Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Angeblich ist weit über die Hälfte der Deutschen übergewichtig, fast ein Viertel sogar fettleibig. Nur dicke Menschen gibt es irgendwie keine. Auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem Body Mass Index.
Jeder kennt irgendeinen Joschka Fischer. Der dicke Onkel, der immer dick war. Dann hat man ihn ein paar Jahre lang nicht gesehen, und plötzlich ist er dünn. Es geht also doch. Wie hat er das geschafft? Der muss ja einen Willen haben, eine Disziplin! Eigenschaften, die Dicken im gesellschaftlichen Konsens abgesprochen werden, schmücken denjenigen umso mehr, der den Absprung geschafft hat. Sieht er jetzt besser aus? Naja, faltiger. Ist er jetzt mehr er selbst? Weiß nicht. Entscheidend ist doch für die meisten von uns das Augenfällige: Er ist nicht mehr fett.
Alle, die im Café sitzen, sind schlank, und das Café ist groß. Nur eine Dame fällt ein bisschen aus dem Rahmen, sie sitzt recht zentral und könnte etwas mehr Platz brauchen als den Kaffeehausstuhl. Auch das Haar ist üppig und fällt ihr graugewellt auf die Schultern. In ihrer Dreierrunde stellt sie im lilafarbenen Poncho die Diva dar, ein Eindruck, der sich bestätigt, als sie aufsteht und den trapezförmig geschnittenen Pelz überschwingt. Diese Frau hat es sicher nicht nötig, im kantigen Becken und Wespentaille ihre Selbstbestätigung zu finden, ist der Eindruck, und das beruhigt irgendwie. Es gibt auch noch andere Beispiele für selbstbewusste Dicke als Cindy aus Marzahn.
Mehr als die Hälfte aller Deutschen hat Übergewicht. Das behauptet unter anderem eine Studie der Association for the Study of Obesity, einer Vereinigung, die Übergewicht studiert. Woher sie das weiß? Nun, 75,4 Prozent der Männer und 58,9 Prozent der Frauen haben eine Body Mass IndexDer sogenannte BMI entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24. von mehr als 25, ein knappes Viertel der Frauen und Männer überschreitet sogar den BMI von 30 und gilt daher als fettleibig. Der Studie nach sind die Deutschen die dicksten Europäer.
Doch wenn man sie sucht, sind sie nicht da. Nur stinknormal-schlanke Menschen unterwegs in der deutschen Fußgängerzone. Da ist es gar nicht so einfach, zu beobachten, ob Dicke im Alltag offen oder latent diskriminiert werden. Vielleicht in der Buchhandlung, Abteilung Diätbücher. Niemand da, weder dick noch dünn. Geben wir ihnen zehn Minuten. Zwei schlanke Frauen schlendern mäßig interessiert am Regal vorbei. Erlebnis-Erkenntnis nach Ablauf der Zeit: Man wird als junge Frau in der Buchhandlung zwar von 75-jährigen angegraben, Dicke aber gibt es hier nicht.
Nächster Halt beim Fast-Food-Veranstalter nebenan. Wo, wenn nicht hier? Aber was ist eigentlich dick? Wenn man diesen BMI mal ausrechnet, darf eine 1,65 Meter große Frau keine 70 Kilo wiegen. Da sprengt sie schon die böse 25. Und ein 1,80-Mann, der 100 Kilo auf die Waage bringt, ist fettleibig: BMI 30,8. Zwei junge Frauen, die hier Burger bestellen, zeigen etwas strammere Oberschenkel. Vielleicht würde der Body-Mass-Index-Gott bei ihnen Übergewicht diagnostizieren, wahrscheinlich machen sie sogar ab und zu Diät. Aber sie kaufen ganz selbstbewusst zweimal Happy Meal für sich und ihre Kinder. Da ist für vier Leute ja auch nicht viel drin. Die Kinder sind auch sehr dünn. Und die dürren Mäuschen an der Nachbarkasse gleichen die Oberschenkeldicke wieder aus.
Kurz vor Ende der obligatorischen zehn Minuten kommt endlich ein Mädchen in den Laden, das wirklich dick ist. Sie wird genauso desinteressiert bedient wie alle anderen, aber ihre Bestellung ist enttäuschend: große Cola und großer Kaffee für sie und ihre Mutter. Aus einem Grund, der definitiv nicht mit ihrem Gewicht zu tun hat, ist hinter ihr eine lange Schlange entstanden. Alle dünn. Wenn über die Hälfte von ihnen Diät macht, weil sie angeblich zu dick sind, laufen hier bald nur noch Strohhalme rum.
Bleibt noch C&A. Die richtige Adresse auf der Suche nach dem Klischee Dick, doof und arm?, wie der Soziologe Friedrich Schorb sein Buch genannt hat . C&A ist billig, und es gibt tatsächlich eine kleine Kollektion namens XL, mit Größen ab 44 aufwärts. Die sehr füllige junge Frau geht zweimal dran vorbei und bleibt dann beim normalen Jeansstapel hängen. Etwas hilflos ruft sie eine Verkäuferin, ob das alles Röhrenjeans seien, denn mit den Hosengenres «Slimmy», «Bootcut» und «Straight Leg» kann sie nichts anfangen. Slimmy sei sehr eng, erfährt sie, «eng ist doof», antwortet sie, und die Verkäuferin entgegnet, «nein, nicht doof», und verkneift sich offensichtlich irgendeine Restaussage. Das Mädchen verschwindet ziemlich schnell ohne neue Hose. Auch das fließende schwarze Oberteil mit gewagter Spitze am Rücken hat sie wieder aus der Hand gelegt.
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