«Warten auf Zuhause»
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Von Katie Kahle
Artikel vom 06.04.2010
Nach Monaten in Zeltstädten sind die Fertighäuser Luxus. Im italienischen L'Aquila kehrt auch ein Jahr nach dem Beben noch keine Normalität ein. Der Wiederaufbau dauert an.
«Hier sind wir jetzt.» Osvalda Petrella klingt müde und traurig. Die 60-Jährige sitzt vor ihrem hellrosa Fertighaus in der Sonne. Nach dem kalten Winter in der Bergregion Abruzzen lässt der Frühling wieder hoffen. Doch die Idylle der grünen Rasenflächen um der pastellfarbenen Häuschen trügt. Osvalda blickt auf eine Geisterstadt. Nur wenige Meter entfernt ragen hinter Maschendraht die Trümmer ihres italienischen Heimatortes hervor: Onna. Das kleine Dorf im Osten von L'Aquila, das bei dem schweren Erdbeben vor einem Jahr dem Erdboden gleichgemacht wurde, ist auch heute noch ein Trümmerhaufen.
90 Prozent der Gebäude wurden in der Nacht zum 6. April durch die furchtbaren Erdstöße der Stärke 6,3 zerstört, 41 der 280 Einwohner von Onna starben. Osvalda gehört zu den wenigen Glücklichen, die keine unmittelbaren Angehörigen beweinen. Freunde hat auch sie verloren.
«Der Zivilschutz nennt das hier das neue Onna», erzählt die Italienerin. Seit Oktober wohnen Osvalda und ihr Mann mit ihrer Tochter und ihren Enkeln in dem Fertighäuschen. Sicher, nach über sechs Monaten in den vom italienischen Zivilschutz eingerichteten Zeltstädten mutet das neue Zuhause wie Luxus an. Die Regierung hat Herd, Waschmaschine und Fernseher gespendet. «Aber hier will keiner ein neues Onna - wir wollen wieder in unser altes Dorf.» Und damit ist Osvalda nicht allein. «Wir warten auf Zuhause», bringt es ihr Mann Federico auf den Punkt.
Drei Winter werde es dauern, hatte der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi im vergangenen Juli beim G8-Gipfel in der Bebenregion gesagt. Seither sind Monate ins Land gegangen. Spekulationsskandale überschatten den Wiederaufbau. Jedes Wochenende versammeln sich Hunderte zum Protest im bis heute brachliegenden historischen Zentrum der Regionalhauptstadt L'Aquila. Sie räumen mit Schubkarren die Trümmer weg, in der Hoffnung, etwas zu bewegen. Bei 4,5 Millionen Kubikmetern Geröll dürfte die Aufräumarbeit lange dauern. Wie in Onna warten auch in L'Aquila alle darauf, in ihr altes Leben, ihre alte Stadt zurückkehren zu können.
Für Osvalda und die anderen Einwohner von Onna dürfte die Rückkehr in ihr Dorf dank deutscher Hilfe ein wenig näher rücken. Deutschland hat einiges wiedergutzumachen: 1944 waren in Onna von der Wehrmacht mehr als ein Dutzend unschuldige Zivilisten erschossen worden. Oft wird berichtet, es habe sich um eine «Vergeltungsmaßnahme» für einen Partisanenangriff gehandelt. Aber die Menschen im Dorf erzählen eine andere Variante. Die Deutschen wollten ein Pferd stehlen. Die Dörfler wehrten sich, es kam zu einem Schusswechsel und anschließend zum Massaker. Partisanen habe es in Onna nie gegeben, sagt auch Osvalda.
Schon damals, vor 66 Jahren, hatte Onna einem Trümmerhaufen geglichen. Denn die Wehrmachtssoldaten sprengten, bevor sie weiterzogen, in dem damals noch kleineren Ort gut ein Dutzend Gebäude. 65 Jahre lang gedachten allein die Menschen aus Onna des Martyriums. Kein hoher Besuch würdigte ihre Trauer. Erst, seitdem der mittelalterliche Ort zum zweiten Mal zerstört wurde - diesmal durch das Beben - steht vor dem Haus in der Via dei Martiri Nummer 26 auch ein Gedenkkranz der Bundesrepublik Deutschland.
An diesem Dienstag um 4.32 Uhr - exakt ein Jahr und eine Stunde nach den verheerenden Erdstößen - wird nun dank einer Spendenkampagne der deutschen Botschaft in Rom der erste Stein für den Wiederaufbau des Gemeindezentrums gelegt werden. Für Mittwoch hat die Botschaft ein Spendenkonzert in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore organisiert. Die Bundesregierung stellte bereits im vergangenen Jahr drei Millionen Euro bereit. Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks aus Bayern haben beim Aufbau der Strom- und Wasserversorgung für die Fertighäuser mitgeholfen.
Osvalda berichtet von Architekten, die Pläne geschmiedet haben. Rund 50 Millionen Euro soll der gesamte Wiederaufbau kosten. Wann damit begonnen wird, steht noch nicht fest. Und darüber, wie lange sie noch im «neuen Onna» wohnen muss, will Osvalda nicht nachdenken. Was zählt, ist die Hoffnung, in das alte Leben zurückkehren zu können. Und dabei ist Deutschland für Osvalda und ihre Leidensgefährten «una marcia in più» - ein zusätzliche große Hilfe.
iwe/reu/news.de/dpa
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