«Ins Tal mitrudern»
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Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Artikel vom 12.04.2010
Zehn Menschen kamen bei einer Lawine auf der russischen Halbinsel Kamtschatka um. Wie Wintersportler im Ernstfall ihre Überlebenschancen erhöhen, weiß Lawinenforscher Martin Engler aus eigener Erfahrung.
Die meisten Lawinen werden von Wintersportlern ausgelöst, auch jetzt wieder bei dem Fall in Russland. Wie passiert so etwas?
Engler: Die Hauptrolle spielt das Gewicht des Skifahrers, also die Belastung auf die obere Schneedecke. Wenn diese zur darunterliegenden Schicht keine Verbindung hat, kann sie abgebrochen werden. Das bildet in der Folge die Schneebretter, die den ganzen Hang ablösen.
Woran können Skifahrer erkennen, dass eine Lawine droht?
Engler: Manchmal gibt es Alarmzeichen: Wummgeräusche in der Schneedecke zum Beispiel, frisch abgegangene Lawinen, starker Wind, Schneewehen und plötzliche starke Erwärmung.
Und was können Sie tun, wenn Sie von einer Lawine erfasst werden?
Engler: In den häufigsten Fällen rutscht die Schneedecke unter den Skiern weg, also wie ein Teppich, der weggezogen wird. Da gibt es eine Methode: Man legt sich auf den Rücken, stellt die Ski nach oben an und versucht mit den Armen mit der Lawine ins Tal zu rudern. Das erhöht die Chancen. Es ist aber fragwürdig, ob es klappt.
Trotzdem haben Sie sich in selbst ausgelöste Lawinen begeben, um es zu testen.
Engler: Wir haben dafür aber auch die perfekten Bedingungen gewählt: einen Hang, den wir sehr gut kannten und der einen breiten Auslauf hatte. Das ist sehr wichtig, damit die Schneemassen sich am Ende nicht zu sehr stauen. Trotzdem habe ich mich da nicht sofort hineingetraut und oben lange mit zitternden Knien gestanden.
Wie fühlt sich das an, in eine Lawine zu geraten?
Engler: Sehr unangenehm. Das ist ein sehr machtloses Gefühl. Es bewegt sich ja alles ringsherum. Das ist vielleicht so, wie wenn man im Meer in eine sehr große Welle gerät.
Hilft Zusatzausrüstung wie der Lawinenairbag (ABS), der den Skifahrer an der Oberfläche halten soll?
Engler: Das reduziert schon das Risiko. Es gibt verschiedene Systeme, der ABS ist allerdings am besten erforscht. Aber auch der Lawinenball, der sich aufbläst und an der Oberfläche anzeigt, wo jemand begraben liegt, ist sinnvoll. Allerdings haben all diese Methoden ihre Schwachstellen, man darf sich darauf nicht zu 100 Prozent verlassen.
Was bleibt noch zu tun, wenn die Lawine vorbei und man selbst schließlich verschüttet ist?
Engler: Ganz wichtig ist, dass man vor dem Stillstand der Schneemassen versucht, sich eine Atemhöhle zu schaffen. Das heißt, dass man den Schnee mit den Händen so weit wie möglich vom Gesicht entfernt hält. Ansonsten kann man gegen die Erstickungsgefahr wenig tun, außer Ruhe bewahren.
Wie lange muss man denn im Durchschnitt ausharren, bis Hilfe kommt?
Engler: Das hängt davon ab, ob man zum Beispiel einen Lawinenball mit sich führt. Damit kann man relativ schnell gefunden werden. Wenn Leute in der Nähe sind, würden die einen in zwei bis fünf Minuten ausgraben. Ist das nicht der Fall, braucht eine organisierte Rettungsaktion mit Hubschraubern und so weiter etwa 20 Minuten Vorbereitung.
Martin Engler ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und untersucht seit mehr als 25 Jahren Schneelawinen. Er gibt Kurse, wie Wintersportler sich auf der Piste verhalten sollten und hilft bei der Vorhersage von Lawinen.
iwe/ivb/news.de
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