Sa., 26.05.12

Beziehungen 21.03.2010 «Das schärfste Mittel, zur Ehe zu zwingen»

Familie (Foto)
Immer mehr Paare mit gemeinsamen Kindern entscheiden sich ganz bewusst gegen die Ehe. Oft müssen sie sich deswegen rechtfertigen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Kristina Schmidl

Unverheiratete sind gegenüber Verheirateten noch immer benachteiligt. Dennoch entscheiden sich mehr und mehr Paare auch mit Kind zu für ein Zusammenleben ohne Trauschein. Der Soziologieprofessor Klaus Hurrelmann verrät, warum.

Herr Professor Hurrelmann, inwiefern hat sich das gesellschaftliche Bild unverheiratete Beziehungen gegenüber früher geändert?

Hurrelmann: Es ist noch gar nicht so lange her, etwa zwei Generationen erst, da galt diese Lebensform als unanständig, als wilde Beziehung. Weil sie sich nicht mit dem deckte, was die Regel war. Ein derartiges Zusammenleben wurde nicht als Basis einer seriösen Familie verstanden. Man unterstellte sogar, so genannte Ehen ohne Trauschein wirkten sich schädlich auf die Kinder aus.

Warum ist die gesellschaftliche Akzeptanz unverheirateter Beziehungen allmählich gestiegen?

Hurrelmann: Weil immer mehr Menschen diese Lebensform praktiziert haben. Mittlerweile sind rund zwanzig Prozent aller Paare in Deutschland nicht verheiratet. Im Osten ist der Anteil unverheirateter Beziehungen noch höher als im Westen. Das Zusammenleben ohne Trauschein ist mehr und mehr in die Normalität hinein gerutscht. Sicherlich hängt das auch damit zusammen, dass Prominente wie zum Beispiel Günther Jauch in einer solchen Konstellation leben. Das strahlt enorm in die Breite aus. Allerdings sind manche alten Vorurteile und Unterstellungen trotzdem geblieben.

Weshalb verzichten heute so viele Paare aufs Heiraten?

Hurrelmann: Aus einer bewussten Entscheidung für einen bestimmten Lebensstil heraus. Dass sie sich, wie manche vermuten, die Kosten für eine Hochzeit sparen möchten, ist kein Grund für sie, ehelos zu bleiben. Vielmehr werden Partnerbeziehungen immer stärker als privater Bund empfunden, und man möchte nicht, dass Kirche oder Staat einen solchen Bund besiegeln. Viele Paare wollen ihre Beziehung so der Öffentlichmachung entziehen. Absichern möchten sie sich aber trotzdem. Daher schließen viele Paare zivilrechtliche Verträge ab, die Eheverträgen ähneln.

Wann wird heutzutage überhaupt geheiratet? Und warum?

Hurrelmann: Das Heiratsalter hat sich in den vergangenen Jahren stetig aufgeschoben. Das Durchschnittsalter von Frauen liegt bei knapp unter 30. Das entspricht auch dem Durchschnittsalter, in dem sie zum ersten Mal Mutter werden. Auch die soziale Schichtung beeinflusst das Thema Heiraten. Besser gebildete und damit meist auch besser situierte Paare heiraten in der Regel viel später als Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau und knappen finanziellen Mitteln. Höher gebildete Menschen treffen die Entscheidung, zu heiraten, überlegter, und sagen auch eher mal nein. Daher sind unverheiratete Beziehungen weiter oben auf der sozialen Leiter verbreiteter als unten.

Inwiefern sind unverheiratete Paare gegenüber Verheirateten benachteiligt?

Hurrelmann: Das deutsche Steuerrecht setzt sehr stark auf die Ehe. Das Ehegattensplitting bietet verheirateten Paaren gegenüber unverheirateten enorme Vorteile. Vor allem, wenn ein Partner deutlich weniger verdient als der andere. Es ist gewissermaßen das schärfste Mittel, Leute zur Ehe zu zwingen. Außerdem haben Kinder unverheirateter Paare trotz zahlreicher Angleichungen in jüngster Vergangenheit noch immer nicht die gleichen Rechte wie die Kinder Verheirateter. Ich denke da an finanzielle Regelungen, zum Beispiel ans Kindergeld. Die Unterstützung und die Rechte unverheirateter Elternpaare und ihrer Kinder sind nicht so selbstverständlich geregelt wie die Verheirateter und ihrer Kinder. In unverheirateten Beziehungen ist nicht immer ganz klar, wer denn nun das Kindergeld bekommt und wohin es fließt. Unverheiratete haben also erheblich mehr Mühen zu bewältigen, um ihre Rechte in Anspruch nehmen zu können. Der Gesetzgeber und die Tradition gehen in Deutschland noch immer davon aus, dass die Regel die Ehe ist.

Und wie steht es mit dem Rechtfertigungszwang für unverheiratete Beziehungen?

Hurrelmann: Den gibt es durchaus. Die Eltern geraten immer wieder in Situationen, die man durchaus als Diskriminierung auffassen kann – je nachdem wie empfindlich man ist. Solche Situationen können sich zum Beispiel ergeben, wenn der Nachwuchs in den Kindergarten kommt. Dann wird oft gefragt, wer eigentlich für die Erziehung zuständig ist und ob der Mann, der da mitkommt, auch tatsächlich das Sorgerecht hat.

Gibt es Zahlen, die die Stabilität von Paarbeziehungen ohne Trauschein mit der von Ehen vergleichen?

Hurrelmann: Sie weichen nicht groß voneinander ab. Eventuell gehen unverheiratete Paare ein wenig häufiger beziehungsweise schneller auseinander als Verheiratete. Aber der Unterschied ist minimal.


Klaus Hurrelmann ist Professor für Sozial- und Bildungsforschung. Tätig ist er an der Berliner Hertie School of Governance in Berlin. 

iwi/news.de
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