Sa., 26.05.12

Arten sterben 13.04.2010 Deutschland muss wilder werden

Feldlerche (Foto)
In Lerchenfenstern zwitschert sie wieder: die Feldlerche. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Zwischen die Halme auf den Feldern passt nicht einmal mehr eine Feldlerche. Damit das wieder anders wird und nicht bald 40 Prozent aller Tiere und Pflanzen in Deutschland ausgestorben sind, arbeiten Bauern jetzt mit Naturschützern zusammen.

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Dass irgendetwas schief läuft zwischen Natur und Bauern, zwitschert die Lerche von den Feldern. Genauer gesagt, sie zwitschert nicht. Denn ausgerechnet die Feldlerche ist kurz davor, von den vielen Feldern in Deutschland auf die Rote Liste befördert zu werden. Eigentlich ist ihr Lebensraum zwischen den Halmen, doch die stehen inzwischen so dicht, dass kein Vögelchen mehr dazwischen passt.

Weil das so paradox ist, nimmt Hermann Hötker den Vogel gern als Beispiel, wenn es darum geht, wie Ackerbau die Arten sterben lässt. Hötker leitet das Michael-Otto-Institut, das sich innerhalb des Naturschutzbundes Nabu um Vögel kümmert. Einen ganzen Masterplan für den Artenschutz hat der Nabu für 2010 erarbeitet, und weil die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands von Feldern bedeckt ist, haben vor allem Bauern etwas damit zu tun.

Der Bauer als Umweltsau, der seine Tiere auf Spaltböden zusammenpfercht, seine Böden auslaugt und Wildtieren und -pflanzen nebenbei noch den Garaus macht, hat sich für viele Umweltschützer karikaturhaft eingebrannt. «Sehr belastet» sei das Verhältnis, sagt Hötker. Aber er hat nicht nur Verständnis für Tiere, sondern auch für Menschen. «Die Landwirtschaft ist ehrlicherweise dazu gezwungen, so intensiv zu wirtschaften.» Am Produktionsdruck liegt es, dass Wildpflanzen mit Pestiziden beseitigt werden, Insekten nichts zu futtern haben und damit auch ihre Räuber, Vögel und Amphibien, leer ausgehen. Und wenn dann doch mal eine Lerche ins Feld gelegt hat, fährt der Mähdrescher drüber.

Verständnis bringt nicht weiter, die Lage ist ernst, 40 Prozent der Tiere und Pflanzen sind in Deutschland vom Aussterben bedroht. Und weil auch verhärtete Fronten nicht weiter bringen, haben sich Nabu und Landwirte inzwischen auf etliche Überschneidungen geeinigt.

Bauern müssen Artenschutz zu ihrem Projekt machen

Feldlerchen-Fenster heißt eine davon, für die sich zum Beispiel der Rheinische Landwirtschafts-Verband ins Zeug legt. Dafür nehmen die Bauern bei der Aussaat die Maschine kurz hoch und lassen sie dann wieder runter. Dabei entsteht ein vielleicht 20 Quadratmeter großes Fenster zwischen den dichten Halmen, wo die Lerche landen, brüten, Futter finden kann. Vor 30 Jahren zerbrach die Symbiose des Vogels mit dem Acker. Um die Erträge zu steigern, wird Getreide, vor allem Weizen, seitdem schon im Winter ausgesät. Das ermöglicht dem Vogel nur noch eine statt eigentlich drei Bruten, weil das Korn früher hoch und dicht steht und dem Tier keinen Platz mehr lässt.

Um Feldlerchen-Fenster geht es auch in Bonn. Die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft will zeigen, dass Artenschutz mit der Landwirtschaft kein Problem sein muss. Sie zahlt den Bauern in Nordrhein-Westfalen eine Entschädigung für den Ernteausfall, weshalb sich der Landwirtschafts-Verband hier mit 3000 Fenstern schmücken kann.

Viele der gutwilligen Maßnahmen tun gar nicht so weh. «Es stört nicht bei der Bewirtschaftung», sagt Theo Brauweiler. Der Landwirt aus Sankt Augustin umfährt 20 Quadratmeter in seinem Acker und lässt in der feuchten Senke Kreuzschildkröten leben. Oder Leo Gerrick, der das Gut Vogelsang bei Köln leitet. Er lässt 4,5 Hektar Land der Natur, hier kann der Kiebitz brüten und findet Insekten. Ackerbauer Georg Grooten liegt neben dem Image der Landwirtschaft auch der Steinkauz am Herzen, und deshalb hat er Acker- und Weideflächen von intensiven in extensive umgewandelt. Dort weiden seine Tiere, er hat Obstbäume gepflanzt und mäht ab und zu, ansonsten lässt er die Wiesen in Ruhe - und der Steinkauz findet Futter und Höhlen.

Weil man beim Artenschutz mit der Kür allein jedoch nicht weiterkommt, fordern Naturschützer auch eine Pflicht. «Die großen Subventionen, die an die Landwirtschaft gezahlt werden, müssen an Auflagen gekoppelt werden», fordert Hermann Hötker. «Es ist wichtig, dass die Landwirtschaft den Artenschutz zu ihrem eigenen Projekt macht.»

iwe/ivb/news.de
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