Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Peter Dinkel bringt Gesichtszüge zum Gleißen: Er weiß, was er tun muss, damit Menschen lachen. Mit seinem Talent hat er sich gerettet, denn er konnte keine ernsten Gesichter ertragen – sie waren die Fratzen der Nonnen. Dinkel ist ein bekennendes Heimkind.
Es gibt ein Alpha und ein Omega. «Ein Kind war ich, von nicht einmal fünf Jahren» beginnt sein gereimtes Pamphlet gegen die schwarze Pädagogik. Mit «zehn Jahren Kinderknast» beginnt von 1946 bis 1956 für Peter Dinkel, was erst jetzt ein Ende findet.
Seit Dezember kann der Kabarettist Peter Dinkel diese Klammer seines Lebens benennen. Seit er sich dem Verein ehemaliger Heimkinder anschloss. «Von damals bis heute hatte sich ein Ballon aufgestaut, der hat jetzt ein Ventil», sagt er, und man hört die Luft pfeifen, wenn Dinkel spricht, der von sich selbst sagt, sein Gemütsalter sei zwölf.
Seitdem empfindet das Heimkind - für das etwas Schönes früher nur die Sonne war, wenn sie bei der Sklaverei auf dem Feld herauskam - endlich «Guttuung». Das ist eins dieser Dinkel-Wörter, weil ihm Genugtuung nicht reicht. So, wie er auch von «kleri-kahlen Köpfen» spricht, die er erniedrigen will durch sein urchristliches Angebot, den Erlös seiner Tournee mit den anderen Heimkindern zu teilen. Weil die Kirche nur redet, statt Entschädigungen rauszurücken. Oder die «bekennenden Heimkinder», wie er sich und seine Mitstreiter an diesem Donnerstag bei der Demo in Berlin nennt.
Was mit ihm eigentlich passiert ist, als er im Kinder-Knast saß, im Zuchthaus, in der Kinder-Sklaverei, wie er es nennt? Er sucht drei Beispiele aus, denn «aller schlechten Dinge sind drei.» Einmal muss er zur Strafe die Straßengräben freiräumen, bei Kälte mit bloßer Hand. Ein anderes Mal wird er nachts an den Haaren aus dem Bett gezerrt, mit dem Kopf an der Wand entlang, aus dem Haus getrieben und muss die ganze Nacht draußen im Kalten verharren. Oder es gibt Schläge mit dem Lineal, bis die Haut reißt, weil er beim Gang zur Kirche aus der Rotte ausschert. Und als er, zurück in der Reihe, einem anderen Kind das Blut zeigt, noch einmal Schläge, diesmal auf den Handrücken.
«Aber schönes Wetter war manchmal»
Ob es auch etwas Gutes gab? Zuneigung, Nähe? Dinkel lächelt süffisant. Die weihnachtliche Freude über die Geschenke von den Amerikanern fällt ihm ein. Er erinnert sich an einen bräunlichen Anorak, den er auf den Wunschzettel geschrieben und bekommen hatte. Doch nach der öffentlichen Inszenierung des Festes wurde er ihm weggenommen. Die Geschenke gehörten dem Heim. «Aber schönes Wetter war manchmal», sagt er.
Dass die Form dieser Erziehung System hatte, ist für ihn keine Frage. Schließlich erzählen alle dasselbe. Die täglichen Kopfnüsse, das Zerren an den feinen Härchen am Ohr. Und dann natürlich die Arbeit, Kinderarbeit, für die es keine Rente gibt. Auf den Feldern, in den Waschküchen, beim Toilettenschrubben. Gerne wüsste Dinkel, welche Erziehungsvorgaben eigentlich in den Büchern der Nonnen stehen.
Es sei nicht so, dass er es nie versucht habe, zu reden. In den 1960er Jahren hat er schon mal hier und da angeklopft mit seiner Geschichte, aber weil er für seine Zuhörer nur sponn und fantasierte, war er gleich wieder still. «Wie alle hier.» Weil er, wie sie alle, dachte, er wäre ein Einzelfall. Aber er ist kein gebrochener Mensch. «Ich hatte unglaubliches Glück», sagt er und meint damit sein Talent.
Die Gabe, Gesichter gleißen zu lassen, wie er es nennt. Weil er keine ernsten Gesichter mehr sehen konnte, machte er laufend Späße und lernte, die Züge seiner Mitmenschen freundlich zu machen. Um den Fratzen der Nonnen zu entgehen, wurde Dinkel Humorist, Kabarettist, er therapierte sich selbst, und jetzt fängt er im Netz seines Humors zum ersten Mal den Grund, warum er das eigentlich macht.
Mit Worten spielen gegen düstere Erinnerungen
Gegen düstere Erinnerungen und die Angst vor der Häme kann er jetzt seine Worte spielen lassen, wie er es so gerne macht. Kann die Guttuung und die Kleri-kahlen Köpfe erfinden und Sätze skandieren wie «Wir sind die größte Familie der Welt ohne wirkliche Eltern». Aber bei Peter Dinkel geht der Showman auch nahtlos wieder in das Heimkind über, wenn er sagt, «es tut so gut, diese Familie gefunden zu haben. Endlich habe ich gespürt, ich habe eine Familie.»
Peter Dinkel ist ein gefragter Mann, er bringt die Portion Glamour in die Familie ehemaliger Heimkinder, die sich heute aus ganz Deutschland zur Demonstration in Berlin Mitte zusammengezogen hat. Er trifft die Töne, die sie hören wollen, und die sind deftig und sie sind sanft. Weil Dinkel weiß, wie sich die Gefühle beißen, der Hass und der Schmerz, hat er gleich zwei kabarettistische Programme entwickelt: «Das jüngste Gedicht» und «Die Rache des kleinen Heimkinds», eins sanft und eins böse.
Nur blanken Spott hat er für halbherzige Entschuldigungen und Runde Tische übrig. Weil er, wie die meisten Heimkinder, im Runden Tisch nur eine Farce sieht, verarbeitet er das auf seine Art. Er teilt, wie Sankt Martin. Und gibt die Häme zurück. Das ist sein Omega. «Wenn mit dem Papst ein Ablass mich verbünde, ich würd ne Rechnung schreiben an den Vatikan. Bitt um Begleichung meiner Außenstände, dann kann getrost er in den Himmel fahrn.» Und dann sagt er noch: «Das Wort Hölle vermeide ich bewusst.»
iwe/ivb/news.de