In Berlin fordern ehemalige Heimkinder von Staat und Kirche Entschuldigungen und Entschädigungsleistungen. Sie werfen den Institutionen vor, in den 1950er bis in die 1970er Jahre die Menschenrechte vieler Kinder in Kinderheimen verletzt zu haben.
Neben Zwangsarbeit, Mangelernährung und Bildungsentzug habe es zwischen 1950 und 1980 extreme körperliche und sexuelle Gewalt in staatlichen und religiösen Heimen gegeben, wie ehemalige Heimkinder den Institutionen im Rahmen einer Demonstration in Berlin vorgehalten haben. Nach Schätzungen des Vereins ehemaliger Heimkinder (VEH) geht die Zahl der Missbrauchsfälle in die Hunderttausende. «Es muss eine umfassende Entschädigung in Form einer Rente gezahlt werden», sagte die VEH-Vorsitzende Monika Tschapek-Güntner auf der Demonstration. Die Täter, vor allem die Kirche, sollten zusätzlich in die Krankenkassen einzahlen, um die Traumatherapien der Betroffenen zu finanzieren.
An dem Protestzug nahmen etwa 250 Menschen teil. Für viele von ihnen ist es der erste Schritt in die Öffentlichkeit nach langem Schweigen. Die Protestierenden errichteten ein Holzkreuz, an dem sie nackte Babypuppen festbanden. Die überlebensgroße Papp-Figur einer «Prügelnonne» mit Kreuz und Rohrstock begleitete die Demonstration.
Gegen den «Runden Tisch Heimerziehung»
Die Demonstration richtete sich auch gegen den «Runden Tisch Heimerziehung», der erneut in Berlin zusammenkam. Das Forum arbeitet seit Anfang 2009 die Missbrauchsfälle in den Heimen der Bundesrepublik in den 1950er und 1960er Jahren auf. Der Betroffenen-Verein warf dem Gremium vor, zugunsten der «Täterorganisationen» die Missbrauchsfälle zu bagatellisieren.
Zudem ist nach Ansicht des Vereins falsch, die Fälle auf jene Epoche zu begrenzen und dabei Behinderteneinrichtungen sowie die Heime der DDR auszugrenzen. Nach Meinung des Vereins müssten alle Fälle von Missbrauch an einem Runden Tisch diskutiert werden, «die der Heime gemeinsam mit denen der Eliteschulen, schließlich sind die Berichte dieselben», sagte Tschapek-Güntner.
Unterdessen hat die Evangelische Kirche in Deutschland auf die Forderungen nach Entschädigungen reagiert: «Die Kirchen werden sich der Forderung nach materieller Entschädigung für erlittenes Leid nicht entziehen», sagte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider dem Sender rbb-Inforadio. Man wolle aber die Diskussionen des Runden Tisches abwarten.
tfa/news.de/dpa