Sa., 26.05.12

Neue Wege für Jungs 22.04.2010 Stippvisite in der Damenwelt

Dörte Jödicke (Foto)
Dörte Jödicke setzt sich bei «Neue Wege für Jungs» für die geschlechtsspezifische Berufsförderung für Jungen ein. Bild: privat

Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl

Am «Girls' Day», der jedes Jahr im April stattfindet,  können Mädchen in typische Männerberufe schnuppern. Doch was ist mit den Jungen? Dörte Jödicke vom Projekt «Neue Wege für Jungs» erklärt, warum auch sie geschlechtsspezifisch gefördert werden müssen.

Frau Jödicke, was genau ist «Neue Wege für Jungs»?

Dörte Jödicke: Ein bundesweites Projekt, das als Service-Büro und Vernetzungsstelle für lokale Initiativen konzipiert ist. Es richtet sich in erster Linie an Lehrkräfte, soziale Fachkräfte und Berufsberatende, die schulische oder außerschulische Angebote zur Förderung von Jungen im Rahmen der Berufs- und Lebensplanung entwickeln, erproben und durchführen. Sie erhalten im Service-Büro Informationen zur geschlechtssensiblen Förderung und Beratung.
Jungen kommen auf der Internetseite www.respekt-jungs.de an Informationen für die Zukunftsplanung. Eigene Zukunftsideen zum Leben und Alltag von Männern im Jahr 2020 können Jungen der fünften bis zehnten Klasse beim Medienwettbewerb Typ 2020 - was morgen zählt entwickeln und veröffentlichen.

Was ist Ziel des Projekts?

Jödicke: Jungen in ihrer Berufs- und Lebensplanung zu helfen. Das Projekt  ermöglicht ihnen, in Berufe hineinzuschnuppern, in denen bislang überwiegend Frauen arbeiten. Das erweitert ihr Berufswahlspektrum. «Neue Chancen für Jungs» soll sie dazu anregen, typisch männliche Rollenbilder kritisch zu hinterfragen und aufzuweichen. Die Jungen können sich Wissen und Fähigkeiten im Bereich Haushalt und Familie aneignen. Auch ihre sozialen Kompetenzen wie Empathie- und Konfliktfähigkeit werden gefördert.

Warum braucht es eine gezielte Jungenförderung?

Jödicke: Ergebnisse der PISA-Studien und weiterer Untersuchungen haben die Bildungs- und Berufschancen von Jungen ins Blickfeld gerückt und auf einen Förderbedarf von Jungen aufmerksam gemacht. Darüber hinaus treffen strukturelle Arbeitsmarktveränderungen insbesondere bisher stark männlich besetzte Berufsfelder in der industriellen Produktion und im Baugewerbe. Die Anforderungen an Berufe im wachsenden Wissens- und Dienstleistungssektor nehmen zu. Die geschlechtsstereotype Berufswahl ist gerade für Jungen mit niedrigem und mittlerem Bildungsabschluss angesichts dieser Veränderungen mit sinkenden Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt verbunden. Eine Erweiterung des Berufswahlspektrums sowie die Anpassung an die gestiegenen Anforderungen vor allem im Bereich der Soft Skills können neue Perspektiven für Jungen eröffnen. Auch die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen fordert eine partnerschaftliche Teilung der Familien- und Erwerbsarbeit zwischen Frauen und Männern. Jungen sollen frühzeitig die Möglichkeit erhalten, Chancengleichheit und männliche Rollenvielfalt als persönlichen Gewinn für das spätere Leben zu erfahren.

Ist «Neue Wege für Jungs» ein Pendant zum «Girls' Day», der es seit zehn Jahren Mädchen ermöglicht, in typische Männerberufe hineinzuschnuppern?

Jödicke: Die Entstehungsgeschichte von «Neue Wege für Jungs» ist sicherlich eng mit dem «Girls’Day» verbunden. Während der «Girls’Day» allerdings an langjährige Erfahrungen aus der nach wie vor notwendigen Mädchenförderung anknüpfen konnte, stand «Neue Wege für Jungs» beim Projektstart 2005 vor einem bislang wenig beachteten Feld, zu dem kaum Erfahrungen vorlagen.

Welche Berufe gelten heutzutage überhaupt noch als  typisch weiblich?

Jödicke: Erzieherische und pflegerische Jobs sowie Dienstleistungsberufe. Medizinische Fachangestellte sind mehrheitlich Frauen. Außerdem arbeiten viel weniger Männer als Frauen in der Altenpflege oder in den Bereichen Erziehung und Kinderpflege. Auch medizinisch-technische Laborassistenten und pharmazeutisch-technische Assistenten gibt es kaum. Im Dienstleistungssektor sind typisch weibliche Berufe Kauffrau für Bürokommunikation, Servicekauffrau im Luftverkehr oder Verwaltungs- und Steuerfachangestellte.

Wie kommen Praktika und Schnuppertage in typisch weiblichen Berufen bei Jungs an?

Jödicke: Sehr gut. In einer Befragung im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung unseres Projekts empfanden mehr als 80 Prozent der 4000 Schüler die Einblicke in Berufe, die als frauentypisch gelten, als tolle Erfahrung. Ein Drittel der Schüler kann sich nach der Stippvisite in einer sozialen Einrichtung sogar vorstellen, später einen erzieherischen oder pflegerischen Beruf zu ergreifen - eine durchaus wünschenswerte Entwicklung. Denn nur 3,4 Prozent des pädagogischen Personals in Kindertagesstätten sind männlich - Tendenz sinkend.

Für welche frauentypischen Berufe interessieren sich die Jungen besonders?

Jödicke: Das lässt sich nicht verallgemeinernd sagen. Die individuellen Vorlieben sind ganz verschieden.

Wissen Sie, ob Jungen, die in der Vergangenheit an Ihrem Projekt teilgenommen haben, später tatsächlich einen typisch weiblichen Beruf gewählt haben?

Jödicke: Nein, leider nicht. Allerdings ist bekannt, dass viele Männer, die heute in Berufen mit einem geringen Männeranteil arbeiten, über den Zivildienst in diese Berufe gekommen sind. Auch wenn der Zivildienst nicht mit einem Schnupperpraktikum vergleichbar ist, scheint ein Einblick in diese Berufe eine notwendige Vorraussetzung zu sein.

Sind Mädchen offener für typisch männliche Berufe oder sind Jungen aufgeschlossener gegenüber typisch weiblichen Berufen?

Jödicke: Grundsätzlich scheint es dem weiblichen Geschlecht leichter zu fallen, Geschlechtergrenzen zu überschreiten. Während mittlerweile Frauen bei Bundeswehr, Polizei und Feuerwehr eine Selbstverständlichkeit sind und sich ihr Anteil an den Beschäftigten vergrößert, stagnieren die Zahlen in Berufen mit einem geringen Männeranteil auf niedrigem Niveau, oder sie fallen sogar weiter ab. Dennoch zeigen die Ergebnisse unserer wissenschaftlichen Begleitung, dass Jungen, die einmal mit typisch weiblichen Berufen in Kontakt gekommen sind, auch tatsächlich sehr offen für sie sind. Allerdings wird sich der Männeranteil dort ohne flankierende politische und pädagogische Maßnahmen nicht von allein erhöhen.

Wie und wo können sich Jungs, die an Ihrem Projekt teilnehmen möchten, bewerben?

Jödicke: Direkt an unserem Projekt teilnehmen können Jungs nicht  Aber sie können über die Datenbank «Jungs willkommen!» auf unserer Website direkt Kontakt zu Anbietern von Jungenaktionen vor Ort aufnehmen. Mittlerweile stehen dort über 1000 Anbieter mit über 9000 Plätzen für Jungen zu Auswahl - und das verteilt über das gesamte Bundesgebiet. Diese Angebote können die Jungen selbst nach für sie geeigneten Plätzen durchsuchen.  Auch Hochschulen bieten Infoveranstaltungen zu frauendominierten Studienfächern an, es gibt Praktikumstage an allgemeinbildenden Schulen und in Jugendzentren sowie Berufsberatungsangebote.

Wie finanziert sich das Projekt?

Jödicke: Es wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

kat/reu/news.de
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • oliver
  • Kommentar 2
  • 18.04.2011 10:38
 

Ich frage mich wie lange diese alten Kamellen noch gebracht werden müssen. Die Sozialistische Ideallinie ist eben eine Künstlich gedachte Linie. Ich werde künftig keine Partei mehr wählen, die diese Zwangsmassnahmen weiterhin umsetzt. Hört endlich auf die Menschen zu Manipulieren und kommt wieder zum Geschäft und zur Tagesordnung über! In Deutschland gibt es ganz andere Probleme als Frauenquoten und Männer in Frauenberufe zu bringen. Die Medien mischen mal wieder voll mit, wieviel Steuergelder bekommen sie dafür, dass sie überall den gleichen Blödsinn verzapfen? Warum schreibt keine mal contra

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  • Jan Appelt
  • Kommentar 1
  • 22.04.2010 23:00
 

Ich finde es schlimm, dass die Redakteurin nicht nachgehackt hat, wie denn durch dieses Projekt Jungen tatsaechlich gefoerdert werden. Sieht man sich naemlich die Praxis an, so sollen Jungen hier nur die schlechtbezahlten Frauenberufe (von denen man Maedchen abraet, denn sie sind zu schlecht bezahlt) schmackhaft gemacht werden. Es ist hingegen (im Gegensatz zum Girls' Day) kein Bildungsfoerderungsprojekt und wird deshalb zu recht auch nicht vom Bildungsministerium gefoerdert. In Deutschland gibt es naemlich immer noch keine nennenswerte Jungenfoerderung im schulischen Bereich, z.B. im Lesen.

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