Mo., 13.02.12

Sexueller Missbrauch Eine Lanze für den Verrat

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Artikel vom 18.03.2010

Missbrauch ist in aller Munde. Endlich. Denn es gibt ihn, jeden Tag und überall, und Verdrängung ändert nichts daran. Deshalb sollten Opfer, die bisher geschwiegen haben, den Moment nutzen. Und verraten.

Soll ich ihn anzeigen? Jahre, vielleicht jahrzehntelang stand das nicht wirklich zur Debatte. Der eigene Vater, ein Onkel, ein guter Freund der Familie - was eine Anzeige alles auslösen würde! Lieber versuchen, zu vergessen. Aber damit ist es jetzt vorbei.

Wenn jeden Tag neue ekelhafte Taten in der Zeitung stehen, prominente Gesichter offenbaren, dass auch sie als Jugendliche ihre Lehrer oder Erzieher an den Geschlechtsteilen anfassen mussten oder von ihnen angefasst wurden, drängen die düsteren Momente im eigenen Leben wieder ins Bewusstsein. Jede und jeder, der so etwas erlebt hat, muss sich der Erfahrung noch einmal stellen.

Und nicht nur das. Es geht jetzt auch ums Handeln. Ist der Täter womöglich noch immer in einer Position, in der er mit Kindern zu tun hat? Dann hat man als Opfer eine direkte Verantwortung. Aber auch, wenn das nicht der Fall ist, ist der Gang zur Staatsanwaltschaft jetzt der richtige Weg. Bei Misshandlung im Kindesalter beginnt die 20-jährige Verjährungsfrist erst mit dem 18. Lebensjahr. Dass momentan die Schleusen offen stehen, ist eine Chance, die wir nicht verstreichen lassen sollten.

Ja, wir brauchen Verrat und Denunziantentum statt verkorkste Solidarität. Es muss selbstverständlich werden, Missbrauch anzuzeigen, und was ist selbstverständlicher als das, was ohnehin gerade in den Medien hoch und runter läuft? Wenn die Täter damit rechnen müssen, entlarvt zu werden, wenn Eltern, Sozialarbeiter und Gerichte nicht als allererstes an ihren Kindern zweifeln, wenn die vom Missbrauch erzählen, dann geschehen diese Verbrechen seltener.

Ob man damit eine Hexenjagd in Gang setzt, Unschuldige unter Verdacht bringt, ein Ventil für Rache schafft? Diese Möglichkeit besteht immer. Das sollte aber niemanden davon abhalten, mit aller Macht gegen ein schweres Verbrechen zu kämpfen.

mik/news.de
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Sexueller Missbrauch: Eine Lanze für den Verrat » Gesellschaft » Nachrichten

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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 19.03.2010 16:48
von
julchen

Als eine Betroffene, die über die Kindheits- und Jugendzeit über viele Jahre missbraucht und bedroht wurde, möchte ich diesem Artikel in vollem Umfang zustimmen. Meines Erachtens sind 20 Jahre sogar nicht einmal genug. Heute, 29 Jahre später, bin ich erst emotional fähig eine Strafanzeige zu stellen und könnte eine Gerichtsverhandlung durchstehen. Kindheit, Jugend und ein großer Teil meines Lebens wurden geraubt. Als ich zehn war, hat meine Mutter den Missbrauch bemerkt und geschwiegen, um sich selbst zu schützen. Mit 18 bin ich ausgezogen. Bitte schweigt nicht.

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