet.
Außerdem, so die Forscher, hätten frühere Untersuchungen gezeigt, dass es den meisten Menschen leichter falle, Verstöße gegen die eigenen moralischen Normen zu rechtfertigen, wenn die Normen unklar seien. Die elektronische Kommunikation werde nicht nur als weniger verbindlich wahrgenommen; es existierten außerdem noch keine klaren Verhaltensregeln, die vorgeben, was akzeptabel sei und was nicht. Deshalb falle es dem Einzelnen leichter, sein unmoralisches Handeln schönzureden.
sck/iwi/reu/news.de